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Home Feuilleton Geschichte

John Reed 1887–1920

18. Oktober 2020
in Geschichte, Kultur
John Reed 1887–1920

Vor 100 Jahren starb der amerikanische Autor John Reed, der insbesondere für seine Berichte über die russische Oktoberrevolution von 1917 bekannt wurde.

Der amerikanische Journalist, Schriftsteller und Kommunist John Silas Reed ist weltbekannt als Autor von „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ („Ten Days That Shook the World“, 1919). Darin schildert er umfassend und anschaulich die Ereignisse der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, die er im Herbst 1917 als Zeit- und Augenzeuge in Russland beobachten konnte. Die erste deutsche Version des Buches erschien 1920 in Hamburg, 1927 folgte eine Wiener Ausgabe mit einem Vorwort von Egon Erwin Kisch. Die russische Ausgabe enthielt eine Vorbemerkung von Nadeschda Krupskaja, die zweite US-amerikanische Auflage von 1922 sogar eine von Lenin. Er meinte über das Werk: 

„Mit größtem Interesse und nicht erlahmender Aufmerksamkeit las ich John Reeds Buch ‚Zehn Tage, die die Welt erschütterten‘, und ich möchte es den Arbeitern in aller Welt von ganzem Herzen empfehlen. Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte. Es gibt eine wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind. Diese Probleme werden gegenwärtig weit und breit diskutiert, aber bevor man diese Ideen annimmt oder verwirft, muss man die ganze Bedeutung einer solchen Entscheidung begriffen haben. Ohne Zweifel wird John Reeds Buch zur Klärung dieser Frage beitragen, die das Grundproblem der internationalen Arbeiterbewegung ist.“

Bürgerliche Familie, revolutionäre Prägung

Doch trotz der großen Bedeutung seiner Schilderungen darf man Reed wahrlich nicht auf diesen Bericht reduzieren. Der am 22. Oktober 1887 in Portland, Oregon, geborene John „Jack“ Reed stammte mütterlicherseits aus einer wohlhabenden Kapitalistenfamilie, studierte in Harvard (Abschluss 1910), verfasste Lyrik und lebte danach in Greenwich Village, Manhattan – vermeintlicher Weise nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ein entschiedener Verfechter der proletarischen Revolution zu werden. Er schlug jedoch eine journalistische Laufbahn ein, die ihn zum sozialistischen Magazin „The Masses“ brachte. 1913 berichtete er für dieses über den Seidenspinnerstreik in New Jersey, ergriff aktiv Partei für die Arbeitersache – und wurde prompt verhaftet. Im Herbst desselben Jahres schickte ihn das New Yorker „Metropolitan Magazine“ nach Mexiko, wo Reed die Revolutionsarmee von Pancho Villa begleitete – diese Berichte machten den jungen Reed in den USA einem relevanten Publikum bekannt. Im Frühjahr 1914 recherchierte er in Colorado zum Ludlow-Massaker, das die Nationalgarde an streikenden Bergarbeitern verübt hatte. Reeds Verständnis für den Klassenkampf war längst geweckt.

Im August 1914, kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges, ging Reed nach Europa, um für das „Metropolitan Magazine“ als Kriegsberichterstatter zu arbeiten, zunächst in Italien und Frankreich, dann in Deutschland und Osteuropa. In Berlin interviewte er Karl Liebknecht, einen der wenigen Sozialdemokraten, die – wie Reed – den imperialistischen Krieg ablehnten und der später die KPD gründen sollte. Reed war enttäuscht vom opportunistischen Zusammenbruch der II. Internationale und der Unterstützung der meisten europäischen Parteien für den Militarismus und Imperialismus. Über die Kriegsereignisse verfasste er „Der Krieg in Osteuropa“ (1916), den er 1915 in Rumänien, Bulgarien, Serbien und in der Ukraine beobachtet hatte. 1916 kehrte er nach Nordamerika zurück. Als entschiedener Internationalist und Gegner des Kriegseintritts der USA, was aus einer Artikelreihe in „The Masses“ hervorging, geriet er ins Visier der Behörden. Als er im August 1917 abermals nach Europa aufbrach, musste er vorab dem State Department unter Eid Rede und Antwort stehen – er sollte versichern, nicht an der Sozialistenkonferenz von Stockholm teilzunehmen. Reed hielt sich an diese Zusage: Über Finnland reiste er stattdessen nach Petrograd.

Oktoberrevolution und Rückkehr in die USA

Reed kam unmittelbar nach dem gescheiterten Kornilow-Putsch in der russischen Hauptstadt an. Somit erlebte er – gemeinsam mit seiner Ehefrau Louise Bryant – die entscheidenden Phasen der sozialistischen Revolution, das Versagen der Kerenski-Regierung, die mächtige Rätebewegung und schließlich den Sturm auf das Winterpalais am 7. November 1917. Dies markierte den Sturz der bürgerlichen Herrschaft und den Übergang zur Sowjetmacht, die von Reed begrüßt und unterstützt wurde. Er blieb bis Ende Januar 1918 in Sowjetrussland, besuchte Arbeiter- und Soldatenkongresse, begleitete Einsätze der Roten Garde und traf in dieser Zeit auch Lenin und Trotzki, bevor er sich über Skandinavien wieder in die USA begab. Dort waren die amerikanischen Behörden freilich schon über Reeds Unterstützung für die Bolschewiki in Kenntnis gesetzt worden, weswegen er bei seiner Ankunft in New York zunächst angehalten und seine Unterlagen konfisziert wurden. Aus ihrer konterrevolutionären Klassensicht agierte die US-Administration durchaus folgerichtig, denn Reed betrachtete sich nun selbst als Kommunist.

