Für 25 Cent ins Gleisbett: Ein Mann stirbt beim Sammeln von Pfandflaschen. War es ein tragischer Unfall, individuelles Versagen – oder die tödliche Folge einer Gesellschaft, in der Armut Menschen dazu zwingt, für wenige Cent Risiken einzugehen?
Wien. Am Samstag, dem 15. August, wurde im Bahnhof Liesing ein Mann von einem Schnellzug erfasst. Er starb noch an der Unfallstelle. Der Mann suchte im Bahnhof nach Pfandgut.
Warum sammelt man Pfandflaschen und Pfanddosen?
Seit 1. Jänner 2025 gibt es in Österreich ein neues Pfandsystem, bei dem für Flaschen und Dosen ein Pfand von 25 Cent pro Stück erhoben wird. Ziel des neuen Pfandsystems ist es, den Wert der Verpackungen zu vermitteln. Der Wert der Verpackungen soll Personen dazu animieren, Flaschen und Dosen nicht einfach wegzuschmeißen, sondern sie zurückzugeben. Dadurch kann man die Sammelquote erhöhen und Ziele wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Müllvermeidung erreichen. Das sind schöne Ziele. Nicht schön ist jedoch, dass die entsprechenden Maßnahmen hinter verschlossenen Türen beschlossen wurden und die objektive Realität nicht berücksichtigen.
Die objektive Realität
Das neue Pfandsystem wurde nicht in einer idealen Gesellschaft eingeführt, in der 25 Cent für alle denselben Wert haben. In Österreich sind heuer ca. 2 von 10 Personen armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Daher ist es auch kein Zufall, dass wir in den letzten Jahren immer mehr Personen sehen, die in Mistkübeln nach Flaschen und Dosen suchen. Natürlich lassen sich auch Personen beobachten, die nicht unbedingt aus finanziellen Gründen Pfand sammeln gehen. Diese benötigen möglicherweise keine unmittelbare finanzielle Unterstützung, sondern eine andere Art von Freizeitbeschäftigung bzw. Hilfe. Man muss nicht von einem Zug erfasst werden, um zu verstehen, dass das Sammeln der Flaschen und Dosen vieler anderer Personen eine fragwürdige Praxis ist. Es gibt Gründe, warum es eine professionelle Müllabfuhr gibt, deren MitarbeiterInnen Handschuhe tragen und entsprechend geimpft sind. Jedenfalls kann die Mehrheit der pfandsammelnden Personen offensichtlich als finanziell prekär eingestuft werden. Für diese Menschen entsprechen ca. 20 Dosen bzw. Flaschen einem Kebab – vielleicht der einzigen Mahlzeit des Tages.
Der „Unfall“
Genau vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund war eine Person am Samstag, dem 15. August, im Bahnhof Liesing Pfand sammeln. Der Mann stieg ins Gleisbett, um auch dort Pfandgut zu sammeln. Ein Schnellzug fuhr durch den Bahnhof und erfasste ihn. Zynisch könnte man fragen: Zahlt es sich aus, für 25 Cent in den Gleisbereich zu gehen? Während die Nachrichten hauptsächlich spärliche und kaum relevante Informationen dazu enthalten – es war Mittag, der Mann war Slowake –, sollte man sich auch fragen, ob die Person es sich überhaupt leisten konnte, nicht ins Gleisbett zu steigen. Unsere Urvorfahren haben tagtäglich beim Jagen ihr Leben riskiert, um sich ernähren zu können. Tausende Jahre später riskiert man sein Leben in Bahnhöfen, um sich zu ernähren. Wir leben noch immer in der Vorgeschichte.
Bekannte Zeitungen bezeichnen den Tod des Pfandsammlers als „tragischen Unfall“ und erwähnen, dass der Mann „unbefugt“ im Gleisbereich war. Es wird auch hinzugefügt, dass der Lokführer „nicht mehr rechtzeitig bremsen“ konnte. Das sind dubiose Aussagen. Daher schaffen wir ein bisschen Ordnung:
- Es war keine Tragödie. Weder sind wir in Epidauros und schauen uns ein altgriechisches Theaterstück an, noch war dies ein Vorfall, der tiefere Fragen der menschlichen Existenz wie Liebe, den Sinn des Lebens, Dunkelheit und Tod berührte. Ein Mann war in Liesing unterwegs, um Dosen und Flaschen für 25 Cent pro Stück zu sammeln. Das ist keine Tragödie, sondern ein ökonomischer Widerspruch, der sich gesellschaftlich sehr deutlich manifestiert hat.
- Nur Personen, deren Tätigkeit mit dem Eisenbahnbetrieb zusammenhängt, dürfen den Gleisbereich betreten. Wieso muss man das Wort „unbefugt“ verwenden? Um stillschweigend dem Toten die Schuld an seinem eigenen Tod zu geben? Und gleichzeitig die statistisch belegte Armutsgefährdung in Österreich auszublenden?
- Züge bremsen nicht wie Autos, sondern haben einen Bremsweg von bis zu einem Kilometer. Warum erwähnt man den Lokführer in diesem Kontext überhaupt? Vielleicht, um mehr Worte zu verwenden und dadurch das gesellschaftliche Problem besser zu verstecken?
Der Tod der Person, die im Gleisbett Pfand sammelte, muss auch als Folge systemischer Bedingungen betrachtet werden. Solange Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Müllvermeidung von Einzelpersonen erreicht werden sollen – nicht durch eine entsprechende Planung von Produktion und Müllabfuhr, sondern mithilfe kurzsichtiger Pfandsysteme – und solange Armut herrscht, werden derartige Phänomene immer wieder vorkommen.
Unser Beileid gilt den Angehörigen des Toten. Dem Lokführer und den übrigen Anwesenden wünschen wir viel Kraft!
Quellen: ORF/Der Standard/oesterreich.gv.at/statistik.at





















































































