Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Karl Marx und Friedrich Engels haben lateinische Autoren fließend gelesen
Seit dem Frühkapitalismus hat sich in Europa Latein als Visum der Humanisten durchgesetzt.[1] Die Dom- und Klosterschulen wurde durch städtische Lateinschulen für das Bürgertum ergänzt und schließlich zu Gymnasien mit Unterricht in Latein und Altgriechisch transformiert. Das Bestehen der Reifeprüfung an solchen höheren Schulen öffnete den Zugang zu den Universitäten. Wilhelm von Humboldt (1767–1835) hat davon geträumt, dass mit der gymnasialen Bildung ein neuer Humanismus in die Welt kommen werde. Karl Marx (1818–1883) hat für seine gymnasiale Reifeprüfung in Trier (24. September 1835) Mitte August 1835 die Abiturarbeit über seine Betrachtung betreffend Berufswahl und über die Frage „Zählt man das Prinzipat des Augustus mit Recht zu den glücklicheren Zeiten des Römischen Reiches“ lateinisch geschrieben.[2] Nach dem ersten Jahr seines Rechtsstudiums in Berlin schreibt Karl Marx seinem als Jurist tätigen Vater Heinrich Marx (1777–1838) nach Trier, dass er für sich selbst die „Germania“ von Publius Cornelius Tacitus (um 55 – um 120 u. Z.) und von Ovid (43 v. u. Z. – um 18. u. Z.) dessen Klagelieder übersetzt habe.[3] Mit Tacitus, dem die Germanen mehr bedeutet haben als die Juden („despectissima pars servientium“), ist er bei dieser Gelegenheit in keinen Dialog eingetreten.[4] Seine als Student der Rechte 1840 bis März 1841 in deutscher Sprache niedergeschriebene Dissertation „Differenz der demokratischen und epikureischen Naturphilosophie nebst einem Anhange“ erarbeitete Karl Marx mit seinen in eigenen Heften erhalten gebliebenen Exzerpten aus den lateinischen und griechischen Originalschriften.[5] Seine Sympathie für das Anliegen von Epikur (342/41 v. u. Z. – 271/70), den Menschen vom Aberglauben zu befreien, ist erkennbar und deshalb ist dieser für ihn „der größte griechische Aufklärer“.[6]
Friedrich Engels (1820–1895) hat, obschon ein besonders begabter Liebhaber und Übersetzer lateinischer und griechischer Texte, das Gymnasium in Elberfeld auf Anordnung seines Vaters vor dem Abitur verlassen müssen (1837).[7] Karl Marx und Friedrich Engels haben mit ihrem in der zweiten Februarhälfte 1848 in London in deutscher Sprache und ohne Verfasserangabe publizierten, dreißigseitigen Pamphlet „Manifest der Kommunistischen Partei“ eine die Einzäunung des schulischen Denkens durchbrechende welthistorische Perspektive aufgezeigt.[8]
Ob Einsichten in das Denken des römischen Schriftstellers und Politikers Marcus Tullius Cicero (106–43 v. u. Z.) für Karl Marx und Friedrich Engels konkret inspirierend waren, lässt sich nicht sagen. Das fragmentarisch erhalten gebliebene staatsphilosophische Werk von Cicdero „De re publica“ handelt vom Gemeinwohl und beinhaltet den Satz (1, 51): „Denn Reichtum, Name, Macht ohne Einsicht und Maß im Leben und in Befehlen anderer sind voll von Schande und frechen Hochmut, und es gibt keine hässlichere Erscheinungsform eines Staates als jene, in der die Reichen für die Besten gehaltern werden“. Das 2013 veröffentlichte Buch „Lob des Kommunismus. Alte und neue Weckrufe für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen“ erinnert an Cicero, weil dessen Schrift im Deutschen den Titel „Vom Gemeinwohl“ haben müsste.[9] „Leset den Cicero!“ hat auch Karl Marx einmal gemeint.[10]
Das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx und Friedrich Engels wurde aus der deutschen Sprache in alle Weltsprachen übersetzt. Eine lateinische Übersetzung konnte nicht festgestellt werden. In China fanden seit Ende des 19. Jahrhunderts einige Passagen aus dem „Manifest“ Verbreitung. Im August 1920 hat dieses der Kommunist Chen Wangdau (1891–1977)[11] ganz übersetzt und herausgegeben.[12] Ab dieser Erstübersetzung folgten mehrere und bessere Übersetzungen. Zum 100. Jahrestag des „Kommunistischen Manifests“ hat das Büro für Ausländische Literatur der Sowjetunion in Moskau 1948 von seinen chinesischen Mitarbeitern eine chinesische Übersetzung des deutschen Originals mit allen späteren Vorworten herausgegeben. Renxiang Jiang aus Peking schreibt 2009, dass in China die Beschäftigung mit dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ zum Kern der Führung der Kommunistischen Partei Chinas gehören.[13]
