In Athen wird die gesetzlich garantierte Sonntagsruhe weiter ausgehöhlt. Mit einer kurzfristig eingebrachten Änderung eines sachfremden Gesetzes hat die Regierung der konservativen Nea Dimokratia (ND) am 26. August eine Sonderregelung für das Großprojekt der sogenannten „Doppelten Neugestaltung“ im Athener Stadtteil Votanikos beschlossen. Mit den Stimmen der ND und der sozialdemokratischen PASOK wurde damit ermöglicht, dass auf dem Gelände des im Bau befindlichen neuen Stadions von Panathinaikos und des geplanten Gewerbeparks bis zum 31. August 2027 auch sonntags und an Feiertagen gearbeitet werden kann.
Die Regelung wird offiziell mit der „Beschleunigung“ des Projekts begründet. Tatsächlich eröffnet sie den beteiligten Bauunternehmen jedoch die Möglichkeit, die Arbeitszeit der Beschäftigten über die reguläre Fünf-Tage-Woche hinaus auszudehnen. Betroffen sind nicht nur Bauarbeiterinnen und ‑arbeiter, sondern auch Beschäftigte anderer Sparten auf der Großbaustelle.
Die Grundlage dafür bildet eine Bestimmung des griechischen Arbeitsrechts, die zahlreiche Ausnahmen von der verpflichtenden Sonntags- und Feiertagsruhe vorsieht. Durch die neue Sonderregelung wird diese Ausnahme auf das Bauprojekt in Votanikos ausgeweitet. Damit wird ein weiterer Schritt zur Normalisierung der Sonntagsarbeit gesetzt: Wo bislang die Sonntagsruhe als Grundsatz galt, kann sie nun den Zeitplänen von Baukonzernen und Großprojekten untergeordnet werden.
Gewerkschaften stoppen Sonntagsarbeit
Dass es sich dabei nicht nur um eine Gesetzesänderung auf dem Papier handelt, zeigte sich unmittelbar auf der Baustelle. Die Gewerkschaften der Bauarbeiterinnen und ‑arbeiter Athens, der Elektriker Attikas und der technischen Angestellten Attikas intervenierten an einem Sonntag gemeinsam auf dem Gelände und setzten die Arbeiten aus. Es war bereits der zweite Versuch der Arbeitgeberseite, Beschäftigte auf dieser Baustelle an einem Sonntag einzusetzen.
Der Vorsitzende der Athener Bauarbeitergewerkschaft, Panagiotis Gkias, kritisierte die Regierung scharf. Die neue Regelung öffne der Sonntagsarbeit Tür und Tor und ermögliche es den Bauunternehmen, die Beschäftigten auch an ihrem arbeitsfreien Tag einzusetzen. Die Gewerkschaften, so Gkias, würden sich diesem Vorgehen nicht beugen.
Sie stellen der Ausweitung der Arbeitszeit eine grundlegend andere Forderung entgegen: den 7‑Stunden-Tag, die 5‑Tage-Woche und die 35-Stunden-Woche, dazu vollständige Sozialversicherung, höhere Löhne und den Abschluss von Kollektivverträgen.
Damit richtet sich der Konflikt um die Sonntagsruhe unmittelbar auf die grundsätzliche Frage, wem die Arbeitszeit gehört. Die Regierung und die Baukonzerne betrachten zusätzliche Arbeitstage als Instrument, um Bauvorhaben innerhalb vorgegebener Fristen fertigzustellen. Die Gewerkschaften stellen dem die Interessen der Beschäftigten gegenüber: Arbeitszeitverkürzung statt Arbeitszeitverlängerung.
Sonntagsarbeit und tödliche Arbeitsunfälle
Besonders brisant ist die Öffnung der Sonntage angesichts der Zustände auf den griechischen Baustellen. Erst wenige Tage zuvor war auf einer Baustelle in Elliniko, einem weiteren großen Entwicklungsgebiet Athens, ein 73-jähriger Bauarbeiter tödlich verunglückt. Der Arbeiter stürzte in den Aufzugsschacht eines im Bau befindlichen Gebäudes und kam ums Leben. Bei einer anschließenden Kontrolle stellte die zuständige Arbeitsaufsicht fehlende vorgeschriebene Sicherheitsmaßnahmen fest und ordnete die Einstellung der Arbeiten an.
