Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.
„Unsere Mitarbeiter sind unser wertvollstes Kapital.“
Das ist nett gemeint. Wirklich.Der Satz soll ausdrücken, dass ein Unternehmen seine Beschäftigten schätzt. Dass nicht Maschinen, Gebäude oder Kontostände seinen eigentlichen Wert ausmachen, sondern die Menschen mit ihrem Wissen, ihren Fähigkeiten und ihrer Erfahrung. Und doch lohnt es sich, einen Moment bei diesem Satz zu bleiben. Kapital ist schließlich nicht einfach etwas Wertvolles. Ein Gemälde kann wertvoll sein. Eine Freundschaft kann wertvoll sein. Kapital bezeichnet etwas Spezifischeres: etwas, das eingesetzt wird, um einen Ertrag zu erzielen.
Was also geschieht, wenn der Mensch zum Kapital wird?
Eine ziemlich alte Idee
Der Gedanke ist älter, als der moderne Begriff vermuten lässt. Schon Adam Smith zählte 1776 in The Wealth of Nations die erworbenen und nützlichen Fähigkeiten der Menschen zum fixen Kapital einer Gesellschaft. Wer eine Ausbildung absolviert, ein Handwerk erlernt oder besondere Fähigkeiten erwirbt, wendet dafür Zeit und Ressourcen auf. Diese Fähigkeiten bleiben anschließend gewissermaßen im Menschen „realisiert“ und ermöglichen produktivere Arbeit. Die Kosten der Ausbildung können später einen Ertrag bringen. Das klingt erstaunlich modern.
Zur eigentlichen Humankapitaltheorie wurde der Gedanke allerdings erst im 20. Jahrhundert, insbesondere durch Ökonomen wie Theodore Schultz und Gary Becker. Schultz beschrieb Anfang der 1960er-Jahre nicht nur Schul- und Berufsausbildung als Investitionen in den Menschen, sondern beispielsweise auch Gesundheit, Weiterbildung und sogar Migration dorthin, wo bessere berufliche Möglichkeiten bestehen. Und Schultz wusste durchaus, dass die Vorstellung irritierend sein kann. Menschen als Kapital zu betrachten, schrieb er sinngemäß, könne an Zeiten erinnern, in denen Menschen Eigentum anderer Menschen waren. Freie Menschen seien schließlich keine Waren. Trotzdem hielt er an der Vorstellung fest. Denn sein Argument war keineswegs: Wie können wir möglichst viel aus einem Menschen herausholen? Im Gegenteil. Investitionen in Bildung, Gesundheit und Fähigkeiten konnten nach seiner Auffassung die Möglichkeiten eines Menschen vergrößern. Bildung kostet etwas, aber sie kann einem Menschen später höhere Einkommen, bessere Arbeit und vor allem mehr Wahlmöglichkeiten eröffnen. Das ist zunächst einmal keine besonders menschenfeindliche Idee. Vielleicht sogar eine emanzipatorische. Denn wenn die Fähigkeiten eines Menschen nicht einfach naturgegeben sind, sondern durch Bildung erweitert werden können, dann ist mangelnde Bildung kein persönliches Schicksal. Eine Gesellschaft kann Schulen bauen, Universitäten zugänglich machen, Gesundheit verbessern und Erwachsenen Weiterbildung ermöglichen. Menschen können Fähigkeiten erwerben, die ihnen vorher verschlossen waren.
Wo also liegt das Problem?
Vielleicht in einer winzigen Verschiebung. Es ist ein Unterschied, ob wir sagen: Bildung erweitert die Möglichkeiten eines Menschen und hat auch einen ökonomischen Wert. Oder: Der Wert von Bildung zeigt sich in ihrem ökonomischen Ertrag. Aus Bildung wird eine Investition. Aus Fähigkeiten wird Kapital. Und eine Investition soll sich irgendwann rechnen.
Verschwendete Bildung
Als meine Kinder klein waren, begegnete mir dieser Gedanke in einer ganz alltäglichen Form. Ich hatte studiert und blieb nach der Geburt meiner Kinder zunächst zu Hause. Mehr als einmal hörte ich, ich müsse möglichst schnell wieder arbeiten gehen. Sonst käme ich beruflich nicht mehr mit. Man verblöde zu Hause. Und überhaupt: Wozu hatte ich schließlich studiert? Meine Ausbildung wäre doch verschwendet. Es gibt gute Gründe, sich über die Folgen einer längeren Erwerbsunterbrechung Gedanken zu machen. Einkommen, finanzielle Unabhängigkeit, Pensionsansprüche und die Möglichkeit eines späteren beruflichen Wiedereinstiegs sind reale Fragen. Aber an einem Wort blieb ich hängen: verschwendet.
War meine Bildung tatsächlich ungenutzt, solange kein Arbeitgeber dafür bezahlte?
Damals waren häufig mehrere Kinder bei uns. Wir bastelten, sangen, lasen und redeten. Und Kinder haben eine wunderbare Angewohnheit: Sie fragen. Warum ist das so? Und warum? Aber warum? Irgendwann kommt selbst bei einem Erwachsenen mit guter Ausbildung zuverlässig der Punkt, an dem die einzig vernünftige Antwort lautet: Das weiß ich nicht. Lass es uns herausfinden. War das verschwendete Bildung? Oder geschah dort gerade etwas, das sich nur schlecht in einer Renditerechnung erfassen lässt?
Wem gehört Wissen?
