Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Mit einer Erinnerung an Alfred J. Noll
Vorbemerkung
Der Anschluss des Bundesstaates Österreichs an das Deutsche Reich durch das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ (13. März 1938) war nach der Remilitarisierung des Rheinlandes einer der wichtigsten Schritte in Richtung des zweiten Weltkrieges, weil er zusammen mit dem folgenden Münchner Abkommen zwischen Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland (29. September 1938) den Aggressionsplänen des mit 30. Jänner 1933 an die Macht gelangen Hitlerregimes in Richtung Osten freie Bahn schaffte. Die nach 1918 in Österreich herrschenden politischen Systemeliten haben den Anschluss Österreichs an Deutschland mit österreichisch-wienerischer Kultur vorbereitet. Karl Renner (1870–1950), ein Prototyp dieser Kultur, hat 1939 in seiner Villa in Gloggnitz nach der mit Zustimmung Englands und Frankreichs erfolgten Annexion des Sudetenlandes durch das Deutsche Reich ein Buch zur Veröffentlichung konzipiert, worin er die Aufspaltung der Tschechoslowakei lebhaft begrüßt. Der kommunistische Widerstandskämpfer Eduard Rabofsky (1911–1994), der zeit seines Lebens im Interesse seiner österreichischen Heimat und der Arbeiterklasse gehandelt hat, gab Ende 1990 die Druckfahnen dieses nach 1945 in die Vergessenheit gedrängten Kriegsbeitrages von Karl Renner heraus.[1] Dieser wurde bei seiner Grablegung in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof vom damaligen Vizekanzler Adolf Schärf (1890–1965) als ein Mann von „säkularer Bedeutung“ und als „einer der größten Söhne Österreichs“ gewürdigt. Die Arbeiter-Zeitung berichtete von einer „Trauerfeier, wie sie Wien noch nicht sah“.[2]
Karl Renner erinnerte daran, dass er 1919 in St. Germain Präsident der österreichischen Friedensdelegation war. An dieser hat der Völkerrechtler und Schiedsrichter in Haag Heinrich Lammasch (1853–1920) in untergeordneter Rolle teilgenommen, obschon ihm als letzten Ministerpräsidenten (25. Oktober 1918 – 11. November 1918) die friedliche Auflösung der Habsburgermonarchie gelungen ist. Heinrich Lammasch hat inmitten des Krieges 1917 sein längst in die Vergessenheit gedrängtes und doch so aktuelles Hauptwerk „Das Völkerrecht nach dem Krieg“ geschrieben. Dem Gedanken von Heirich Lammasch, die neu entstandene kleine Republik Österreich soll als neutraler Staat im Wirken für den Frieden sein außenpolitisches Fundament finden, wurde überhaupt nicht nähergetreten. Über dessen Begräbnis in Salzburg schreibt Stefan Zweig (1881–1942) an seinen Freund Romain Rolland (1866–1944): „… ich komme vom Begräbnis Heinrich Lammaschs. Nie im Leben habe ich eine solche Beerdigung gesehen, so ärmlich, so traurig, wir waren fünf Personen am Grabe eines ehemaligen Ministerpräsidenten eines Dreißig-Millionen-Landes, des großen und berühmten Gelehrten, eines großen Heros des Denkens“.[3]
„Von >Anschluss< bis >Volkssouveränität< konkret“