Im kretischen Rethymno wurde gleichzeitig ein 50-jähriger Bauarbeiter bei einem Sturz aus großer Höhe schwer verletzt.
Die Bauarbeitergewerkschaften verweisen deshalb auf einen Zusammenhang, der in der politischen Debatte über Arbeitszeit häufig ausgeblendet wird: Längere Arbeitszeiten, steigende Arbeitsintensität und unzureichender Arbeitsschutz stehen nicht unabhängig voneinander. Wenn Bauunternehmen unter Zeitdruck stehen und gleichzeitig versuchen, die Arbeitsleistung auszuweiten, steigt der Druck auf die Beschäftigten. Die Folgen für die Arbeiterinnen und Arbeiter sind gravierend.
Besonders deutlich wurde dies bereits im Juni auf der Baustelle des Panathinaikos-Stadions selbst. Ein 27-jähriger Bauarbeiter stürzte dort aus rund 20 Metern Höhe und erlag wenige Tage später seinen Verletzungen. Nach Interventionen der Athener Bauarbeitergewerkschaft führte die Arbeitsaufsicht Kontrollen durch und stellte nach Angaben der Gewerkschaft zahlreiche Verstöße und Sicherheitsmängel auf der Baustelle fest.
Dass ausgerechnet auf einer solchen Baustelle nun die Möglichkeit zur Sonntagsarbeit ausgeweitet wird, macht die politische Dimension der Entscheidung deutlich.
„Beschleunigung“ für wen?
Bei dem Projekt in Votanikos handelt es sich um eines der großen städtebaulichen Vorhaben Athens. Neben dem neuen Stadion von Panathinaikos umfasst die sogenannte „Doppelte Neugestaltung“ auch die Entwicklung eines Gewerbeparks. Auftraggeber des Projekts ist die Stadt Athen; mit der Ausführung wurde ein Konsortium großer Baukonzerne betraut.
Die kommunistische Fraktion in Athen kritisiert deshalb nicht nur die Regierung, sondern auch die politische Führung der Stadt. Der sozialdemokratische Bürgermeister Haris Doukas habe zu der Sonderregelung geschwiegen, obwohl die Stadt als Auftraggeber eine unmittelbare Verantwortung für das Projekt trage.
Die Frage ist tatsächlich grundsätzlicher: Wenn ein Bauprojekt nur unter der Voraussetzung innerhalb seines Zeitplans realisiert werden kann, dass Beschäftigte auch sonntags arbeiten, stellt sich die Frage, wer die Kosten für die angebliche „Beschleunigung“ trägt. Die Antwort liegt nahe: Nicht die Baukonzerne, die ihre Projekte fristgerecht fertigstellen wollen, sondern die Arbeiterinnen und Arbeiter, die dafür zusätzliche Arbeitstage leisten müssen.
Die Sonntagsruhe ist dabei keineswegs bloß eine traditionelle arbeitsrechtliche Regelung. Sie ist historisch das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe der Arbeiterbewegung um eine Begrenzung der Arbeitszeit. Ihre schrittweise Aufweichung bedeutet deshalb mehr als eine einzelne Ausnahme für eine Athener Baustelle. Sie folgt dem Prinzip, dass die Arbeitszeit immer stärker an den Erfordernissen des Kapitals ausgerichtet werden soll.
Gegen die Logik der grenzenlosen Arbeitszeit
Auch hierzulande steht die Sonntags- und Feiertagsruhe immer wieder unter dem Druck der Unternehmen. Besonders aus dem Handel kommen seit Jahren Forderungen nach einer weiteren Ausweitung der Öffnungszeiten und nach zusätzlichen Möglichkeiten, Beschäftigte auch an Sonn- und Feiertagen einzusetzen. Das österreichische Arbeitsruhegesetz garantiert zwar grundsätzlich weiterhin eine 36-stündige Wochenendruhe, in die der Sonntag fallen muss, sieht aber bereits zahlreiche Ausnahmen vor. Auch für Verkaufsstellen bestehen Sonderregelungen, und die Länder können weitere Ausnahmen zulassen.
