Salzburg. Eine 64-jährige Salzburgerin hat laut Polizei bei einem sogenannten Liebesbetrug rund 100.000 Euro verloren. Im Internet hatte sie über zwei Jahre Kontakt zu einem Mann, der sich als Major aus Syrien ausgab. Immer wieder soll er Geschichten erfunden haben, um sie zu Geldüberweisungen zu bewegen. Die Frau überwies laut Polizei mehrfach Gutscheinkarten. Ende August erstattete sie Anzeige, die Ermittlungen laufen.
Auch ein 47-jähriger Pinzgauer wurde Opfer eines Betrugs. Er erhielt eine gefälschte SMS, wonach seine Finanz-Online-ID bald ablaufe. Nach dem Öffnen eines Links gab er persönliche Daten und Bankdaten ein. Danach meldete sich eine unbekannte Frau telefonisch und gab sich als Sicherheitsberaterin seiner Bank aus. Der Mann bestätigte mehrere Signaturanfragen und gab schließlich eine Überweisung von knapp 35.000 Euro frei. Erst als er misstrauisch wurde und bei seiner Bank nachfragte, flog der Betrug auf.
Keine Naivität, sondern gezielter Missbrauch
Solche Fälle werden im Alltag oft mit Häme kommentiert. Wie könne man nur darauf hereinfallen? Wie könne man so viel Geld überweisen? Wer so fragt, macht es sich zu einfach – und stellt die falschen Menschen an den Pranger.
Betrug funktioniert nicht nur über technische Tricks. Er funktioniert über Vertrauen, Angst, Sehnsucht, Einsamkeit, Scham und emotionale Abhängigkeit. Gerade beim sogenannten Liebesbetrug wird nicht einfach Geld gestohlen. Es wird Nähe vorgetäuscht, Zuneigung simuliert und Hoffnung erzeugt. Die Täter nutzen nicht nur Unwissen aus, sondern menschliche Bedürfnisse: gesehen werden, gebraucht werden, geliebt werden, nicht allein sein.
Deshalb ist entscheidend: Das Opfer trägt keine Schuld. Schuld tragen jene, die gezielt emotionale Verwundbarkeit ausnutzen. Wer über Jahre eine Beziehung vortäuscht, um Geld zu erschleichen, begeht nicht nur einen Vermögensbetrug. Er missbraucht Vertrauen und Gefühle.
Einsamkeit im Kapitalismus
Der Kapitalismus produziert Vereinzelung. Menschen leben nebeneinander, aber oft nicht miteinander. Arbeit, Stress, finanzielle Sorgen, Pflegeverantwortung, Krankheit, Alter, Erwerbslosigkeit, Scheidung, Migration, Armut und soziale Unsicherheit reißen Lücken in Beziehungen. Nachbarschaften werden anonymer, Familien werden überlastet, soziale Räume werden weniger, und vieles, was früher gemeinschaftlich getragen wurde, wird privatisiert.
Wer einsam ist, gilt schnell als persönlicher Problemfall. Doch Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles Schicksal. Sie ist auch Ergebnis gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine Ordnung, die Menschen nach Verwertbarkeit beurteilt, die Zeit verknappt, Sorgearbeit abwertet und soziale Sicherheit abbaut, schafft Bedingungen, in denen Menschen leichter abhängig, verletzlich und isoliert werden.
Diese Vereinzelung wird wiederum zur Geschäftsgrundlage. Dating-Plattformen, soziale Medien, Betrugsnetzwerke, Glücksversprechen, Coaching-Angebote und digitale Abzocke kreisen um dieselbe Leerstelle: Menschen suchen Verbindung in einer Gesellschaft, die sie täglich trennt.
Frauen, Abhängigkeit und emotionale Ausbeutung
Dass eine ältere Frau durch vorgetäuschte Liebe um eine enorme Summe gebracht wurde, verweist auf eine gesellschaftliche Realität. Frauen werden ihr Leben lang darauf geprägt, Beziehungen zu halten, Fürsorge zu leisten, Verständnis aufzubringen und emotionale Arbeit zu leisten. Gerade ältere Frauen erleben zudem oft finanzielle Unsicherheit, Verwitwung, Trennung, Pflegebelastung oder gesellschaftliche Unsichtbarkeit.
Der patriarchal geprägte Kapitalismus nutzt diese Verhältnisse doppelt aus. Einerseits wird Sorgearbeit von Frauen erwartet und abgewertet. Andererseits werden Frauen, wenn sie selbst Bedürftigkeit, Einsamkeit oder Sehnsucht zeigen, beschämt oder verspottet. Beim Liebesbetrug kommt beides zusammen: Täter nutzen emotionale Fürsorge aus, während die Öffentlichkeit das Opfer allzu schnell als „leichtgläubig“ abstempelt.
