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Peter Kammerstätter: Ein Leben zwischen Arbeiterbewegung, Forschung und Volksbildung

Anlässlich des 110. Geburtstages des österreichischen Widerstandskämpfers und Heimatforschers Peter Kammerstätter dokumentieren wir einen Artikel des Historikers Florian Schwanninger. Dieser ist im Jahr 2019 im Gedächtnisbuch OÖ erschienen und wurde vom Jägerstätter-Institut Linz herausgegeben. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Jugend und politische Sozialisation

Peter Kammerstätter wurde am 10. Dezember 1911 in Triest geboren. Sein Vater, ein Eisenbahner, war aufgrund sozialdemokratischer Aktivitäten strafweise aus Oberösterreich dorthin versetzt worden. 1919 übersiedelte die Familie nach Linz, wo Kammerstätter im Franckviertel aufwuchs.

Nach dem Schulbesuch nahm er eine Lehre als Elektroschlosser auf und engagierte sich früh in der Gewerkschaft, der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dem Bestattungsverein „Die Flamme“ und bei den Naturfreunden. Er legte großen Wert auf die Aneignung von Literatur und politischen Schriften und war auch ein begeisterter Sportler, Bergsteiger und Schiläufer.

Als Leiter einer SAJ-Gruppe organisierte Kammerstätter Wanderungen, Theatervorstellungen, Konzerte und Liederabende, aber auch politische und allgemeine Bildungsveranstaltungen, wie beispielsweise Abende über sexuelle Aufklärung. Kammerstätter galt damals vielen als der „narrische Sportler, der nix trinkt und nix raucht“ und war deswegen bei den Eltern seiner Gruppenmitglieder als Vertrauensperson anerkannt.

Widerstand und KZ-Haft

In der Zeit der sich verschärfenden Auseinandersetzung mit dem Faschismus baute Kammerstätter Kontakte zur kommunistischen Bewegung auf. Die Sozialdemokratie wich in seinen Augen zusehends vor den Bedrohungen von rechts zurück. Im Juni 1933 trat Peter Kammerstätter schließlich der illegalen Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) bei.

Nach dem Februar 1934 betätigte sich Kammerstätter in der Roten Hilfe und wurde Mitglied der oö. Landesleitung der KPÖ. Ende 1934 verhaftete man ihn erstmals, 1935 wurde er zu sechs Monaten schwerem Kerker verurteilt.

Den Nationalsozialisten war Kammerstätter als scharfer Gegner bekannt. Er sei „fanatisch“ und bedürfe „steter Beobachtung“, denn „mit dessen besonderer Aktivität [sei] im Ernstfall zu rechnen“. So heißt es im „Verzeichnis oberösterreichischer Kommunisten“, erstellt von der Gestapo Linz am 16. August 1938.

Am Tag des deutschen Überfalls auf Polen, dem 1. September 1939, wurde Peter Kammerstätter schließlich verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht. Im KZ wurde Kammerstätter auf Betreiben der illegalen Häftlingsorganisation dem Arbeitskommando für Elektriker zugeteilt. Er nutzte diese Funktion für den Lagerwiderstand und schmuggelte Nachrichten sowie verschiedene benötigte Gegenstände im doppelten Boden seiner Werkzeugkiste.

Kammerstätter führte im KZ Buchenwald auch politische Gespräche mit dem ehemaligen (und zukünftigen) oö. Landeshauptmann Dr. Heinrich Gleißner sowie dem ehemaligen Privatsekretär des Linzer Bischofs Gföllner, Dr. Franz Ohnmacht.

Nach der überraschenden Entlassung am 10. Jänner 1940 – sein Betrieb hatte ihn als Facharbeiter für „kriegsnotwendig unabkömmlich“ erklärt – stand Kammerstätter unter Beobachtung. Er unterstützte aber trotzdem ausländische Zwangsarbeiter/innen bei seiner Firma Sprecher & Schuh in Linz.

Zwischen Hoffnung und Enttäuschung – Peter Kammerstätter als politischer Funktionär

Ab Februar 1946 arbeitete Kammerstätter als Parteiangestellter der KPÖ, ab April 1948 als oö. Landessekretär. 1951 wurde Kammerstätter auch in das Zentralkomitee der KPÖ gewählt, dem er bis 1965 angehörte.