In der Realität findet das auch bereits häufiger statt als es erlaubt wäre. Beschäftigte berichten immer wieder davon, wie sie an Sonntagen zum Verräumen von Lieferung und ähnliche Arbeiten ins Geschäft geholt werden. Diese Arbeiten werden allerdings nicht offiziell dokumentiert, sondern über Prämien und ähnliches durch die Hintertür bezahlt. Gleichzeitg haben die Beschäftigten dabei kaum Möglichkeiten zu überprüfen ob sie korrekt bezahlt werden.
Gerade im Handel zeigt sich dabei die Logik, die auch dem Vorgehen der griechischen Regierung zugrunde liegt: Was zunächst als Ausnahme begründet wird, kann Schritt für Schritt zum neuen Normalzustand werden. Für die Unternehmen bedeutet eine Ausweitung der Öffnungszeiten die Möglichkeit, ihre Umsätze über längere Zeiträume zu erzielen. Für die Beschäftigten bedeutet sie dagegen, dass ihre freie Zeit zunehmend an die Erfordernisse des Geschäfts angepasst werden soll.
Dabei ist es bezeichnend, dass die Diskussion fast immer mit den Interessen der Konsumenten oder der Wettbewerbsfähigkeit des Handels begründet wird, während die Perspektive der Beschäftigten in den Hintergrund tritt. Die österreichische Arbeitsinspektion führt 2026 sogar einen eigenen Schwerpunkt zur Einhaltung der Arbeitszeit- und Arbeitsruhebestimmungen im Handel durch und weist darauf hin, dass gerade in dieser Branche bei der Einhaltung der Vorschriften wiederholt Probleme festgestellt werden.
Die Auseinandersetzung in Athen sollte deshalb auch hierzulande als Warnsignal verstanden werden. Die Frage ist nicht, ob die Menschen noch am Sonntag einkaufen können, sondern ob die Beschäftigten dafür ihren arbeitsfreien Sonntag verlieren sollen. Technischer Fortschritt, höhere Produktivität und moderne Logistik müssten dazu dienen, die notwendige Arbeitszeit zu verringern – nicht dazu, die Geschäfte an immer mehr Tagen offenzuhalten und die Arbeitszeit stärker über das gesamte Wochenende zu verteilen.
Die Bauarbeitergewerkschaften in Athen setzen dieser Entwicklung die Forderung nach dem 7‑Stunden-Tag, der 5‑Tage-Woche und der 35-Stunden-Woche entgegen. Das ist auch für Österreich die entscheidende Perspektive: Nicht die Ausweitung der Arbeitszeit und der Sonntagsöffnung, sondern ihre Verkürzung muss das Ziel einer fortschrittlichen Arbeitszeitpolitik sein. Die Verteidigung der Sonntags- und Feiertagsruhe ist dabei ein wesentlicher Bestandteil des Kampfes um mehr Freizeit, bessere Arbeitsbedingungen und ein Leben, das nicht vollständig den Interessen des Kapitals untergeordnet ist.
Es zeigt sich auch, dass solche Angriffe auf die Rechte der Beschäftigten nur durch kollektive gewerkschaftliche Gegenwehr abgewehrt werden können. Die sozialdemokratische Gewerkschaftsführung ist dabei kein Verbündeter, sie profitiert von der Kollaboration mit den Bossen. Die Partei der Arbeit Österreichs hat deshalb im Juni eine Konferenz zur Reorganisation der Gewerkschaftsbewegung in Österreich abgehalten und sich in einem Schwerpunkt mit kämpferischen Traditionen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung auseinandergesetzt.
Quelle: 902.gr/902.gr/902.gr





















































