Der brasilianische Pädagoge Paulo Freire kritisierte eine Vorstellung von Bildung, die er das „Bankiers-Konzept“ nannte. Der Lehrer besitzt Wissen. Der Schüler besitzt es noch nicht. Also zahlt der Lehrer gewissermaßen Wissen auf das Konto des Schülers ein.Freire stellte diesem Bild eine dialogische Vorstellung von Bildung gegenüber. Menschen sind darin nicht bloß Behälter, die mit Wissen gefüllt werden. Sie fragen, antworten, widersprechen, untersuchen gemeinsam ihre Wirklichkeit – und gewinnen dabei Erkenntnisse. Natürlich wissen Menschen unterschiedlich viel. Natürlich kann ein Lehrer einem Kind etwas erklären, was es noch nicht weiß. Und selbstverständlich besitzen Menschen Kenntnisse und Fähigkeiten, die sie über Jahre erworben haben. Aber Wissen ist eben nicht nur Besitz. Es ist auch Beziehung. Ein Gespräch kann einen Gedanken verändern. Eine Frage kann jemanden auf etwas bringen, woran er vorher nicht gedacht hat. Wer etwas erklären muss, merkt manchmal erst beim Erklären, dass die eigene Vorstellung eine Lücke hat. Wissen wird weitergegeben – aber im Austausch kann auch Wissen entstehen, das vorher keiner der Beteiligten in genau dieser Form besessen hat. Wie gut passt dazu eigentlich das Bild vom individuellen Kapitalstock?
Was sich rechnen lässt
Die Humankapitaltheorie kann etwas Wichtiges sichtbar machen. Bildung hat wirtschaftliche Folgen. Gesundheit hat wirtschaftliche Folgen. Fähigkeiten, Erfahrung und Weiterbildung beeinflussen Einkommen und Produktivität. Wer das ignoriert, versteht einen erheblichen Teil unserer Wirtschaft nicht. Aber jede Perspektive macht nicht nur etwas sichtbar. Sie lässt auch etwas außerhalb des Bildes. Eine Frau kümmert sich um ihren pflegebedürftigen Vater. Ein Mann bringt Kindern in einem Verein das Schachspielen bei. Eine Nachbarin hilft einem Jugendlichen bei den Hausaufgaben. Jemand liest Philosophie, obwohl sie ihm beruflich überhaupt nichts bringt. Eine Mutter sitzt mit mehreren Kindern am Tisch, bastelt mit ihnen und versucht gemeinsam mit ihnen herauszufinden, warum der Himmel blau ist. Wie viel Humankapital entsteht dabei? Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt.
Denn warum sollte der Wert dieser Tätigkeiten davon abhängen, ob wir nachweisen können, dass sie irgendwann die Produktivität erhöhen?
Aus marxistischer Perspektive bekommt der Satz vom „wertvollsten Kapital“ noch eine andere Bedeutung. Beschäftigte verkaufen dem Unternehmen nicht ihre Arbeit und schon gar nicht sich selbst, sondern ihre Arbeitskraft. Das Besondere an dieser Ware ist für Marx, dass sie im Arbeitsprozess mehr Wert schaffen kann, als sie selbst kostet. Die Differenz zwischen dem Wert der Arbeitskraft und dem von ihr geschaffenen Wert ist der Mehrwert, den sich der Eigentümer des Kapitals aneignet. Ausbeutung bedeutet hier also nicht notwendig schlechte Behandlung oder unfairen Lohn, sondern bezeichnet ein Verhältnis, das bereits im normalen Funktionieren kapitalistischer Produktion angelegt ist.
Das Unwort, das keines sein muss
2004 wurde „Humankapital“ in Deutschland zum Unwort des Jahres gewählt. Die Jury kritisierte, dass der ursprünglich ökonomische Fachbegriff zunehmend auch außerhalb seines Fachgebiets verwendet werde und Menschen dadurch vor allem nach ökonomischen Kriterien bewertet würden. Ökonomen widersprachen. Zu Recht, zumindest teilweise. Denn der Begriff war ursprünglich keineswegs dazu gedacht, Menschen abzuwerten. Im Gegenteil: Er sollte sichtbar machen, dass Wissen, Fähigkeiten und Gesundheit einen Wert besitzen und dass es sich für Einzelne wie für Gesellschaften lohnt, darin zu investieren. Vielleicht liegt das Problem deshalb gar nicht im Begriff selbst. Vielleicht beginnt es dort, wo wir vergessen, dass er eine Metapher ist. Ein Mensch hat Fähigkeiten. Ein Mensch hat Wissen. Ein Mensch kann durch Bildung Möglichkeiten gewinnen. All das kann man ökonomisch betrachten. Aber ein Mensch ist mehr als die Summe dessen, was sich aus seinen Fähigkeiten erwirtschaften lässt. Vielleicht müssen wir das Wort „Humankapital“ deshalb überhaupt nicht aus unserem Wortschatz streichen. Vielleicht reicht es, beim nächsten Mal, wenn wir es hören, einen Augenblick darüber zu stolpern. Denn vielleicht liegt das Problem nicht darin, Menschen auch ökonomisch zu betrachten. Vielleicht beginnt es dort, wo wir vergessen, dass wir sie gerade nur ökonomisch betrachten.
Und vielleicht führt uns genau das zum nächsten Begriff.
Denn wer sein eigenes „Humankapital“ besitzt, soll es pflegen, vermehren, richtig einsetzen und möglichst klug in sich investieren. Weiterbildung, Gesundheit, beruflicher Erfolg – vieles davon erscheint damit zunehmend als Aufgabe des Einzelnen. Und wenn die Investition nicht aufgeht? Dann begegnet uns ein Wort, das zunächst kaum jemand ablehnen würde. Wer möchte schließlich gegen Verantwortung sein?
Eigenverantwortung.
Aber wo endet die Verantwortung des Einzelnen – und wo beginnt jene der Gesellschaft? Darum geht es in Teil 6 von „Wörter, die uns die Welt erzählen“: Eigenverantwortung – Freiheit oder Verlagerung von Verantwortung?


















































































