Laut den aktuell veröffentlichten Daten von Eurostat starben 2023 in der EU 48.370 Menschen durch Suizid. Diese Zahl entspricht rund 1 Prozent aller Todesfälle.
Brüssel. Als Rate ausgedrückt bedeuten 48.370 Todesfälle durch Suizid 10,4 Suizide pro 100.000 Menschen. Diese Zahl spiegelt damit einen leichten Rückgang im Vergleich zu 2022 (10,6 Suizide pro 100.000 Menschen) und 2013 (12,2 Suizide pro 100.000 Menschen) wider.
Diese Entwicklung ist zwar positiv, jedoch kein großer Unterschied zum Vorjahr. Noch dazu sehr fragil. Wie wir wissen, haben die Weltfinanzkrise von 2007–2008 und die anschließende Eurokrise zumindest die erste Hälfte der 2010er-Jahre drastisch geprägt.
Natürlich kann ein Suizid verschiedene individuelle Motive als Auslöser haben. Wie jedoch die klassischen, weithin anerkannten soziologischen Erkenntnisse von Émile Durkheim zeigen, sollte Suizid immer auch als soziale Tatsache betrachtet werden. Der Grund dafür ist, dass Suizide mit dem Ausmaß gesellschaftlicher Teilhabe und der Möglichkeit, die eigenen Wünsche in einer bestimmten Gesellschaft zu erfüllen, verbunden sind.
Viele Faktoren können bei dieser zeitlichen Entwicklung eine Rolle spielen. Es sollte aber auch erwähnt werden, dass die Diktatur des Kapitals im Rahmen von Finanzkrisen besonders deutlich wird; es gibt kaum Raum für gesellschaftliche Teilhabe oder für die Erfüllung eigener Wünsche. Kein Wunder also, dass die Zahl der Todesfälle durch Suizid 2023 niedriger war als 2013.
Unterschiede zwischen den Suizidraten gibt es nicht nur zwischen den Jahren. Auch Geschlecht und Alter beeinflussen die Wahrscheinlichkeit eines Suizids. Etwas mehr als drei Viertel aller Suizide werden von Männern begangen. Die Suizidrate steigt in der EU auch mit dem Alter. Innerhalb des Bevölkerungssegments der 65-Jährigen und Älteren beträgt die durchschnittliche Suizidrate für beide Geschlechter 17,3. Die steigende Zahl der Todesfälle durch Suizid mit zunehmendem Alter ist ein deutlicher Hinweis auf die Einsamkeit, die Menschen erleben können, wenn sie die Kriterien der kapitalistischen Verwertbarkeit nicht erfüllen.
Suizidraten variieren auch zwischen den verschiedenen EU-Ländern. Die höchsten lassen sich in Litauen (18,8), Slowenien (16,4) und Ungarn (16,1) betrachten. Zypern (3,5), Griechenland (4,3) und Malta (5,5) weisen die niedrigsten Suizidraten EU-weit aus. Österreich befindet sich mit 1.319 Todesfälle durch Suizid in 2023 über dem EU-Mittelwert. Es ist gut vorstellbar, dass methodologische Gründe diese Werte beeinflussen können; die Auswertungen basieren auf Sterbeurkunden, die wiederum von gesellschaftlichen Dynamiken und Logiken geprägt werden. Auch weitere Gründe, wie Gewohnheiten der jeweiligen Bevölkerung können eine hemmende Rolle gegen Suizid spielen.
Der entscheidende Punkt liegt aber nicht in den oben genannten Daten an sich. Er wird vielmehr deutlich, wenn man diese Daten den herrschenden medialen Diskursen gegenüberstellt.
Litauen und Slowenien werden von bürgerlichen Institutionen immer wieder als vorbildliche Beispiele der sogenannten demokratischen Transition präsentiert. Dass die Suizidraten in diesen Ländern deutlich höher als in anderen EU-Ländern sind, bleibt in derartigen Diskussionen ausgeblendet. Dadurch ist das Potenzial für die Umsetzung von möglichen Maßnahmen deutlich geringer.
Gleichzeitig werden sowohl Griechenland als auch Zypern in aktuellen öffentlichen Diskussionen thematisiert, wenn es um Energierouten, die Pläne der NATO und/oder die „vorbildliche“ Erhöhung des Militärbudgets geht. Dass die Zahl der Todesfälle durch Suizid in diesen Ländern vergleichsweise niedrig ist und man vielleicht etwas daraus lernen kann, ist für die großen Konzerne nicht wirklich relevant und wird medial nur begrenzt bzw. unseriös, wenn überhaupt, diskutiert.
Und genau das ist der Punkt: Die EU und ihre Institutionen sind nicht dazu da, das Leben der Völker durch Austausch und gegenseitiges Lernen zu verbessern. Sie existieren, um die bürgerliche Version von „Demokratisierung“ durchzusetzen und den Interessen der Monopole zu dienen.
Eine EU, die nur spärlich Daten über Suizidraten erhebt, während sie gleichzeitig großzügig Kriege und Militarisierung im Interesse der Eliten vorantreibt, braucht kein Volk. Wenn es um Suizidraten und die Frage geht, wie man sie langfristig senken kann, sind die Monopole und die EU als ihre politische Vertretung keine Hilfe. EU-Austritt und Volksmacht sind der Weg für die Völker, der eine echte Chance zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme anbieten kann. Freundschaft, Solidarität und Zusammenhalt sind zumindest auch in der Gegenwart eine potenzielle Prävention gegen Suizidgedanken.
Quellen: Eurostat




















































