Antonio Gramsci (1891–1937) will mit Latein materialistisch dialektisches Denken von Schülern fördern
Mit der Enzyklika „Pacem in terris“ hat es Papst Johannes XXIII. (1881–1963) den Katholiken freigestellt, mit Kommunisten in aller Welt im Interesse der von der Klasse der Reichen unterdrückten Ausgebeuteten und Armen zusammenzugehen. Es gilt das, was Karl Marx „ad hominem“ 1844 als kategorischen Imperativ formuliert: „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“.[14] Antonio Gramsci (1891–1937) hat sich im Vierten Heft seiner Gefängnishefte intensiv mit Organisationsaufbau und Lehrplänen des italienischen Schulsystems bei Einbeziehung der Empfänglichkeit der Schüler befasst und zum Latein-Unterricht historisch-materialistische Überlegungen niedergeschrieben:
„Man lernt das Lateinische, man zerlegt es in seine elementarsten Glieder, man zergliedert es zwar wie einen toten Gegenstand, aber jede von einem Kind ausgeführte Zergliederung kann nur an einem toten Gegenstand ausgeführt werden; im übrigen darf man nicht vergessen, dass dort, wo dieses Studium, in diesen Formen, erfolgt, das Leben der Römer ein Mythos ist, der in einem gewissen Umfang das Kind schon interessiert hat oder jetzt interessiert. Die Sprache ist zwar tot, wird seziert wie eine Leiche, aber die Leiche lebt ständig wieder auf in den Exempeln, in den Erzählungen. […] Das Lateinische und das Griechische erscheinen in der Phantasie wie ein Mythos, auch für den Lehrer. Lateinisch studiert man nicht, um Lateinisch zu lernen, man studiert es, um die Jungen daran zu gewöhnen, zu studieren, einen historischen Korpus zu zergliedern, den man wie eine Leiche behandeln kann, der sich aber ständig wieder zum Leben zusammenfügt. […] Natürlich glaube ich nicht, dass das Lateinische und das Griechische von sich aus wundertätige Eigenschaften haben: ich sage, dass in einem gegebenen Umfeld, in einer gegebenen Kultur, mit einer gegebenen Tradition das so abgestufte Studium jene bestimmten Wirkungen erzielte. Man kann das Lateinische und das Griechische ersetzen, und man wird sie gewinnbringend ersetzen, aber man muss den neuen Stoff, oder die neue Reihe von Stoffen didaktisch anzuordnen wissen, um gleichwertige Ergebnisse der Allgemeinbildung des Menschen vom kleinen Jungen bis zum Alter der Berufswahl zu erzielen. In diesem Zeitraum muss das Studium, oder der größte Teil des Studiums, nicht zweckgebunden sein, also keine unmittelbaren, praktischen, oder allzu unmittelbar vermittelten Zwecke haben: es muss bildend sein, auch wenn >instruktiv<, das heißt reich an konkreten Begriffen“.[15]
Karl Rahner SJ (1904–1984) kommuniziert in Latein
An den katholisch theologischen Fakultäten konnte sich Latein als Kommunikationssprache bis in die 1960er Jahre halten. Einer der bedeutendsten Theologen des vorigen Jahrhunderts war der Jesuitenpater Karl Rahner SJ (1904–1984), der seine Vorlesungen und Seminare an den Katholisch Theologischen Fakultäten in Innsbruck und München in lateinischer Sprache abgehalten hat. Herbert Vorgrimler (1929–2014), ein Schüler und späterer Mitarbeiter von Karl Rahner SJ, erinnert sich: „Aber Rahner war auch zutiefst von der Sprache seiner Kirche geprägt: vom Latein. Er hatte (so wie seine ältesten Schüler auch noch) sämtliche Vorlesungen in lateinischer Sprache gehört und musste die dazugehörigen Disputationen in Latein bestreiten, in freier Rede. Er hatte eine Zeitlang Lateinunterricht gegeben. Er hielt dann seine Vorlesungen selber lateinisch auf der Basis lateinischer Manuskripte. Er unterhielt sich mit ausländischen theologischen Besuchern, sogar mit Franzosen, deren Sprache er beherrschte, in Latein. Er sprach mit Johannes XXIII. und mit Paul VI. [(18797–1978)] lateinisch und schrieb in dieser Sprache noch in seinem Todesjahr Briefe. Wie sollte etwas, das so tief verwurzelt war, eine Sprache nicht prägen?“[16] Zu den Schülern von Karl Rahner SJ in Innsbruck in den Jahren von 1958 bis 1962 gehörte Ignacio Ellacuría SJ (1930–1989), der zuvor in Quito (Ecuador) die klassischen Sprachen studiert hat. Mit fünf seiner Mitbrüder wurde Ellacuría SJ in El Salvador am 16. November 1989 wegen Betätigung im Geiste des „Kommunistischen Manifests“ im Auftrag des US-Imperialismus gezielt ermordet.[17]
[1] Vgl. Martin Korenjak: Latein. Porträt einer Weltsprache. C. H. Beck Verlag München 2025.
