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Feindbild Rotarmist

15. Juli 2021
in Feuilleton, Geschichte, Internationales
Feindbild Rotarmist

In Kasachstan versucht man alte Nazigranden und Wehrmachts-Divisionen politisch und juristisch zu rehabilitieren. Im Fadenkreuz steht nicht nur die Sowjetunion, sondern wie so oft die historische Wahrheit selbst.

Nur-Sultan. Eine Sonderkommission wurde im Mai unter der Ägide des Präsidenten Qassym-Schomart Toqajews zusammengestellt, die über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen in Kasachstan beraten soll. Im Fokus stehen dabei aber weder diejenigen, die im Partisanenkampf oder innerhalb der Roten Armee die Faschisten unter widrigsten Umständen aus dem Land jagten und dabei gefangengenommen und ermordet wurden, noch diejenigen, die momentan unter dem bürgerlichen System zu leiden haben und wegen Streiks oder gewerkschaftlicher Organisierung in den Gefängnissen sitzen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr faschistische Banden, die in und um die Turkistanische Legion organisiert waren. Diese bestand aus etwa 16.000 Soldaten und war ab 1943 integraler Bestandteil der 162. Infanterie-Division der Wehrmacht. Es geht also um Soldaten, die in späteren Jahren nach der Zerschlagung des Faschismus durch die Rote Armee in Ungnade fielen, eben weil sie sich als Kollaborateure den Nazis unterordneten und auf eigenem und fremdem Boden planmäßig mordeten und brandschatzten. Die Rehabilitierung der militanten faschistischen Kräfte Kasachstans ist Teil des Kampfes um Deutungshoheit über die Geschichte, die in diesem Fall nur über den Weg der Geschichtsfälschung laufen kann, und darüber hinaus eine besondere Art der Stärkung des Souveränitätsgefühls des eigenen Landes im Gegensatz zur ehemaligen Sowjetunion. 

Hauptfeind Rotarmist

Der Parlamentsabgeordnete Berik Abdygaliuly brachte diese Stoßrichtung im Zuge einer Pressekonferenz auf den Punkt, indem er verlauten ließ: „Zum Beispiel gibt es unter denen, die unter dem Artikel ´Banditentum´ angeklagt wurden, solche, die nicht rehabilitiert wurden. In Wirklichkeit waren es keine Banditen. Sie töteten Rote“.

Es ist dies ein Zeichen davon, wie Geschichte auf den Kopf gestellt werden kann. Dadurch, dass der Hauptfeind nicht mehr in der faschistischen Aggression gesehen wird, sondern mit den Roten, den Bolschewiki, der Roten Armee identifiziert wird, können ausgewiesene Mörder als tragische Opfer durchgehen. Urteile, die in der Vergangenheit über Nazikollaborateure verhängt wurden, stehen nun auf dem Prüfstein, geplant sind neben der juristischen auch satte politische Rehabilitierungen, so z.B. im Falle des Ideologen hinter der Turkistanischen Legion, Mustafa Schokaj: 

„Und wenn morgen jemand anfängt zu schreiben, dass ‚Mustafa Schokaj ein Verräter ist‘, werden wir ihn dafür zur Rechenschaft ziehen“, so der Abgeordnete. Mustafa Schokaj war neben seiner faschistischen Ausrichtung auch aktiv im KZ Debica tätig, wo er das Massaker an der eigenen Bevölkerung, an Russen und Usbeken überwachte und diese (tatsächlichen) Opfer als Pfand für den Kampf gegen die Rote Armee einstufte.

Auch die klimatisch bedingte Hungersnot in den 30er Jahren wird, mir nichts dir nichts von der ukrainischen Geschichtsschreibung kopiert, als Repressionsmethode gegen die kasachische Bevölkerung umgemünzt. Teile der etablierten Politik Kasachstans greifen damit die hinterhältige Geschichtslüge des Holodomors auf, während Stimmen, die die Hungersnot als „schreckliche humanitäre Katastrophe für alle Länder der ehemaligen Sowjetunion“ einordnen (wie der Sprecher des kasachischen Parlaments Maulen Aschimbajew) die man nicht „politisieren“ sollte, ungehört bleiben. Die Sonderkommission beharrt jedoch darauf und schließt eine Einordnung als Genozid nicht aus. Dies diene laut Abdygaliuly ja auch dem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühl: „Unser Hauptziel ist es, die Nation zu vereinen […]. Nehmen wir zum Beispiel ein Thema wie den Holocaust. Ganz Israel trauert und gedenkt an diesem Tag der Verstorbenen. So gibt es eine Konsolidierung der Nation“, ließ dieser verlauten, die klimatisch bedingte Hungersnot mit dem Holocaust vergleichend und dessen politische Vereinnahmung schon vorausplanend.

