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Home Feuilleton Kultur

Milva, die Rote, ist nicht mehr

26. April 2021
in Kultur
Milva, die Rote, ist nicht mehr

Mit Milva verabschiedet sich eine Künstlerin von Weltruhm von der Bühne des Lebens. In ihrer Gesangs- und Schauspieltätigkeit verarbeitete sie häufig sozialistische Kunst neu und machte sie einem internationalen Publikum mit Stärke, Leidenschaft und Stimmgewalt zugänglich.

Mailand. Am vergangenen Freitag starb die weltbekannte italienische Sängerin und Schauspielerin Maria Ilva Biolcati, besser bekannt unter ihrem Pseudonym: Milva. Ihre Tochter, Martina Corgnati, informierte am Samstag die Öffentlichkeit über den Tod ihrer 81-jährigen Mutter in Mailand. Damit verabschiedet sich eine der produktivsten und gesanglich sowie künstlerisch dynamischsten Frauen Italiens von der Bühne des Lebens.

Von einem Erfolg zum nächsten – la Pantera di Goro

Maria Ilva wurde am 17. Juli 1939 in Goro bei Ferrara geboren. Ihre Eltern, ein Fischhändler und eine Schneiderin, wollten ihr schon damals den Namen Milva geben, werden aber vom für die Taufe zuständigen Pfarrer überzeugt, dass es besser sei, dem Kind einen Namen zu geben, der auch von einer Schutzheiligen für den Namenstag abgedeckt wäre. So entscheiden sie sich für Maria und den eher ungewöhnlichen Zweitnamen Ilva.

Zunächst tritt sie jedoch weder als Maria Ilva noch als Milva auf, sondern unter dem Namen Sabrina. In und um Ferrara herum tritt sie als Sängerin in Erscheinung, wo sie ihrer Stimme und ihres Temperaments wegen Applaus und erste Aufmerksamkeit erntet. Sie wird mit dem Beinamen „Panther von Goro“ bedacht, wobei die Bezeichnung aus der ganz frühen Anfangsphase der späteren Weltgröße stammt, in der ihre noch überschaubare, aber doch durchsetzungsfähige Fanbase sie von dem „Tiger von Cremona“ (Mina) und dem „Adler von Ligonchio“ (Iva Zanicchi) abgrenzen wollten, wobei vielleicht hinzugefügt werden muss, dass alle drei Tierbezeichnungen in der italienischen Sprache natürlich weiblichen Geschlechts sind.

Bei einem von der RAI initiierten Wettbewerb für neue Sängerinnen und Sänger im Jahr 1959 erreicht sie bereits mit dem Künstlernamen Milva unter 7.600 Mitbewerbern den ersten Platz mit Acque amare (von Carla Boni) und Dicembre m´ha portato una canzone (von Nilla Pizzi). Daraufhin nimmt sie das staatliche Label Cetra unter Vertrag und sie veröffentlicht von 1961 bis 1989 fast jährlich ein Album, ab 1967 jedoch beim Label Dischi Ricordi. Insgesamt, aber mit größeren Intervallen, wird Milva bis ins Jahr 2010 Studioalben hervorbringen.

1961 nimmt sie auch zum ersten Mal beim populären Festival di San Remo teil und belegt dabei den dritten Platz mit dem Song Il mare nel cassetto. Beim San-Remo-Festival wird sie bis 2007 15 Auftritte absolvieren, ohne jedoch jemals als Erstplatzierte hervorzugehen. Im Juli 1961 erreicht sie zusammen mit Nunzio Gallo den ersten Platz des damals zum ersten und letzten Mal veranstalteten Giugno della Canzone Napoletana, einem musikalischen Wettbewerb in Neapel, bei dessen Verlauf es auch der junge Sänger Mario Trevi als Zweitplatzierter zu internationaler Bekanntheit mit Mare verde schafft.

Im weiteren Verlauf der 60er-Jahre ereignen sich weitere Höhepunkte im Leben und in der Karriere der noch blutjungen Sängerin: Sie bringt mehrere sich gut verkaufende Singles heraus, etwa Flamenco Rock (1960) und Blue spanish eyes (1966). 1962 debütiert sie als Schauspielerin neben Gina Lollobrigida in Giancarlo Zagnis im Grunde genommen wenig bekannten Film Schöne Ippolita (La bellezza di Ippolita). Aus der Heirat mit dem Regisseur und Intellektuellen Maurizio Corgnati, der einen großen Einfluss auf Milvas Schaffen ausüben wird, resultiert auch schon 1963 ihre obengenannte Tochter Martina Corgnati, die später als Kunstkritikerin Bekanntheit erlangen wird.

