Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.
„Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten.“
Der Satz begegnet uns in der Werbung für Geldanlagen, in Finanzratgebern und manchmal ganz beiläufig im Gespräch. Wer sein Geld nur auf dem Konto liegen lasse, heißt es dann, verschenke Möglichkeiten. Wer es richtig anlege, könne sein Vermögen für sich arbeiten lassen. Aber kann Geld tatsächlich arbeiten?
Nehmen wir 10.000 Euro und legen sie für ein Jahr in eine Schublade. Nach einem Jahr liegen dort noch immer 10.000 Euro. Das Geld hat sich nicht vermehrt. Legen wir dieselben 10.000 Euro verzinst an, sieht die Sache anders aus. Am Ende des Jahres erhalten wir mehr zurück, als wir ursprünglich eingesetzt haben. Woher kommt dieses Mehr?
Geld vermehrt sich nicht von selbst
Die Frage ist älter als der Kapitalismus. Über Jahrhunderte wurde darüber gestritten, ob und unter welchen Bedingungen es überhaupt gerechtfertigt sei, für verliehenes Geld Zinsen zu verlangen. Das Christentum kannte lange ein Zinsverbot. Im Islam ist riba, häufig mit Zins oder Wucher übersetzt, verboten. Und schon lange zuvor beschäftigte Menschen die Frage, wie aus Geld mehr Geld werden könne. Die historischen Begründungen dafür waren unterschiedlich und lassen sich nicht einfach auf unsere heutige Wirtschaftsordnung übertragen. Für unsere Frage ist etwas anderes interessant: Dass Geld durch seine bloße Überlassung mehr Geld einbringen soll, erschien keineswegs immer so selbstverständlich wie heute. Heute scheint dagegen kaum etwas erklärungsbedürftig zu sein. Geld kostet Geld. Wer einen Kredit aufnimmt, zahlt Zinsen. Wer Geld anlegt, erwartet einen Ertrag. Und wer bereits viel Geld besitzt, kann einen Teil davon einsetzen, um daraus mehr Geld zu machen. Doch noch immer gilt:
Das Geld selbst hat nichts getan. Woher kommt der Zins?
Nehmen wir ein Unternehmen, das sich 100.000 Euro leiht. Es kauft damit Maschinen, Rohstoffe und andere Produktionsmittel und beschäftigt Arbeitskräfte. Nach einer vereinbarten Zeit muss es nicht nur die 100.000 Euro zurückzahlen, sondern zusätzlich Zinsen. Woher kann dieses Mehr kommen?
Für Marx liegt die Antwort nicht darin, dass das vorgeschossene Geld selbst produktiv geworden wäre. Auch Maschinen und Rohstoffe schaffen nicht einfach zusätzlichen Wert. Ihr vorhandener Wert geht im Produktionsprozess in das neue Produkt ein.
Neuen Wert schafft die lebendige menschliche Arbeit.
Damit erhält die Arbeitskraft im Kapitalismus eine besondere Bedeutung. Wie andere Waren hat auch sie einen Wert. Doch ihre Anwendung kann mehr Wert hervorbringen, als zu ihrer eigenen Reproduktion erforderlich ist. Vereinfacht gesagt: Ein Teil des Arbeitstages reproduziert den Wert der Arbeitskraft, darüber hinaus wird weitergearbeitet. In dieser Mehrarbeit entsteht Mehrwert. Damit sind wir an einem entscheidenden Punkt angelangt. Der Mehrwert entsteht nicht beim Verleihen des Geldes. Er entsteht auch nicht deshalb, weil für einen Kredit Zinsen verlangt werden. Der Zins schafft keinen Mehrwert. Er ist ein Teil des bereits hervorgebrachten Mehrwerts.
Der fungierende Kapitalist setzt das geliehene Geld als Kapital ein. Er eignet sich den im Produktionsprozess entstandenen Mehrwert an, muss davon aber einen Teil als Zins an den Eigentümer des Geldkapitals abgeben.
Zwischen beiden wird also etwas verteilt, das zuvor produziert werden musste. Und produziert wurde es durch Arbeit.
Wenn Vermögen wächst
Nun können wir noch einmal zu unserer Geldanlage zurückkehren. Wer 1.000 Euro zu drei Prozent verzinst anlegt, erhält 30 Euro. Bei einer Million Euro sind es unter denselben Bedingungen 30.000 Euro. Bei hundert Millionen drei Millionen. Der Zinssatz hat sich nicht verändert. Das Vermögen schon. Je größer das zinstragende Kapital, desto größer kann bei gleichem Zinssatz der Anspruch auf einen Teil des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts sein. Die hundert Millionen haben aber nicht hunderttausendmal härter gearbeitet als die tausend Euro.
Sie haben überhaupt nicht gearbeitet.
Das Eigentum an Geldkapital ermöglicht vielmehr einen Anspruch auf einen Teil des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts. Und dessen Quelle ist – nehmen wir Marx‘ Analyse ernst – die unbezahlte Mehrarbeit der Lohnarbeitenden. Damit wird aus einer scheinbar individuellen Erfolgsgeschichte eine gesellschaftliche Frage. Das Vermögen scheint aus sich selbst heraus zu wachsen. Die Arbeit, die seine Vermehrung letztlich ermöglicht, findet jedoch anderswo statt.
