Holger Bonin, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), stellt die bisherige Lohnpolitik infrage und fordert eine stärkere Differenzierung der Kollektivvertragsabschlüsse nach Branchen. Gerade im Handel, wo rund 420.000 Beschäftigte und 19.000 Lehrlinge von den laufenden Lohnverhandlungen betroffen sind, droht damit eine weitere Verschärfung des Drucks auf die Einkommen. Nach mehreren Reallohnverlusten sollen die Handelsangestellten nicht nur weitere Einbußen hinnehmen, sondern sich nach Ansicht Bonins auch beruflich neu orientieren.
Die Äußerungen von Holger Bonin in der ORF-„Pressestunde“ kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Kollektivvertragsverhandlungen im Handel begonnen haben. Die Gewerkschaft GPA fordert eine Gehaltserhöhung von 3,8 Prozent, während die Kapitalseite die Forderung als nicht finanzierbar zurückweist und in der ersten Verhandlungsrunde kein eigenes Angebot vorgelegt hat. Nun liefert der IHS-Chef zusätzliche Argumente für eine Lohnpolitik, die sich stärker an der wirtschaftlichen Entwicklung einzelner Branchen orientieren soll.
Bonin bezeichnete die Forderung der Gewerkschaft als „am oberen Rand dessen, was eben möglicherweise erfüllbar ist für Teile des Handels“. Zugleich stellte er die bisherige Anwendung der sogenannten Benya-Formel infrage, die seit den 1970er-Jahren als Orientierung für die jährlichen Lohnverhandlungen dient. Neben der Inflation berücksichtigt sie einen Teil des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachses.
Künftig solle stärker berücksichtigt werden, wie sich die Produktivität in den einzelnen Branchen entwickelt. Während exportorientierte Industriebereiche von einer Erholung des Welthandels profitieren könnten, sei die Lage im Handel durch die Konkurrenz des Onlinehandels und verändertes Konsumverhalten schwieriger. Die Löhne im Handel würden sich deshalb möglicherweise über einen längeren Zeitraum nicht mehr nach oben entwickeln.
Damit wird eine wirtschaftliche Diagnose unmittelbar zur lohnpolitischen Forderung. Doch die entscheidende Frage lautet nicht allein, welche Branchen wachsen und welche unter Druck geraten. Es geht auch darum, wer die Folgen wirtschaftlicher Veränderungen tragen soll.
Wenn wirtschaftliche Schwierigkeiten auf die Beschäftigten abgewälzt werden
Die wirtschaftlichen Probleme des Handels sind nicht zu leugnen. Der Onlinehandel verändert die Konkurrenzbedingungen, während sich Einkaufsgewohnheiten verschieben und einzelne Geschäftsstandorte unter Druck geraten. Daraus folgt allerdings nicht, dass die Beschäftigten die Konsequenzen in Form stagnierender Löhne oder sinkender Lebensstandards hinnehmen müssen.
Die Ausgangslage ist bereits heute angespannt. Die vergangenen drei Kollektivvertragsabschlüsse im Handel lagen unter der jeweiligen rollierenden Inflation. Im Vorjahr betrug die Gehaltserhöhung 2,55 Prozent, während die zugrunde liegende Teuerungsrate bei drei Prozent lag. Auch heuer reicht die Forderung nach 3,8 Prozent angesichts einer rollierenden Inflation von 3,3 Prozent kaum aus, um die Kaufkraftverluste der vergangenen Jahre auszugleichen.
Die Einkommen im Handel sind zudem vergleichsweise niedrig. Das kollektivvertragliche Einstiegsgehalt im Verkauf liegt laut den vorliegenden Angaben bei 2.251 Euro brutto. Das durchschnittliche Vollzeitgehalt beträgt 2.586 Euro brutto. Wer nur 25 Stunden pro Woche beschäftigt ist, muss mit einem Nettoeinkommen von rund 1.237 Euro auskommen.
