Gemäß einer aktuellen Studie von Brand-Miller und Team in „Science“ war nicht nur Fleischnahrung ein wichtiger Treiber der Evolution des menschlichen Gehirns, sondern auch Zucker aus Früchten und Honig. Fleisch wurde zunehmend wichtig … aber am Anfang war der Zucker.
Sydney. Wusste doch schon Friedrich Engels, dass der frühe Mensch bzw. die frühen Menschenarten nicht nur durch die Arbeit – das bewusste Einwirken auf die Natur durch Nutzung der Hand, Werkzeuggebrauch und zunehmende Aneignung aller Ressourcen in der Natur – sondern auch durch die Ausweitung seiner Ernährung zu jenem Menschen wurde, wie wir ihn heute repräsentieren. So bestätigt sich auch in aktuellen Befunden, dass der „Übergang von der bloßen Pflanzennahrung zum Mitgenuss des Fleisches“ (F. Engels, 1876) ein wichtiger Treiber der Gehirnentwicklung und damit der menschlichen Evolution war. Doch fangen wir von vorne an: Unsere Vorfahren, Vormenschen wie der Australopithecus, der vor etwa 3,5 Millionen Jahren im südlichen Afrika lebte, haben kein oder kaum Fleisch gegessen. Auch Stärke-haltige Wurzeln oder Knollen kamen bis zur Nutzung des Feuers (vor grob einer Million Jahren) kaum als Energielieferanten in Frage, da rohe Stärke für den Menschen unverdaulich ist und keine Glukose im Darm freisetzt. Das im Laufe der Evolution immer größer werdende Gehirn brauchte jedoch viel Glukose als Energie; feststeht, dass sich die Gehirnmasse von 300 g beim Australopithecus afarensis auf 1.500 g beim Homo sapiens erhöht hat. Und diese Energie kam zunächst vorwiegend aus einer Auswahl pflanzlicher Lebensmittel.
Brand-Miller und ihr Team von der University of Sydney modellierten die menschliche Ernährung über rund vier Millionen Jahre hinweg – von Schimpansen über frühe Hominiden wie Australopithecus „Lucy“ bis zu modernen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften. Das Ergebnis, das die Forschenden auch in einer Übersichtsarbeit im Fachjournal Science vorstellen: Kohlenhydrate spielten über den gesamten Zeitraum eine zentrale Rolle. Schimpansen und Lucy deckten demnach rund 66 Prozent ihres Energiebedarfs durch Zucker, moderne Jäger und Sammler noch immer mindestens 25 Prozent. Wichtige Zuckerquellen waren zunächst vor allem Früchte. Reife Früchte enthalten je nach Sorte zwischen einem und 25 Prozent Zucker; Bananen etwa 15, Weintrauben rund 16 Prozent. Darüber hinaus hebt die Studie eine in der Evolutionsforschung oft unterschätzte Quelle hervor: Honig. Mit einem Zuckergehalt von 85 bis 90 Prozent zählt er zu den energiereichsten Nahrungsmitteln überhaupt, sowohl Schimpansen als auch moderne Jäger-und-Sammler-Gesellschaften schätzten ihn sehr.
Zwar können auch Fleisch und andere Proteinquellen über die sogenannte Glukoneogenese indirekt Glukose liefern. Dabei produziert die Leber aus Aminosäuren Zucker. Laut Brand-Miller ist dieser Prozess jedoch ineffizient und reicht besonders für ein wachsendes Gehirn nicht aus. Darüber hinaus haben Frauen während Schwangerschaft und Stillzeit einen stark erhöhten Glukosebedarf, der über Glukoneogenese kaum zu decken ist. Die Rolle des Fleischkonsums in der menschlichen Evolution wird dadurch jedoch nicht schmäler. Fleisch – und umso mehr gebratenes Fleisch, das quasi schon einen Schritt der Vorverdauung durchlaufen hat ‑wurde während der menschlichen Evolution zu einem wesentlichen Lieferanten von Proteinen, essenziellen Fetten und damit auch Kalorien. Es war ein wahrer „Gamechanger“, als vor über 2 Millionen Jahren frühe Menschenarten Fleisch und Knochenmark zur Ernährung nutzten. Damit konnte auch sehr viel Energie, die vormals in einen überaus langen Verdauungstrakt und viel Verdauungsarbeit investiert werden musste, für andere Prozesse genutzt werden, und die Menschen haben sich im Laufe der Zeit jedes Habitat dieser Erde nutzbar gemacht. Kohlehydrate (inklusive der Form als Zucker) haben sich damit aber als wesentlicher Bestandteil der menschlichen Ernährung nicht überholt. Eines hat sich jedenfalls bestätigt: Der Mensch war von Anfang an ein anpassungsfähiges Wesen, genau das hat ihn geformt und macht ihn aus.
Damit haben wir heute eine Situation, in der sich jede und jeder bestätigt fühlen kann: sowohl die begeisterten Fleischesser, als auch die überzeugten Pflanzenesser, umso mehr aber noch die Alles-Esser. Nichtsdestotrotz nehmen wir heute zumeist zu viel Zucker zu uns und zudem in der falschen Form. Süße Getränke und Speisen mit raffiniertem Zucker sind mit Früchten und Honig kaum zu vergleichen, da in dieser Form all die schützenden Nährstoffe und Antioxidantien fehlen – Vitamin C, sekundäre Pflanzenstoffe wie Flavonoide etc. – die in der Natur normalerweise mit dem Zucker einhergehen. Der exorbitante Konsum von raffiniertem Zucker führt zu vorzeitiger Alterung der Zellen und chronischen Erkrankungen, allen voran Diabetes Typ 2. Daher lieber einen Obstkorb mit lieben Freundinnen und Freunden genießen, als sich allein über die Bonbons hermachen, gemäß dem Motto: „So süß wie du kann kein Karamell-Bonbon sein.“
Quelle: ORF/Science/Max Planck Gesellschaft/Friedrich Engels
















































