Alfred J. Noll (1960–2026) hat Anfang 2024 in seinem vom Herausgeber und Chefredakteur einer Wiener Stadtzeitung Armin Thurnher (*1949) bevorworteten Buch „RechtsLagen. Kleines Panoptikum fraglicher Rechtszustände“ seine Gedanken über „Von >Anschluss< bis >Volkssouveränität< konkret“ geschrieben.[4] Leser erhalten Einblicke auf historische Verfassungsinterpretationen, die nicht mehr als zeitbedingte Korrespondenzen unter Juristen sind. Noll stellt richtig: „… bis heute leben wir mit einer präfaschistischen, in manchen Einzelheiten den Militarismus begünstigenden und in vielerlei Hinsicht nicht mehr recht zeitgemäßen Verfassung“.[5] Der historisch materialistisch denkende Literat Michael Scharang (*1941) hat im Herbst 2025 in seinen von Noll herausgegebenen Erzählungen „An vorderster Front: oder Die Wahrheit des Essays ist seine Schönheit“ geschrieben, dass er im Österreich der Gegenwart erlebt, „wie Geschichte zurückgedreht wird“.[6]
Alfred J. Noll teilte die marxistisch dialektische Einschätzung der „Reinen Rechtslehre“ von Eduard Rabofsky, der schon 1961 gemeinsam mit Wilhelm Raimund Beyer (1902–1990) hinter die Maske des Hans Kelsen (1881–1973) auf dessen Rechtfertigungen schauen ließ.[7] In dem von Noll, der Beyer als seinen Lehrer nennt,[8] 1991 mitherausgegebenen Sammelband von „Eduard Rabofsky. Wider die Restauration im Recht“ hat der international beachtete marxistische Rechtsgelehrte Hermann Klenner (*1926) den „bewundernswert langen Atem“ von Eduard Rabofsky im Kampf „zur Rechtsentwicklung von unten“ herausgestellt.[9]
Zum Abschluss seines rechthistorischen Überblicks zitiert Noll eine Festrede des österreichischen, aus der Sozialdemokratie kommenden Bundeskanzlers in den Jahren 1986 (Juni) bis 1997 (Jänner) Franz Vranitzky (*1937), dass es „keine Maxime“ geben könne, „die Vergangenheit zu begraben, um besser für die Zukunft arbeiten zu können. Im Gegenteil, wir werden an dieser Zukunft nur arbeiten können, wenn wir uns bewusst sind, was uns in der Vergangenheit widerfahren ist und was wir in der Vergangenheit auch verschuldet haben“.[10] Die nach Peter Pilz (*1954) benannte, im Juli 2017 gegründete „Liste Pilz“ wurde von Alfred J. Noll großzügig gesponsert und konnte im Oktober 2017 ins Parlament einziehen (bis 2019).[11] Noll hat sich im Nationalrat öfters zu Wort gemeldet und u. a. den rechtsextremen Kern der Freiheitlichen Partei zur Sprache gebracht. Er beendete seine Kooperation mit der Partei von Peter Pilz, ein „Rosenkrieg“ wurde dabei vermieden.[12] Peter Pilz wie Alfred J. Noll gehören zu jenen von Noam Chomsky (1928) beschriebenen linksliberalen Intellektuellen, die zeitbedingte marxistische Bildungserlebnisse in ihren Jugendjahren hatten und für die es keine Volksrevolution geben wird.[13] Mit den Chimären um die Botschaft der „transform! european network for alternative thinking and political dialogue“ konnte Alfred J. Noll gar nichts anfangen und lehnte die Besprechung des „Marxismus-Buches“ von deren „evangelikalen“ Propheten Walter Baier (*1954) als „vergeudete Lebenszeit“ ab.[14] Der Sinn des eigenen Lebens an der Seite des gesellschaftlichen Fortschritts war Noll wichtiger als sich mit pseudowissenschaftlichen Lakaienliteratur zu beschäftigen.