Der Mantel des Schweigens

Die Turkistanische Legion wurde erwiesenermaßen zur Durchführung von Strafaktionen in den besetzten Gebieten Polens, Weißrusslands und Jugoslawiens eingesetzt, sie war auch an der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes beteiligt. Die Nürnberger Prozesse erkannten daraufhin folgerichtig die Turkistanische Legion als Teil der SS-Formationen an und stufte sie als verbrecherische Organisation ein. In der Sowjetunion wurden danach gerade einmal 49 Personen im Zuge des Prozesses von Almaty 1947 angeklagt und verurteilt. Die Sowjetunion führte, entgegen der kasachischen Propaganda, keine wahllosen Massenrepressionen durch, vielmehr galt die NKWD-Direktive 494/94, wonach nur diejenigen verhaftet und vor Gericht gestellt werden sollten, die aktiv mit dem Feind kollaborierten, hohe Positionen in ihren Formationen innehatten oder an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Man ging davon aus, dass viele zur Kollaboration gezwungen worden waren. Trotzdem gehen Nationalisten in Kasachstan mit der Fehlinformation hausieren, es wären tausende gewesen, die nach der Zerschlagung des Faschismus unter dem „sowjetischen Totalitarismus“ zu leiden gehabt hätten. Dieser Ansatz ist aber nichts anderes, als der tollpatschige Versuch, aktiven Antifaschismus und Widerstandskampf zu diskreditieren und politischen Profit aus purem Geschichtsrevisionismus zu ziehen, wo Opfer und Täter bewusst vertauscht werden und über die Verbrechen der Wehrmacht ein Deckmantel des Schweigens gelegt wird. Geschichtsfälschungen solcher Art sind in den letzten Jahren immer häufiger geworden, man denke an die Ukraine, das Baltikum, Polen oder auch an die EU. Reaktionäre und chauvinistische Sektoren des US- und EU-Imperialismus geben dabei ideologische und finanzielle Rückendeckung. Das Wunder ist bald geschehen: Kriegsverbrecher, die Razzien und Pogrome durchgeführt, KZ- und Auffanglager überwacht, grausame Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübt und die Rückkehr der halbfeudalen Grundbesitzerklassen forciert haben, können nun endlich rehabilitiert und als Symbole des bürgerlichen Humanismus eingestuft werden. 

Protest griechischer Kommunisten und Antifaschisten

Die Idealisierung und Reinwaschung von Naziverbrechern in Kasachstan ruft auch historisch betroffene Länder auf den Plan, in denen die Turkistanische Legion die Bevölkerung terrorisierte und mit rücksichtsloser Brutalität gegen die Partisaninnen- und Partisanenbewegung vorging, so etwa das Beispiel Griechenlands, wo die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) gemeinsam mit Veteranen- und Gewerkschaftsorganisationen sowie Opferverbänden folgenden offenen Brief unterzeichnet hat:

„Wir verurteilen die reaktionäre Regierung Kasachstans, die mit einem vorgefertigten Plan versucht, politisch und juristisch die Mitglieder jener verbrecherischen Gruppen, die während des Zweiten Weltkrieges mit den Nazis kollaborierten, sowie andere bewaffnete Gruppen, die gegen die sozialistische Sowjetmacht kämpften, das sowjetische Volk beraubten und töteten und Verbrechen gegen das Volk Kasachstans begingen, freizusprechen.

Zwei Abgeordnete der Regierungspartei und Mitglieder der ’staatlichen Rehabilitierungskommission‘, der von der Regierung mit dieser antihistorischen und gefährlichen Aufgabe betrauten Zentrale, schlagen die strafrechtliche Verfolgung derjenigen vor, die Mustafa Schokaj, den Gründer der Turkistanischen Legion, ‚beleidigen‘, d.h. die Wehrmachtseinheiten und die muslimischen SS-Bataillone.

Die nazistische ‚Turkistanische Legion‘ operierte in verschiedenen Ländern Europas, beteiligte sich an der Unterdrückung von Partisanenbewegungen und an faschistischen Strafaktionen gegen Antifaschisten und Zivilisten in Belarus, Polen, Griechenland, Italien und Jugoslawien.

Das 789. Bataillon der ‚Turkistanischen Legion‘ wurde nach seiner ‚Neuformierung‘ in Deutschland 1943 nach Griechenland geschickt, wo es gegen EAM-ELAS-Partisanen kämpfte.

Wir verurteilen alle Versuche, die Naziverbrecher und ihre Komplizen zu rechtfertigen, wie z. B. in Kasachstan die schändlichen Versuche, die Erinnerung an das sowjetische Volk und an die Rote Armee auszulöschen, die im Kampf um die Befreiung der UdSSR und Osteuropas im Großen Vaterländischen Krieg große Verluste erlitten und die Hitlersche Kriegsmaschinerie zerschlagen haben. Wir verurteilen jeden Plan, all jene zu kriminalisieren, die das historische Gedächtnis und die wahre Geschichte des kasachischen Volkes bewahren wollen, wir verurteilen die Nazi-Kollaborateure und ihre Aktivitäten.

Wir verurteilen jede Maßnahme der Regierung Kasachstans zur Rechtfertigung der Mörder der Sowjetvölker und der Feinde der sozialistischen Macht und fordern sie auf, diesen antihistorischen und gefährlichen Plan nicht weiterzutreiben. Wir stehen in Solidarität mit dem kasachischen Volk, das sich jedem Versuch widersetzt, die mörderischen Nazi- und SS-Kollaborateure freizusprechen“.

Quelle: Lenta/Fronte Comunista/EADaily

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Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 101I-295-1561-09 / Müller, Karl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons
Schlagworte: AntikommunismusGeschichtsrevisionismusKasachstanRote ArmeeSowjetunionZweiter Weltkrieg

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