Mehr als die Hälfte der Handelsbeschäftigten arbeitet in Teilzeit, rund zwei Drittel sind Frauen. Neben niedrigen Einkommen prägen hohe Arbeitsbelastung, unregelmäßige Arbeitszeiten und kurzfristige Dienstplanänderungen den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter. Gleichzeitig müssen sie einen erheblichen Teil der unbezahlten Haus‑, Betreuungs- und Pflegearbeit leisten. Unter diesen Bedingungen ist die Forderung nach einer angemessenen Lohnentwicklung keine Frage überzogener Ansprüche. Sie betrifft die materielle Existenz und die Möglichkeit, mit dem eigenen Arbeitseinkommen überhaupt Überleben zu können.
Die Beschäftigten im Handel stehen dabei in einem besonderen Verhältnis zu den Unternehmen, für die sie arbeiten. Sie schaffen durch ihre Arbeit die Voraussetzungen für den Verkauf der Waren, die Betreuung der Kunden und den laufenden Betrieb der Filialen. Zugleich sind sie selbst auf den Kauf von Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs angewiesen. Ein erheblicher Teil ihres Einkommens fließt somit wieder in den Konsum zurück – auch an jene Handelskonzerne, die ihnen ihre Löhne zahlen.
Wenn die Einkommen hinter der Preisentwicklung zurückbleiben, verschärft sich diese Abhängigkeit. Die Beschäftigten müssen mit weniger Geld auskommen, während sie auf Waren und Dienstleistungen angewiesen bleiben, die sie sich mit ihrem Lohn leisten können müssen.
Produktivität ist keine neutrale Rechengröße
Bonins Vorschlag, die Produktivitätsentwicklung einzelner Branchen stärker bei den Lohnverhandlungen zu berücksichtigen, klingt zunächst nach einer sachlichen Anpassung an wirtschaftliche Unterschiede. Tatsächlich stellt sich jedoch die Frage, welche Konsequenzen eine solche Orientierung für die Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums hätte.
Die Benya-Formel soll sicherstellen, dass die Löhne nicht nur mit den Preisen Schritt halten, sondern die Beschäftigten auch an der allgemeinen Produktivitätsentwicklung teilhaben. Eine stärkere Differenzierung nach Branchen könnte diese gemeinsame Orientierung schwächen, wenn Beschäftigte in wirtschaftlich unter Druck stehenden Bereichen dauerhaft von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt werden.
Dabei ist Produktivität nicht einfach eine unveränderliche Eigenschaft einer Branche. Sie hängt unter anderem von Investitionen, technischer Ausstattung, Organisation und der Verteilung der anfallenden Arbeit ab. Auch die Entscheidungen der Unternehmen beeinflussen, wie sich die wirtschaftliche Leistung eines Betriebs entwickelt und wie sie gemessen wird.
Im Handel ist zudem zu berücksichtigen, dass eine hohe Arbeitsintensität nicht zwangsläufig zu einer entsprechend hohen statistisch ausgewiesenen Produktivitätsentwicklung führt. Wenn weniger Beschäftigte mehr Aufgaben übernehmen, erhöht sich zwar ihre individuelle Arbeitsbelastung aber ohne dass daraus automatisch ein höherer Produktivitätszuwachs nach den üblichen Kennzahlen entsteht.
Für die Beschäftigten macht es jedoch einen erheblichen Unterschied, ob sie unter ständig steigendem Zeitdruck Regale einräumen, Kassen besetzen, Waren bestellen und Kunden betreuen müssen. Die Belastung ihrer Arbeit verschwindet nicht deshalb, weil sich eine Branche in einer wirtschaftlichen Krise befindet.
Eine Lohnpolitik, die sich ausschließlich an der jeweiligen Branchenentwicklung orientiert, droht daher bestehende Unterschiede zu verfestigen. Beschäftigte in erfolgreichen Bereichen könnten höhere Abschlüsse erreichen, während jene in wirtschaftlich schwächeren Branchen mit dauerhaft geringeren Lohnsteigerungen konfrontiert wären. Gerade dort, wo die Einkommen ohnehin niedrig sind, würde sich die materielle Lage weiter verschlechtern.
