Kommentar von Daniela Noitz, Mitglied der Partei der Arbeit Österreich (PdA).
Lange Zeit hätte ich auf die Frage, ob ich einer politischen Partei beitreten möchte, mit einem klaren Nein geantwortet.
Nicht, weil mir Politik gleichgültig gewesen wäre. Im Gegenteil. Ich engagierte mich, schrieb, organisierte Kundgebungen und suchte das Gespräch mit Menschen. Aber Parteien? Die schienen mir weit weg vom Alltag. Zu viel Taktik, zu viele Schlagworte, zu wenig Zuhören.
Ich glaube, mit dieser Haltung bin ich nicht allein. Viele Menschen haben das Vertrauen in Parteien verloren. Manche sind enttäuscht. Andere fühlen sich nicht ernst genommen. Wieder andere haben den Eindruck, dass ihre Fragen längst beantwortet werden, bevor sie überhaupt gestellt wurden.
Verändert hat meine Sicht nicht ein Parteiprogramm.
Verändert haben sie Menschen.
Ich erinnere mich an einen Abend im Roten Beisl. Es war ein offenes Treffen. Jede und jeder konnte vorbeikommen. Ein Besucher sagte gleich zu Beginn: „Kuba ist eine Diktatur. Den Menschen geht es dort schlecht.“ Wir hätten versuchen können, ihn mit möglichst vielen Argumenten zu widerlegen. Wir hätten versuchen können, das Gespräch zu gewinnen. Stattdessen geschah etwas anderes.
Wir hörten zu.
Dann erzählten wir von Gesprächen mit kubanischen Genossinnen und Genossen, von Berichten aus der Granma und von Zusammenhängen, die in europäischen Medien oft kaum vorkommen. Nicht, um die Wirklichkeit schönzureden. Sondern um sie vollständiger zu betrachten. Nach und nach entstand ein anderes Gespräch. Nicht, weil einer verlor und der andere gewann. Sondern weil plötzlich ein weiterer Blickwinkel im Raum war.
Ich erinnere mich bis heute an diesen Moment. Nicht deshalb, weil jemand seine Meinung änderte. Sondern weil ich verstand, was politische Bildung für mich bedeutet.
Nicht Menschen zu überwältigen.
Nicht den besseren Satz zu finden.
Nicht einen Diskussionssieg zu erringen.
Sondern einen Ausblick zu eröffnen.
Einen Aussichtspunkt, von dem aus die Landschaft größer erscheint. Wer dort steht, sieht vielleicht nicht sofort alles anders. Aber er erkennt, dass es mehr zu sehen gibt, als er bisher wahrgenommen hat.
Ich hätte früher nicht gedacht, dass ich einmal so intensive politische Gespräche führen würde. Noch weniger hätte ich gedacht, dass gerade meine Fragen ernst genommen werden. Dass ich widersprechen darf. Dass ich Unsicherheiten aussprechen kann. Dass ich Rückmeldungen bekomme, die mich weiterdenken lassen.
Vielleicht hat sich gerade deshalb mein Bild von politischer Organisation verändert. Nicht weil dort Menschen sitzen, die auf alles eine Antwort haben. Sondern weil ich Menschen begegnet bin, die bereit sind, gemeinsam nach Antworten zu suchen.
Mir fällt auf, dass wir heute manchmal auch Politik wie ein Konsumgut behandeln. Wir probieren aus, wechseln weiter, bleiben eine Zeit lang und ziehen dann zum nächsten Angebot. Vielleicht ist das gar nicht verwunderlich. Wir leben in einer Gesellschaft, die uns täglich vermittelt, dass es für jedes Bedürfnis das passende Angebot gibt. Doch politische Veränderung entsteht selten durch Konsum. Sie entsteht durch Beziehungen, Vertrauen und gemeinsames Arbeiten – oft über viele Jahre.
Die Partei der Arbeit ist die erste Partei, der ich beigetreten bin. Und ich bin heute überzeugt, dass sie auch meine letzte sein wird. Nicht, weil ich glaube, einen Ort gefunden zu haben, an dem immer alle derselben Meinung sind. Das wäre weder realistisch noch wünschenswert. Sondern weil ich dort etwas gefunden habe, das ich lange gesucht habe: eine politische Heimat.
Für mich bedeutet Heimat nicht, dass Kritik verstummt. Im Gegenteil. Ich habe erlebt, dass Fragen ernst genommen werden. Dass man offen ansprechen kann, was einen beschäftigt oder womit man nicht einverstanden ist. Dass Kritik nicht als Angriff verstanden werden muss, sondern als gemeinsames Ringen um den besseren Weg.
Vor meinem Eintritt gab es ein Aufnahmegespräch. Zunächst hat mich das überrascht. Heute sehe ich darin etwas Wertvolles. Es ging nicht darum, Menschen fernzuhalten oder zu prüfen, ob sie die „richtigen“ Antworten geben. Es ging darum, einander kennenzulernen. Eine politische Organisation lebt von Vertrauen und Verbindlichkeit. Beides entsteht nicht von selbst.
Es gibt ein Lied, dessen Refrain viele Menschen kennen:
El pueblo unido jamás será vencido.
Das geeinte Volk wird niemals besiegt werden.
Lange habe ich diesen Satz vor allem politisch verstanden. Heute höre ich darin noch etwas anderes. Menschen werden nicht dadurch stark, dass sie alle gleich denken. Sie werden stark, wenn sie bereit sind, gemeinsam zu fragen, gemeinsam zu lernen und gemeinsam zu handeln. Ich habe aufgehört, nach einer perfekten Organisation zu suchen. Perfektion wird es nirgends geben. Aber ich habe Menschen gefunden, mit denen ich Fragen stellen, diskutieren, auch widersprechen und gemeinsam handeln kann. Vielleicht ist genau das eine politische Heimat. Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort. Nicht mit der fertigen Antwort. Sondern mit der Bereitschaft, gemeinsam einen anderen Aussichtspunkt einzunehmen. Denn manchmal verändert sich die Welt nicht deshalb, weil wir lauter sprechen. Sondern weil wir lernen, gemeinsam weiter zu sehen.




















































