Firlefanz zur Ablenkung von der Realität
Noll erinnert in seinem „Anschluss“-Artikel daran, wie Bundespräsident Wilhelm Miklas (1872–1956) am 13. März 1938 seine Funktion zurückgelegt hat. Für seine Unterstützung der Volksabstimmung für den Anschluss am 10. April 1938 erhielt er eine Opernfreikarte. Das noch heute anzuschauende zeremonielle Gehabe österreichischer Bundespräsidenten hat der Schweizer Gesandte Mitte Jänner 1938 anerkennende nach Bern berichtet: „Der weite und stilvolle Saal, in dem der Neujahrsempfang stattfand, zeigte an den Wänden Bildnisse Kaiser Franz Joseph I. und anderer österreichischer Herrscher. Die zeremonielle Gemessenheit und Feierlichkeit des Empfanges fanden in diesem Raum, der als ein würdiges Symbol des alten kaiserlichen Österreichs gelten mag, einen denkbar schönen Rahmen. Der Neujahrsempfang war auch darum besonders feierlich geprägt, weil dazu eine Ehrenkompagnie des Gardebataillons mit Fahne und Musik ausgerückt war, die den Missionschefs unter den Klängen des Generalmarsches die militärischen Ehren erwies“.[15]
Gerade solcher zeremonielle Firlefanz lenkt von den vielen Signalen des ohne Dekret, aber tatsächlich vollzogenen Anschlusses von Österreich an Deutschland in der Gegenwart ab. Den von vielen Marksteinen gesäumten Weg dorthin hat in seinen Anfängen 1964 der österreichische jüdische Marxist Bruno Frei (1897–1988) in der „Die Weltbühne“ beschrieben.[16] Der Bundespräsident des imperialistischen, zwei Weltkriege verursachenden Deutschlands Frank-Walter Steinmeier (*1956) hat während seines dreitägigen offiziellen Staatsbesuchs in Wien am 22. Oktober 2025 auf ausdrücklichen Wunsch gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Rheinmetall AG Armin Papperger (*1963) das österreichische Werk des deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall MAN Military Vehicles Österreichs GesmbH in Wien-Liesing besucht.[17] Am 24. März 2026 deklarierte Bundespräsident Steinmeier dieses kriegführende und zum Krieg Richtung Osten aufrüstende Deutschland zum Rückgrat Europas.[18] Was für eine gefährliche Drohung!
Epilog
Der Verfasser dieses Artikels ist mit Alfred J. Noll viele Jahre in der gemeinsam verbindenden Erinnerung an Eduard Rabofsky in Kontakt gestanden. Aus Anlass seines Artikels in der online-Ausgabe der „Zeitung der Arbeit“[19] über die Rolle der österreichischen Medien schreibt ihm Noll (E‑Mail vom 19. November 2023):
„Lieber Gerhard, das ist eine berechtigte Mahnung – sie wird in der österreichischen Öffentlichkeit (leider) nicht ankommen. Unsere Medien befinden sich (wie auch in der Sache Russland/Ukraine) im „Kriegsmodus“. Wer unseren Medien nicht nach dem Mund spricht, wird zum „Feind“ erklärt. – Es ist wohl so, wie Judith Butler unlängst sagte: Indem man Israel zu 100% verteidigt, glaubt der Westen (insbesondere Deutschland), seine bedingungslose Unterstützung für Israel wäre der historisch abschließende Beweis dafür, dass sie selbst nicht antisemitisch seien… Herzlich Alfred“.
Seit 2013 hat Alfred J. Noll bis zu seinem Tod mit seinen regelmäßigen und immer wieder zum Nachdenken anregenden Postings den als Qualitätszeitung angebotenen DerStandard aufgewertet.[20] Dessen „Haltung“ zum Geschehen im Nahen Osten ist offensiv parteinehmend für Israels völkermörderischen, Kinder miteinbeziehenden Kriegseinsatz.
[1] Karl Renner: Die Gründung der Republik Deutschösterreich, der Anschluß und die Sudetendeutschen. Dokukmente eines Kampfes ums Recht, herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Dr. Karl Renner seinerzeit Präsident der Friedensdelegation von S. Germain en Laye mit einer Einführung von Eduard Rabofsky. Globus Verlag Wien 1990.
[2] Arbeiter-Zeitung vom 6. Jänner 1951.