Strukturwandel auf Kosten der Lohnabhängigen?
Besonders deutlich wird Bonins Position bei seinen Aussagen über die Zukunft des Handels. Mit Blick auf leer stehende Geschäftslokale und die zunehmende Konkurrenz durch den Onlinehandel erklärte er, die Veränderungen würden sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Beschäftigte müssten diese Signale erkennen und bereit sein, sich „umzuorientieren“.
Damit wird eine Entwicklung, die tief in die Lebensverhältnisse der arbeitenden Menschen eingreift, vor allem als individuelle Anpassungsaufgabe dargestellt. Wer seinen Arbeitsplatz verliert oder keine ausreichenden Beschäftigungsmöglichkeiten mehr findet, soll sich beruflich neu orientieren.
Doch was bedeutet diese Empfehlung für Menschen, die seit Jahren im Handel arbeiten, deren berufliche Erfahrung eng mit ihrer Tätigkeit verbunden ist und die möglicherweise familiäre Verpflichtungen haben? Welche Perspektiven bestehen für ältere Beschäftigte, für Menschen mit Betreuungspflichten oder für jene, die aufgrund ihrer Qualifikation und ihrer bisherigen Erwerbsbiografie nicht ohne Weiteres in andere Berufsfelder wechseln können?
Ein Arbeitsplatzwechsel ist nicht einfach eine Entscheidung, die sich unabhängig von den verfügbaren Stellen, den Arbeitsbedingungen und den persönlichen Lebensumständen treffen lässt. Neue Beschäftigungsmöglichkeiten müssen tatsächlich vorhanden sein. Sie müssen ausreichend bezahlt werden und dürfen nicht bloß eine Verlagerung von Unsicherheit und Belastung in einen anderen Bereich bedeuten.
Der Hinweis auf neue Arbeitsplätze in der Freizeitindustrie beantwortet diese Fragen nicht. Entscheidend ist nicht allein, ob irgendwo neue Beschäftigung entsteht, sondern unter welchen Bedingungen die Menschen dort arbeiten können.
Auch die Konkurrenz durch den Onlinehandel wirft grundsätzliche Fragen auf. Technologische und organisatorische Veränderungen können bestimmte Tätigkeiten verdrängen und andere hervorbringen. Doch daraus ergibt sich nicht automatisch, dass die Betroffenen allein für die Folgen aufkommen müssen. Es braucht Möglichkeiten zur Qualifizierung, soziale Absicherung und eine Beschäftigungspolitik, die den Übergang in andere Tätigkeiten unterstützt.
Bonin kritisiert selbst, dass eine verschärfte Sozialhilfepolitik und zusätzliche Anforderungen an Arbeitslose wenig bringen, wenn die notwendigen und geeigneten Qualifizierungsangebote fehlen. Seine Warnung, es helfe nichts, wenn am Ende „alle Foodora-Fahrer“ würden, verweist auf ein reales Problem: Eine bloße Vermittlung in irgendeine Beschäftigung ist noch keine nachhaltige Lösung. Umso mehr stellt sich die Frage, weshalb bei den Handelsangestellten die berufliche Umorientierung so stark als individuelle Aufgabe hervorgehoben wird, während die Verantwortung der Unternehmen und die gesellschaftlichen Voraussetzungen eines solchen Wandels völlig ausgeklammert werden.
Wer trägt die Kosten des wirtschaftlichen Wandels?
Bonin erklärte, der soziale Frieden werde nicht dadurch gewahrt, dass man auf Dauer Bereiche der Wirtschaft fördere, die langfristig nicht tragfähig seien. Damit stellt er die Unterstützung wirtschaftlich unter Druck geratener Bereiche grundsätzlich infrage.