Milva bringt in diesen Jahren ihre Alben Le canzoni del Tabarin – Canzoni da Cortile (1963) und Canti della Libertá (1965) heraus – letzteres enthält denn auch, wie der Name bereits andeutet, linkes und im weiteren Sinne progressives Songmaterial: Neben La Marseillaise, La Carmagnole oder La Cucaracha findet sich dort auch eine Version des brechtschen Kälbermarschs und das bekannte und schöne Partisanenlied Fischia il vento. Aus diesen Jahren stammen auch schon Milvas Versionen des international weitaus bekannteren italienischen Partisanenlieds Bella ciao. 

Milva, la Rossa

In diesen und in den Folgejahren setzt sich ein weiterer Beiname im Kollektivgedächtnis fest, nämlich Milva, die Rote. Dies liegt insonderheit an ihrer feuerroten Haarpracht, dennoch lässt sie die politische Konnotation des Begriffs zeit ihres Lebens unwidersprochen. Im Gegenteil – ohne parteipolitisch aktiv gewesen zu sein, verstärkt sie diese Konnotation in ihrem künstlerisch-politischen Schaffen. Sie arbeitet auf der Theaterbühne gemeinsam mit Giorgio Strehler fruchtbare Brecht-Interpretationen in Form von Io, Bertolt Brecht, Milva canta Bertolt Brecht und Io, Bertolt Brecht N°2 aus und wird dadurch zur anerkanntermaßen wichtigsten italienischen Brecht-Interpretin. Brecht widmet sie auch mehrere musikalische Projekte, u.a. Milva canta Brecht (1971) und Brecht (1975), in der sie verschiedene Lieder und Balladen des Schriftstellers vertont und Kompositionen von Kurt Weill und Hanns Eisler neu interpretiert. Ebenfalls 1975, somit zehn Jahre nach Canti della Libertà, veröffentlicht sie das Album Libertà, das ein ähnliches Konzept aufweist und wiederum Songtitel der Art 25 Aprile 1945, Per i morti di Reggio Emilia, Venceremos, Simon Bolivar und Lungo la strada (eine italienische Version von Poljuschko Pole) enthält.

1979 veröffentlicht sie das Album La mia età, in welchem Lieder des griechischen Komponisten Mikis Theodorakis und einiger der wichtigsten, durch ihr antifaschistisches Engagement bekannten griechischen Dichter des 20. Jahrhunderts vertont werden, wie Giorgos Seferis, Tasos Livaditis, Manos Eleutheriou und Iakovos Kambanellis.

Sie arbeitet in ihrer weiteren Laufbahn mit Größen wie Enzo Jannacci, Franco Battiato, Alda Merini, Thanos Mikroutsikos, Vangelis und Ennio Morricone. Problemlos singt und rezitiert sie nicht nur in ihrer Muttersprache, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Griechisch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch und sogar auf Japanisch, woraus sich einerseits ihr Weltruhm, aber auch die besonders große Zahl ihrer Anhängerinnen und Anhänger gerade in diesen Ländern erklärt. 

Rückzug aus dem Geschäft

Im Jahr 2010 wird Milvas Rückzug aus dem Musikbusiness bekanntgegeben. Als Ursache nennt sie gesundheitliche Gründe, die sich in Gedächtnisschwächen äußerten. Später wird sich herausstellen, dass es sich dabei um eine schlimmere neurodegenerative Erkrankung handelte, die die Sängerin und Schauspielerin bis zu ihrem Lebensende begleiten und vom Auftreten abhalten würde. In letzter Zeit verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand und sie starb am 23. April in Mailand.

Sie hinterlässt eine 52-jährige Karriere im Musik‑, Theater- und Film-Bereich, die sich mehr oder weniger in Zahlen fassen lässt: Neben ihren zahllosen Auftritten auf den größten Bühnen der Welt sind von ihr insgesamt 173 Alben erschienen (wenn man Studio‑, Live- und Best-of-Alben zusammenzählt), was sie zur produktivsten italienischen Künstlerin insgesamt macht, mit Verkaufszahlen von über 80 Millionen Schallplatten. Daneben wirkte sie an zehn Filmen mit. Durch ihr künstlerisch vielschichtiges Schaffen und ihre alles überstrahlende Anziehungskraft hat sie die Abzweigung in die Unsterblichkeit auf italienischer und internationaler Ebene nicht verpasst. 

Quelle: la Repubblica

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Bildquelle: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons
Schlagworte: gestorbenla RossaMaria Ilva BiolcatiMilvaTod

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