[3] Romain Rolland – Stefan Zweig: Briefwechsel 1910–1940. Ester Band 1910–1923. Verlag Rütten & Loening Berlin 1987, S. 492 f.; dazu Gerhard Oberkofler und Eduard Rabofsky: Heinrich Lammasch (1853–1920). Notizen zur akademischen Laufbahn des großen österreichischen Völker- und Strafrechtsgelehrten. Vorwort von Hans R. Klecatsky. Universitätsverlag Wagner Innsbruck 1993. Alfred J. Noll hat eine Rezension geschrieben in: Wiener Zeitung vom 13. August 1993.
[4] Mit einem Vorwort von Armin Thurnher. Czernin Verlag Wien 2004. Hier S. 37–54; vgl. auch Armin Thurnher: Adieu, Alfred Noll: Der wahre Staats-Anwalt – FALTER
[5] Ebenda, S. 53.
[6] Czernins Verlags GmbH Wien 2025; 2024 hat Alfred H. Noll von Michael Scharang hg.: Im Angesicht der Barbarei. Essays zur Literatur. Czernins Verlag GmbH Wien 2024.
[7] Wilhelm R. Beyer/ Eduard Rabofsky, Die Reine Rechtslehre. Kritische Bemerkungen zur zweiten Auflage des Kelsen’schen Hauptwerkes, in: Tagebuch Nr. IX 1961, S. 10.
[8] Wie A. 4, S. 136.
[9] Eduard Rabofsky: Wider die Restauration im Recht. Ausgewählte Artikel und Aufsätze herausgegeben von Wolfgang Maßl / Alfred Noll / Gerhard Oberkofler. Verlag für Gesellschaftskritik Wien 1991. Dort S. 9 – 18 Hermann Klenner: Eduard Rabofsky Beitrag zur Rechtsentwicklung von unten. Dazu auch: Über die generationsübergreifende Nähe von Hermann Klenner zu Österreich – Zeitung der Arbeit
[10] Wie A. 4, S. 54.
[11] Jetzt – Liste Pilz – Wikipedia
[12] Alfred Noll im Parlament – zackzack.at
[13] Noam Chomsky: Demokratie und Erziehung, Hg. von Carlos Peregrín Otero. Aus dem Amerikanischen von Sven Wunderlich. Lowell Factory Books 2013, S. 454; vgl. Rolf Bauermann / Hans-Jochen Rötscher: Dialektik der Anpassung. Die Aussöhnung der >Kritischen Theorie< mit den imperialistischen Herrschaftsverhältnissen. Verlag Marxistische Blätter GmbH Frankfurt / Main 1972 (= Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie 17).
[14] Walter Baier: Marxismus. Geschichte und Themen einer praktischen Theorie. Mandelbau Verlag Wien / Berlin 2023; E‑Mail von Alfred J. Noll an Gerhard Oberkofler vom 12. Jänner 2024.
[15] Gerhard Oberkofler: Aus den Beobachtungen des Schweizer Gesandten in Wien in der Zeit des Anschlusses 1938. nVs Texte / Berichte / Argumente, Nr. 2 u. 4 / 2001.
[16] Bruno Frei: Der kalte Anschluß erwärmt sich. Die Weltbühne XIX. Jahrgang, 18. Februar 1964, S. 234–239. Über Bruno Frei s. Gerhard Oberkofler: Mit dem österreichischen jüdischen Marxisten Bruno Frei unterwegs im 20. Jahrhundert trafo Verlag Berlin 2024.
[17] Rüstungsboom in Wien-Liesing: Der Staatsbesuch Steinmeiers in Zeiten der Zeitenwende – SN.at
[18] Der Bundespräsident – Reden und Interviews – „Militärische Stärke und außenpolitische Klugheit gehören zusammen“
[19] Über die „Sonderbehandlung“ des palästinensischen Volkes und ihre Widerspiegelung in der „Freien Presse“ Österreichs – Zeitung der Arbeit
[20] Zum Ableben von Alfred J. Noll – Community – derStandard.at › Diskurs

















































