[2] Karl Marx / Friedrich Engels: Ergänzungsband. Schriften. Manuskripte. Briefe bis 1844. Erster Teil. Dietz Verlag Berlin 1981, S. 591–594 und 595–597; vgl. N. I. Lapin: Der junge Marx. Dietz Verlag Berlin 1974.
[3] Ebenda, Brief vom 10. November 1837, S. 3–12, hier S. 8.
[4] Lexikon des Judentums. Chefredakteur John F. Oppenheimer, New York. C. Bertelsmann Verlag Gütersloh 1967, Sp. 791; P. Cornelius Tacitus: Die Historien. Kommentar von Heinz Heubner. Band V. Fünftes Buch von H. Heubner und w. Fauth. Carl Winter Universitätsverlag Heidelberg 1982. Vgl. Karl Marx: Zur Judenfrage. MEW 1 (1972), S. 347–377.
[5] Ebenda, S. 257–373.
[6] Ebenda, S. 305.
[7] Friedrich Engels. Sein Leben und Wirken. Autorenkollektiv: L. F. Iljitschow (Leiter), J. P. Kandel, N. J. Kolpinski. A. I. Malysch, G. D. Obitschkin, W. W. Platkowski, J. A. Stepanowa, B. G. Tartakowski. Die deutsche Ausgabe ist besorgt von dem Übersetzerkollektiv: N. Letnewa, V. Nowak, H. Schnittke, L Schulmann, L Steimetz. Verantwortlich für die deutsche Ausgabe: N. Letnewa. Verlag Progreß, Moskau, Dietz Verlag Berlin 1973.
[8] Vgl. Das Kommunistische Manifest (Manifest der Kommunistischen Partei) von Karl Marx und Friedrich Engels. Von der Erstausgabe zur Leseausgabe. Mit einem Editionsbericht von Thomas Kuczynski. Schriften aus dem Karl–Marx-Haus Trier 49. Trier 1995.
[9] Hg. Wolfgang Beutin / Hermann Klenner / Eckart Spoo: Lob des Kommunismus. Alte und neue Weckrufe für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen. Ossietzky Verlag Hannover 2013, S. 8,
[10] MEW 1 (1972), S. 91; dazu z. B. Hermann Klenner: Über Marxens Religions- und Rechtskritik. UTOPIE kreativ H. 84 (Oktober 1997), s. 5–10.
[12] Renxiang Jiang: Die Übersetzung und Verbreitung des Manifests der Kommunistischen Partei in China. In: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2009, S. 135–140 (mit einer Abbildung des Titelbildes der ersten chinesischen Ausgabe 1920).
[13] Wie A. 11.
[14] MEW 1 (1972), S. 385.
[15] Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 3 herausgegeben von Klaus Bochmann und ‑Wolfgang Fritz Haug. Heft 4–5. Argument Verlag Hamburg 1992, S. 540 f.; auch Band 7 herausgegeben von Klaus Bochmann, Wolfgang ‑Fritz Haug und Peter Jehle unter Mitwirkung von Ruedi Graf und Gerhard Kuck. Heft 12 bis 15. Argument Verlag Hamburg 1996, S. 1527; Antonio Gramnsci: Gedanken zur Kultur. Aus dem Italienischen hg. von Guido Zamiš unter Mitarbeit von Sigrid Siemund. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1987, hier bes. S. 106 f.
[16] Herbert Vorgrimler: Karl Rahner. Zeugnisse seines Labens und Denkens. Verlagsgemeinschaft topos plus, Kevelaer. 2. A. 2011, S. 45.
[17] Ignacio Ellacurá: Eine Kirche der Armen. Für ein prophetisches Christentum. Aus dem Spanischen von Raúl Fornet-Ponse. Herder Verlag Freiburg / Basel / Wien 2011; Jon Sobrino: Der Preis der Gerechtigkeit. Briefe an einem ermordeten Freund. Aus dem Spanischen übersetzt von Gerhart Eskuche. Echter Verlag Würzburg 2007.


















































