Anfang der 1960er Jahre verschlechterte sich die Position Kammerstätters in der KPÖ. Funktionäre fühlten sich zum Teil mit seiner Arbeitsweise und seinen Anforderungen überfordert und auch seine politische Linie stieß vermehrt auf Kritik und Ablehnung.

Mit 31. Dezember 1963 schied Peter Kammerstätter aus allen Parteifunktionen aus und kündigte sein Dienstverhältnis. Nach fast einem Jahr der Arbeitslosigkeit erlangte Kammerstätter Ende 1964 eine Anstellung als Bauschreiber bei der Donauländischen Baugesellschaft, wo er bis zur Pensionierung 1972 tätig blieb.

In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre begann jedoch Peter Kammerstätters zweite „berufliche“ Karriere, nämlich als der Historiker der Arbeiter/innen/bewegung, des NS-Terrors und des Widerstands in Oberösterreich. Ab 1967 sammelte er Materialien und interviewte im Laufe der Jahre hunderte Personen – eine damals noch höchst ungewöhnliche Forschungsmethode. Im Fokus von Kammerstätters Forschungen standen dabei jene Bereiche der regionalen Geschichte, über die zu dieser Zeit noch beharrlich geschwiegen wurde.

Noch zu Zeiten seiner Berufstätigkeit stellte Peter Kammerstätter im Jahr 1971 seine erste Sammlung fertig. Sie beschäftigte sich mit dem „Todesmarsch der ungarischen Juden im April 1945“ – zweifelsohne eine Pionierleistung auf diesem Gebiet. In den folgenden Jahren stand dann vor allem die Widerstandstätigkeit im Salzkammergut im Fokus von Kammerstätters Forschungen. Seine diesbezügliche Materialsammlung erschien schließlich 1978. Ein Jahr später stellte er eine Materialsammlung über den Ausbruch sowjetischer Offiziere und der anschließenden „Mühlviertler Hasenjagd“ fertig. Parallel zu diesen Forschungen hatte Peter Kammerstätter auch stetig an einer umfangreichen Sammlung zum Februar 1934 in Oberösterreich gearbeitet, die zum 50. Jahrestag im Jahr 1984 erschien und über 2.000 Seiten umfasst.

Kammerstätter verfasste im Laufe der Jahre auch verschiedene kleinere Arbeiten und biografische Darstellungen von Personen der Arbeiter/innen/bewegung und des Widerstands – auch von Frauen, die in der Forschung bis dato nur eine geringe Rolle gespielt hatten. Nicht fertiggestellt werden konnten Kammerstätters umfangreiche Materialsammlungen zum Bettler/innen/wesen in den 1930er Jahren sowie zur Geschichte der KPOÖ.

Kammerstätters Nachlass, der sich zum größten Teil im Archiv der Stadt Linz befindet und dort zugänglich ist, beinhaltet tausende von zusammengetragenen Dokumenten, hunderte Interviews auf Tonbändern (mittlerweile auf CD zugänglich) und zahlreiche Fotos. Von diesem riesigen Fundus an Materialien und Quellen kann die Forschung zur Arbeiter/innen/bewegung, zur Ersten Republik und zu Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich noch heute zehren. Zahlreiche akademische Arbeiten und auch Ausstellungsprojekte verdanken Kammerstätters Tätigkeit einen bedeutenden Teil ihrer Quellenbasis. Zeitlebens hatte er Studierenden, Schul- und Hochschullehrenden bei deren Fachbereichs‑, Seminar‑, Diplom- und Doktorarbeiten mit seinem immensen zeitgeschichtlichen Wissen geholfen. Auch regte Peter Kammerstätter Projekte zur Vermittlung der historischen Ereignisse, wie das Zeitgeschichte Museum in Ebensee, an bzw. half bei deren Umsetzung. Beachtet man dieses enorme Pensum an Sammler‑, Forscher‑, Förderer- und Vermittlertätigkeit, so dürfte es kein Zufall sein, dass Peter Kammerstätter zu Lebzeiten keine einzige Monographie veröffentlichte. Erst im Jahr 2006 wurde unter dem Titel „Dem Galgen, dem Fallbeil, der Kugel entkommen“ die erste Sammlung Kammerstätters publiziert.