Doch wer Liebe, Zuwendung und Vertrauen missbraucht, handelt gewalttätig – nicht körperlich, aber psychisch und ökonomisch. Er greift in das Leben eines Menschen ein, zerstört Sicherheit, verschärft Scham und kann Betroffene in schwere finanzielle Not bringen.
Auch Angst wird verwertet
Der Fall des Pinzgauers zeigt eine andere Seite derselben gesellschaftlichen Entwicklung. Hier ging es nicht um romantische Nähe, sondern um Angst: Die Finanz-Online-ID laufe ab, das Konto sei gefährdet, es gebe Unstimmigkeiten. Solche Betrugsmaschen setzen auf Zeitdruck, Autorität und Unsicherheit. Der Staat, die Bank, die digitale Verwaltung – all das wirkt auf viele Menschen ohnehin undurchsichtig. Betrüger nutzen genau diese Unsicherheit.
Auch hier zeigt sich: Die Digitalisierung des Alltags wird den Menschen oft zugemutet, ohne ihnen ausreichend Sicherheit, Kontrolle und Unterstützung zu geben. Bankgeschäfte, Behördenwege, Identitätsnachweise und Kommunikation wandern in digitale Systeme. Wer sich darin nicht sicher fühlt, wird nicht besser begleitet, sondern soll „eigenverantwortlich“ funktionieren. Diese Eigenverantwortung ist im Kapitalismus vor allem eines: die Abwälzung von Risiko auf Einzelne.
Wenn dann etwas passiert, bleibt oft Scham zurück. Dabei sind solche Betrugsformen hochprofessionell organisiert. Sie arbeiten mit psychologischer Manipulation, technischer Täuschung und sozialem Druck. Es geht nicht um individuelle Dummheit. Es geht um organisierte Ausbeutung von Vertrauen.
Die Ware Beziehung
Der Kapitalismus macht aus allem Ware: Arbeitskraft, Wohnraum, Gesundheit, Aufmerksamkeit, Daten, Sexualität, Freizeit und auch Beziehungen. Selbst Nähe wird in Plattformen, Algorithmen und digitalen Märkten organisiert. Menschen begegnen einander nicht mehr nur im Betrieb, im Verein, im Wohnumfeld oder in kollektiven Zusammenhängen, sondern zunehmend über kommerzielle digitale Räume.
Dort ist der Mensch nicht nur Nutzerin oder Nutzer, sondern Datenquelle, Zielgruppe und potenzielles Geschäft. Betrugsnetzwerke setzen auf dieselbe Entfremdung, die der Kapitalismus selbst hervorbringt: Menschen sind erreichbar, aber allein; vernetzt, aber isoliert; ständig online, aber oft ohne reale Unterstützung.
Schutz braucht Gemeinschaft
Natürlich braucht es Aufklärung über Betrugsmaschen. Niemand sollte unbekannten Personen Geld überweisen, Gutscheinkarten schicken, Bankdaten über Links eingeben oder Signaturanfragen bestätigen, die nicht eindeutig selbst veranlasst wurden. Banken, Behörden und Plattformen müssen mehr Verantwortung übernehmen, verdächtige Vorgänge früher erkennen und Menschen besser schützen.
Aber technische Warnungen allein reichen nicht. Wer nur sagt „Klick nicht auf Links“ oder „Überweis kein Geld“, versteht das eigentliche Problem nicht. Menschen brauchen soziale Netze, Ansprechpersonen, Nachbarschaft, leistbare Beratung, leicht zugängliche Hilfe, digitale Bildung und eine Gesellschaft, in der Scham nicht verhindert, dass Betroffene frühzeitig Unterstützung suchen.
Besonders wichtig ist, Opfer nicht zu verhöhnen. Scham schützt Täter. Solidarität schützt Betroffene. Wer auf Betrug hereingefallen ist, braucht keine Belehrung von oben, sondern Unterstützung, rechtliche Hilfe, psychische Entlastung und klare Schuldzuweisung an die Täter.
Gegen eine Gesellschaft der Vereinzelung
Diese Fälle zeigen, wie verwundbar Menschen in einer vereinsamten, durchdigitalisierten und kapitalistisch organisierten Gesellschaft gemacht werden. Die einen werden mit Liebesversprechen manipuliert, die anderen mit Angst vor Kontoproblemen. Immer geht es darum, Menschen in einem Moment von Unsicherheit, Sehnsucht oder Überforderung zu erwischen.
Einsamkeit, Abhängigkeit und Verzweiflung sind keine Randprobleme. Sie sind Teil einer Ordnung, die Menschen voneinander trennt und sie dann einzeln dem Markt, der Bürokratie, der digitalen Unsicherheit und kriminellen Netzwerken ausliefert.
Quelle: ORF



















































