Allerdings ist zwischen der dauerhaften Subventionierung einzelner Geschäftsmodelle und dem Schutz der Menschen zu unterscheiden, deren Existenz von diesen Geschäftsmodellen abhängt. Der Erhalt eines Unternehmens ist nicht dasselbe wie die Sicherung der Lebensgrundlage seiner Beschäftigten. Umgekehrt bedeutet die Schließung eines Geschäfts nicht, dass die betroffenen Arbeitnehmer automatisch eine gleichwertige neue Stelle finden.
Die Forderung nach sozialer Absicherung ist deshalb nicht mit der Forderung gleichzusetzen, jede bestehende Wirtschaftsstruktur unverändert zu erhalten. Sie bedeutet vielmehr, dass der wirtschaftliche Wandel nicht ausschließlich nach den Interessen der Unternehmen organisiert werden darf.
Gerade in einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche Entscheidungen überwiegend unter dem Gesichtspunkt der Rentabilität getroffen werden, stellt sich die Frage, welche Bedürfnisse dabei berücksichtigt werden. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs ist eine gesellschaftlich notwendige Aufgabe. Sie lässt sich nicht allein danach beurteilen, ob jeder einzelne Standort die gewünschten wirtschaftlichen Kennzahlen erreicht.
Auch die Arbeitsplätze im Handel erfüllen eine notwendige Funktion. Wenn sich die Organisation des Warenverkaufs verändert, muss deshalb darüber gesprochen werden, wie die Versorgung gesichert, Arbeit sinnvoll organisiert und die Existenz der Beschäftigten geschützt werden kann. Die Verantwortung dafür kann nicht allein den einzelnen Arbeitnehmern übertragen werden. Wer den Strukturwandel als unvermeidlich bezeichnet, muss auch beantworten, wie dessen Folgen gesellschaftlich bewältigt werden sollen.
Lohnzurückhaltung und längeres Arbeiten
Bonins Aussagen beschränken sich nicht auf den Handel. Er plädierte auch langfristig für eine Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters und stellte infrage, ob bestimmte Bereiche automatisch und vollständig an die Inflation angepasst werden sollten. Als Beispiel nannte er die Mieten.
Bei diesen Fragen geht es ebenfalls um die Verteilung wirtschaftlicher Risiken und Lasten. Ein höheres Pensionsantrittsalter mag sich abstrakt mit der steigenden Lebenserwartung begründen lassen. Doch die Lebenserwartung allein sagt wenig darüber aus, wie lange Menschen tatsächlich gesund und arbeitsfähig bleiben.
Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich erheblich. Wer über Jahrzehnte körperlich belastende Tätigkeiten verrichtet, steht vor anderen Voraussetzungen als jemand, der seine Arbeit überwiegend im Sitzen ausübt. Im Handel gehören langes Stehen, das Heben und Tragen von Waren, Zeitdruck und wechselnde Arbeitszeiten für viele Beschäftigte zum Alltag.
Eine allgemeine Anhebung des Pensionsantrittsalters würde diese Unterschiede nicht beseitigen. Sie könnte vielmehr dazu führen, dass Menschen länger arbeiten müssen, obwohl ihre gesundheitlichen Voraussetzungen dies erschweren oder unmöglich machen.
Ähnlich verhält es sich bei den Mieten. Bonin hinterfragt, ob diese automatisch im selben Ausmaß wie die Inflation steigen sollten. Damit spricht er einen Bereich an, in dem die Belastung der Haushalte besonders deutlich wird. Wenn Einkommen und Wohnkosten auseinanderlaufen, geraten Beschäftigte zusätzlich unter Druck.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob jede Preis- oder Einkommensentwicklung mechanisch an einen einzelnen Index gekoppelt werden muss. Es geht darum, wie die materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung gesichert werden können und welche Interessen bei der Gestaltung dieser Regeln Vorrang erhalten.