Wieder auf freiem Fuß in den USA entfaltete Reed ab Anfang Mai 1918 eine engagierte publizistische Tätigkeit, die auf die positive Bezugnahme auf die Russische Revolution und die Sowjetmacht sowie auf die klare Ablehnung der imperialistischen Intervention, an der auch die USA beteiligt waren, orientierte. Er sprach auf Massenkundgebungen in New York und Philadelphia, bei denen er zur Unterstützung der Bolschewiki und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats aufrief – dies brachte ihm Arretierungen, Repression, Anzeigen sowie Gerichtsverfahren wegen Hochverrats und Spionage ein, eine Verurteilung blieb jedoch vorerst aus. In der Sozialistischen Partei (Socialist Party of America) hingegen konnte man sich mit Reeds radikaler Begeisterung nicht anfreunden – er und seine Sympathisanten wurden im August 1919 ausgeschlossen. Dies führte unter Reeds Beteiligung zur Gründung der Kommunistischen Arbeiterpartei Amerikas (Communist Labor Party of America), die später in der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA) aufgehen sollte. John Reed musste aufgrund der staatlichen Verfolgung aber nach Russland fliehen.

Aufenthalt in Sowjetrussland und Tod

Zunächst versuchte er sich ein Bild zu machen über die Bedingungen in Sowjetrussland und reiste viel umher – er plante eine Fortsetzung seines Werks „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“. Zwischenzeitlich zog er auch in Betracht, sich in den USA zu stellen, wo ihm in Chicago der Prozess gemacht werden sollte – soweit kam es jedoch nicht: Zwar wurde Reed in Finnland von der Polizei verhaftet und misshandelt, schwieg aber beharrlich. Mangels neuer Ansätze für einen Hochverratsprozess verloren die US-Behörden das Interesse und Reed wurde wieder nach Russland entlassen. – Im Sommer 1920 nahm Reed am bedeutenden II. Kongress der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Petrograd und Moskau teil. In dessen Gefolge sollte er auf Sinowjews Veranlassung auch am Kongress der Völker des Ostens in Baku teilnehmen, wodurch er erst im September 1920 wieder in Moskau ein- und mit seiner Frau zusammentraf. Nun verschlechterte sich Reeds Gesundheitszustand rapide, er hatte sich in Aserbaidschan mit der Typhus-Variante Tsutsugamushi-Fieber infiziert. Nachdem durch die imperialistische Blockade keine wirksamen Medikamente zur Verfügung standen, war eine erfolgreiche Behandlung der Krankheit nicht möglich. John Reed starb am 17. Oktober 1920 (manche Quellen geben den 19. Oktober an), kurz vor seinem erst 33. Geburtstag, in Moskau. Er erhielt ein Heldenbegräbnis und wurde unter großer Anteilnahme an der Kremlmauer beigesetzt – eine seltene Ehre für Amerikaner.

Nadeschda Krupskaja hielt dazu fest: „John Reed war kein gleichgültiger Beobachter, er war ein leidenschaftlicher Revolutionär, ein Kommunist, der den Sinn der Ereignisse, den Sinn des großen Kampfes erfasst hat … John Reed hat sich mit der Russischen Revolution ganz verbunden. Sowjetrussland wurde ihm vertraut und nahe. Er starb hier an Typhus und wurde unter der Roten Mauer bestattet. Derjenige, der die Bestattung der Opfer der Revolution so geschildert hat wie John Reed, ist dieser Ehre würdig.“

Nachwirkung und Würdigung

Es blieb nicht die einzige Würdigung John Reeds. Als Sergei Eisenstein 1927/28 die Ereignisse der Oktoberrevolution von 1917 in seinem epochalen Stummfilm „Октябрь“ („Oktober“) abbildete, diente ihm „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ als Vorlage. Sergei Bondartschuk inszenierte Reeds Leben in zwei Filmen, mit Franco Nero in der Hauptrolle des amerikanischen Journalisten: Die beiden Teile von „Красные колокола“ („Die roten Glocken“) sind im deutschen Sprachraum zumeist als „Mexiko in Flammen“ (1982) und „10 Tage, die die Welt erschütterten“ (1983) bekannt. Und sogar Hollywood kam nicht an John Reed vorbei: Warren Beatty verfilmte 1981 – eher in freier Interpretation – Teile aus Reeds Leben in dem Kinofilm „Reds“ (deutscher Untertitel: „Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit“), wobei Beatty nicht nur die Regie übernahm, sondern auch die Hauptrolle in einer prominenten Besetzungsliste mit Diane Keaton, Jack Nicholson und Gene Hackman. Dafür gab es immerhin drei Oscars.

Abschließend kann man nur nochmals Lenins Wunsch wiederholen: John Reeds Hauptwerk ist allen Arbeiterinnen und Arbeitern, allen Revolutionärinnen und Revolutionären der Welt als Lektüre zu empfehlen – gerade heute, wo der vorläufig siegreiche Imperialismus daran arbeitet, die Geschichte zu verfälschen und die Leistungen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution und der UdSSR zu leugnen und zu diffamieren. Die historische Wahrheit ist wie das Andenken an John Reed und sein viel zu kurzes, aber von revolutionärem Geist und Enthusiasmus durchdrungenes Leben in ehrender Erinnerung zu halten. Möge es als Ansporn für neue revolutionäre Taten dienen.

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Bildquelle: Tothkaroj, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons
Schlagworte: 100 Jahre1920John ReedOktoberrevolutionTodestagZehn Tage die die Welt erschütterten

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