G – G′
Bei Marx erhält diese scheinbare Selbstvermehrung des Geldes eine besonders bemerkenswerte Form. Beim industriellen Kapital lässt sich die Bewegung zunächst als G – W – G′ darstellen: Geld wird vorgeschossen, Waren werden gekauft – darunter Produktionsmittel und Arbeitskraft –, produziert wird, und am Ende soll mehr Geld vorhanden sein als zu Beginn. Beim zinstragenden Kapital scheint der gesamte Vorgang dazwischen zu verschwinden. Übrig bleibt:
G – G′
Geld – mehr Geld.
Und genau darin erkennt Marx eine besonders entwickelte Form des Kapitalfetischs. Das gesellschaftliche Verhältnis erscheint nicht mehr als gesellschaftliches Verhältnis. Die Fähigkeit, sich zu vermehren, scheint dem Geld selbst zuzukommen. Was dazwischen liegt, ist verschwunden. Keine Fabrik. Keine Arbeitskraft. Kein Arbeitstag. Keine notwendige Arbeit. Keine Mehrarbeit. Kein Mehrwert. Nur noch Geld – und mehr Geld. Vielleicht ist deshalb die alltägliche Formulierung vom „arbeitenden Geld“ so interessant. Sie beschreibt nicht einfach einen wirtschaftlichen Vorgang. Sie verkehrt ihn sprachlich beinahe in sein Gegenteil. Das Geld arbeitet. Die Menschen, deren Arbeit Wert und Mehrwert hervorbringt, verschwinden dagegen aus dem Satz.
Aber woher kommt überhaupt das Geld?
An dieser Stelle müssen wir noch eine zweite verbreitete Vorstellung hinterfragen. Banken nehmen nicht einfach nur das Geld, das Sparerinnen und Sparer bei ihnen eingezahlt haben, und verleihen genau dieses Geld weiter. Wenn eine Geschäftsbank einen Kredit vergibt, kann sie dabei neues Giralgeld schaffen. Dem Kreditnehmer wird ein Guthaben gutgeschrieben, dem auf der anderen Seite die Forderung der Bank gegenübersteht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Banken unbegrenzt Geld schaffen könnten. Kreditrisiken, Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen, Nachfrage nach Krediten und die Geldpolitik setzen der Kreditvergabe Grenzen. Für unsere Frage ist aber vor allem eine Unterscheidung entscheidend:
Geldschöpfung ist nicht Wertschöpfung.
Eine Bank kann bei der Kreditvergabe neues Giralgeld schaffen. Damit ist noch kein Brot gebacken, keine Wohnung gebaut und keine Maschine hergestellt worden. Und vor allem ist damit noch kein neuer Wert im Marxschen Sinne entstanden. Auch die Möglichkeit, Geld zu schaffen, macht Geld nicht zu Arbeit. Wer arbeitet hier eigentlich? Damit können wir zu unserem Ausgangssatz zurückkehren:
„Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten.“
Für die einzelne Person beschreibt er zunächst eine reale Erfahrung. Wer Geld verzinst anlegt, kann später über mehr Geld verfügen. Es wäre deshalb wenig hilfreich, daraus eine moralische Frage zu machen. Die Sparerin, die einige tausend Euro auf einem Konto liegen hat und dafür Zinsen erhält, ist nicht deshalb eine schlechte Person. Uns interessiert nicht zuerst die Moral des Einzelnen, sondern das gesellschaftliche Verhältnis. Denn Geld hat keinen Wert geschaffen. Geld hat keine Mehrarbeit geleistet. Das Eigentum an Geldkapital kann seinem Besitzer vielmehr einen Anspruch auf einen Teil des gesellschaftlich produzierten Mehrwerts ermöglichen. Hinter dem scheinbar selbsttätigen Wachstum des Geldes steht damit etwas, das in der Formel G – G′ unsichtbar geworden ist: die Arbeit derjenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Vielleicht sollten wir deshalb, wenn uns wieder jemand empfiehlt, unser Geld für uns arbeiten zu lassen, eine ganz einfache Frage stellen:
Wenn mein Geld für mich arbeitet – wer arbeitet dann tatsächlich für mich?
Nachgefragt
Begriff der Woche: Zinsen
Frage zum Weiterdenken:
Wenn wir sagen, Geld „arbeitet“ oder Kapital „erwirtschaftet“ einen Ertrag: Welche Menschen und welche gesellschaftlichen Verhältnisse verschwinden aus unserem Blick, wenn wir diese Formulierungen wörtlich nehmen?
Nächsten Freitag
Wörter, die uns die Welt erzählen (11): Wenn Wörter wieder bedeuten, was sie sagen
Wir haben von Arbeitgebern gesprochen, die keine Arbeit geben, von Lohnnebenkosten, die zum Lohn gehören, von Eigenverantwortung, Reformen, Generationengerechtigkeit und Wettbewerbsfähigkeit – und schließlich von Geld, das angeblich arbeitet. Immer wieder haben wir dabei Wörter gefunden, die gesellschaftliche Verhältnisse verschieben, verdecken oder sogar verkehren. Wie wäre dagegen eine Gesellschaft, in der die Begriffe wieder das bedeuten, was sie sagen – und das sagen, was sie bedeuten?






















































