Kollektivverträge brauchen die Kraft der Beschäftigten
Die Debatte über die Benya-Formel ist letztlich auch eine Debatte über die Stellung der Beschäftigten in der Wirtschaft. Kollektivverträge sind keine freiwilligen Zugeständnisse der Unternehmen, sondern bilden das Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit ab. Sie begrenzen die Möglichkeit, Löhne und Arbeitsbedingungen allein nach den Interessen der einzelnen Unternehmen festzulegen. Sinkende Löhne und sich verschlechternde Kollektivvertragsvereinbarungen sind zugleich das Ergebnis einer Gewerkschaftsführung, die lieber mit den Konzernherren zur Absicherung der eigenen Privilegien paktiert anstatt die arbeitenden Menschen für ihre eigenen Interessen zu mobilisieren.
Gerade im Handel ist das von großer Bedeutung. Die Beschäftigten sind auf zahlreiche Filialen verteilt, arbeiten häufig in Teilzeit und haben unterschiedliche Arbeitszeiten. Diese Bedingungen erschweren es, gemeinsame Interessen im Betrieb zu organisieren und gegenüber der Unternehmensleitung durchzusetzen.
Die erste Verhandlungsrunde hat gezeigt, wie weit die Positionen auseinanderliegen. Die Kapitalseite lehnte die Forderung nach 3,8 Prozent mehr Gehalt ab und legte zunächst kein eigenes Angebot vor. Gleichzeitig verweisen die Handelskonzerne auf die schwierige wirtschaftliche Lage, während die Beschäftigten bereits mehrere Jahre mit Reallohnverlusten konfrontiert waren.
Der ÖGB hat Bonins Aussagen zurückgewiesen und darauf hingewiesen, dass die Kritik an den Kollektivverträgen und der Benya-Formel an der Lebensrealität der Beschäftigten vorbeigehe. Auch die Gewerkschaft GPA fordert neben höheren Gehältern Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen, darunter Zuschläge für Mehrarbeit und kurzfristiges Einspringen sowie eine verbindliche Fünftagewoche.
Diese Forderungen zeigen, dass es nicht allein um den prozentuellen Lohnabschluss geht. Es geht auch um die Verfügung über die eigene Zeit, um planbare Arbeitsbedingungen und um die Frage, wie viel Flexibilität den Beschäftigten abverlangt werden kann.
Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt zugleich, dass die bloße Existenz kollektivvertraglicher Verhandlungen keine ausreichenden Ergebnisse garantiert. Wenn die Beschäftigten ihren Lebensstandard verteidigen und Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen erreichen wollen, kommt es darauf an, wie wirksam sie ihre gemeinsamen Interessen vertreten können.
Dazu braucht es eine aktive Beteiligung der Beschäftigten in den Betrieben und eine Gewerkschaftsbewegung, die ihre Forderungen durch die organisierte Kraft der Lohnabhängigen absichert. Die Interessen von Kapital und Beschäftigten sind nicht deckungsgleich. Ein Interessenausgleich entsteht nicht dadurch, dass die Beschäftigten die wirtschaftlichen Argumente der Kapitalseite übernehmen, sondern dadurch, dass sie ihre eigenen Interessen geschlossen vertreten.
Die Forderung nach 3,8 Prozent mehr Gehalt ist angesichts der bisherigen Kaufkraftverluste bereits zurückhaltend. Umso weniger ist es hinnehmbar, wenn sie schon zu Beginn der Verhandlungen als kaum erfüllbar dargestellt wird und gleichzeitig von einer dauerhaften Stagnation der Löhne im Handel die Rede ist.
Der wirtschaftliche Wandel mag Veränderungen unvermeidlich machen. Er rechtfertigt aber nicht, dass die Beschäftigten die Kosten dieser Veränderungen tragen. Die entscheidende Frage ist nicht nur, welche Branchen künftig wachsen werden. Sie lautet auch, unter welchen Bedingungen die Menschen arbeiten, wie sie am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben und wer über die Verteilung der Lasten entscheidet.
Daran muss sich auch die laufende Auseinandersetzung um die Löhne im Handel und die Gewerkschaftsführung messen lassen.
Quelle: ORF


















































