Über seine Tätigkeit als Forscher hinaus war Kammerstätter auch als Pädagoge und Vermittler tätig. Er referierte an Volkshochschulen, Universitäten, in Schulen und vor unzähligen Jugendgruppen zu den von ihm bearbeiteten Themen. Peter Kammerstätter organisierte Wanderungen zu den Stätten von Widerstand und Verfolgung und führte jährlich zwischen 40 bis 60 Gruppen über das Gelände des ehemaligen KZ Mauthausen.

Obwohl der Autodidakt Peter Kammerstätter keinen akademischen Abschluss besaß, stießen seine Arbeiten und auch Methoden in universitären Kreisen auf ein großes Echo. So wurde er vom langjährigen Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz, Univ.-Prof. Dr. Karl R. Stadler, besonders gefördert, und arbeitete auch eng mit dem damals in Salzburg tätigen Univ.-Prof. Dr. Gerhard Botz zusammen. Ebenso schätzte und unterstützte Prof. Dr. Harry Slapnicka, Pionier der Zeitgeschichtsforschung in Oberösterreich, Peter Kammerstätter.

Für die unermüdliche Arbeit wurden Peter Kammerstätter schließlich wissenschaftliche und öffentliche Ehrungen und Auszeichnungen zuteil. 1975 erhielt er die Johann Koplenig Medaille der KPÖ, 1977 das Ehrenzeichen für die Verdienste um die Befreiung Österreichs vom Faschismus. 1979 wurde Peter Kammerstätter zum wissenschaftlichen Konsulenten der oberösterreichischen Landesregierung ernannt und erhielt im Folgejahr den Berufstitel Professor. 1989 wurde ihm die Wissenschaftsmedaille der Stadt Linz verliehen.

Peter Kammerstätter starb am 3. Oktober 1993 im 82. Lebensjahr und wurde im Linzer Urnenhain beigesetzt. Noch zu Lebzeiten seiner Gattin und politischen Gefährtin Lisa, eine gebürtige Russin, die selbst im KZ Ravensbrück inhaftiert war, brachte die Stadt Linz im Oktober 1996 eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus in der Finkstraße 3 an.

Literatur über Peter Kammerstätter:

  • Günther Grabner: Peter Kammerstätter. Biographie eines Widerstandskämpfers (Texte und Materialien zu Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich, Bd. 3) Hg. v. Landesverband Oberösterreich der AntifaschistInnen, WiderstandskämpferInnen und Opfer des Faschismus (KZ-Verband/VdA OÖ) (Linz 2011).
  • Hubert Hummer, Reinhard Kannonier, Brigitte Kepplinger (Hrsg.): Die Pflicht zum Widerstand – Festschrift Peter Kammerstätter zum 75. Geburtstag (Wien-München-Zürich 1986).

Peter Kammerstätter – eine Auswahl seiner Werke:

  • Der Todesmarsch ungarischer Juden von Mauthausen nach Gunskirchen im April 1945: eine Materialsammlung nach 25 Jahren, 158 Seiten, 1971.
  • Materialsammlung über die Widerstands- und Partisanenbewegung Willy–Fred-Freiheitsbewegung im oberen Salzkammergut–Ausseerland 1943–1945: ein Beitrag zur Erforschung dieser Bewegung, Band 1–2, 777 Seiten, 1978.
  • Der Ausbruch der russischen Offiziere und Kommissare aus dem Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen am 2. 2. 1945: die Mühlviertler Hasenjagd; Materialsammlung: Aussagen von Menschen, die an der Verfolgung beteiligt waren oder zusehen mußten, und solchen, die Hilfe gaben, 330 Seiten, 1979.
  • Der Aufstand des Republikanischen Schutzbundes am 12. Februar 1934 in Oberösterreich: eine Sammlung von Materialien, Dokumenten und Aussagen von Beteiligten. Band 1–3, 2055 Seiten, 1983.
  • Materialsammlung zur Geschichte der KPÖ-OÖ und ihrer Widerstandstätigkeit zwischen 1918/19 und 1946, 1990.

Quelle: Gedächtnisbuch OÖ, Hrsg. Jägerstätter-Institut Linz, 2019

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