Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.
An der Tür der Bäckerei hängt ein Schild: „Wir suchen Verstärkung.“
Vielleicht hängt es dort schon seit Monaten. Die Bäckerei sucht ausgebildete Bäckerinnen und Bäcker, findet aber niemanden. Irgendwann werden die Öffnungszeiten eingeschränkt. Im schlimmsten Fall schließt der Betrieb.
In vielen Branchen hören wir ähnliche Geschichten. Und schnell fällt ein Wort, das inzwischen ganz selbstverständlich zu unserem Alltag gehört: Fachkräftemangel. Aber was fehlt eigentlich, wenn Fachkräfte fehlen?
Wenn Menschen fehlen
Zunächst beschreibt der Begriff etwas durchaus Reales. Wenn ein Betrieb eine bestimmte Qualifikation benötigt und niemanden findet, der diese Arbeit übernehmen kann, entsteht ein Problem. Eine Bäckerin lässt sich nicht von heute auf morgen ausbilden, ebenso wenig eine Pflegekraft, ein Elektriker oder eine Technikerin. Doch mit der Feststellung, dass Fachkräfte fehlen, wissen wir noch nicht, warum sie fehlen.
Wurden zu wenige Menschen ausgebildet? Gibt es die Fachkräfte, aber nicht dort, wo sie gebraucht werden? Haben Menschen den erlernten Beruf verlassen? Sind Arbeitszeiten, Belastung und Entlohnung so wenig attraktiv, dass sich junge Menschen für andere Berufe entscheiden? Oder finden Betriebe zwar Arbeitskräfte – aber nicht zu den Bedingungen, zu denen sie sie beschäftigen möchten? All diese Situationen können unter demselben Wort verschwinden: Fachkräftemangel.
Was der Begriff sichtbar macht
Das Wort richtet unseren Blick zunächst auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der Wirtschaft fehlen Fachkräfte. Also scheint die naheliegende Lösung darin zu bestehen, mehr Fachkräfte verfügbar zu machen. Mehr Menschen sollen ausgebildet werden. Qualifikationen sollen stärker am Bedarf des Arbeitsmarktes ausgerichtet werden. Fachkräfte sollen aus anderen Ländern angeworben werden. Menschen sollen länger oder mehr arbeiten. Das alles kann im konkreten Fall sinnvoll sein.
Aber der Begriff lenkt unseren Blick weniger selbstverständlich in die andere Richtung. Was müsste sich an einem Beruf verändern, damit Menschen ihn ergreifen und auch darin bleiben wollen? Welchen Lohn bietet ein Betrieb? Welche Arbeitszeiten? Wie hoch ist die Belastung? Lässt sich die Arbeit mit Familie und Privatleben vereinbaren? Gibt es genügend Ausbildungsplätze? Und wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass Fachkräfte ausgebildet werden?
Die Frage lautet dann nicht mehr nur: Woher bekommen wir die fehlenden Fachkräfte?
Sondern auch: Unter welchen Bedingungen wollen Menschen ihre Arbeitskraft überhaupt anbieten?
Ein Markt mit zwei Seiten
Auf dem Arbeitsmarkt begegnen sich unterschiedliche Interessen. Unternehmen benötigen menschliche Arbeitskraft, um produzieren und Dienstleistungen anbieten zu können. Sie brauchen Menschen mit bestimmten Kenntnissen und Fähigkeiten und müssen zugleich darauf achten, zu welchen Kosten sie produzieren können.
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wiederum verkaufen ihre Arbeitskraft, weil sie ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Gleichzeitig haben auch sie Interessen: an einem Einkommen, von dem sie leben können, an erträglichen Arbeitszeiten, Sicherheit, Gesundheit und einem Leben außerhalb der Arbeit.
Der Arbeitsmarkt ist deshalb kein Lager, in dem eine bestimmte Anzahl von Fachkräften bereitliegt und aus dem Unternehmen nur zugreifen müssten. Menschen entscheiden – soweit ihre Möglichkeiten es zulassen –, welche Ausbildung sie machen, welchen Beruf sie ergreifen, ob sie darin bleiben und zu welchen Bedingungen sie bereit sind zu arbeiten.
Gerade deshalb lohnt sich eine kleine sprachliche Umkehrung.
Wenn ein Betrieb zu den angebotenen Bedingungen niemanden findet, sprechen wir von Fachkräftemangel. Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keinen Betrieb finden, der ihnen Bedingungen bietet, unter denen sie arbeiten möchten, sprechen wir dagegen kaum von einem Mangel an attraktiven Arbeitsplätzen. Beides beschreibt denselben Arbeitsmarkt – aber aus unterschiedlichen Blickrichtungen.
Bildung – wofür eigentlich?
Die Diskussion um fehlende Fachkräfte endet deshalb auch nicht an den Türen der Betriebe. Immer wieder wird gefragt, wie Schulen und Ausbildung besser auf die Bedürfnisse der Wirtschaft vorbereiten können. Natürlich gehört es zu den Aufgaben von Bildung, Menschen Kenntnisse und Fähigkeiten mitzugeben, mit denen sie später einen Beruf ausüben und ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Aber ist das ihre einzige Aufgabe?
Die Idee einer humanistischen Bildung ging einmal von einem umfassenderen Gedanken aus: Bildung soll nicht nur den für einen bestimmten Zweck qualifizierten Menschen hervorbringen. Sie soll Menschen ermöglichen, die Welt zu verstehen, sich ein Urteil zu bilden, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und als selbstständige Menschen am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Die Frage nach Qualifikation ist deshalb wichtig.
Aber vielleicht dürfen wir daneben noch eine andere stellen: Bilden wir Menschen für einen Bedarf aus – oder bilden wir Menschen, die auch ein Leben jenseits ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit haben? Diese Frage führt bereits zu einem weiteren Wort, das uns in wirtschaftlichen und bildungspolitischen Debatten begegnet.
Wenn Wissen, Fähigkeiten, Ausbildung und Erfahrung eines Menschen als etwas betrachtet werden, in das investiert werden kann und das später einen wirtschaftlichen Ertrag verspricht, sprechen Ökonomen von Humankapital.
Ein bemerkenswertes Wort.
Denn was geschieht mit unserem Blick auf den Menschen, wenn aus seinen Fähigkeiten und seinem Wissen – Kapital wird?
Nachgefragt
Begriff der Woche: Fachkräftemangel
Frage zum Weiterdenken:
Wenn ein Betrieb keine Fachkräfte findet: Ab wann fehlen tatsächlich Fachkräfte – und ab wann fehlen Arbeitsbedingungen, unter denen Menschen diese Arbeit machen wollen?
Nächsten Freitag
Begrifflichkeiten hinterfragt
Teil 5: Humankapital
Kann man Wissen, Fähigkeiten und Bildung wie Kapital betrachten – und was sehen wir vom Menschen, wenn wir es tun?













































































