Gaza. UNICEF spricht von einer „tödlichen Illusion“. Gemeint ist die im Oktober verkündete Waffenruhe im Gazastreifen. Diese bedeutet für Kinder und Jugendliche in Gaza weiterhin Tod, Verstümmelung, Hunger, Angst und Leben zwischen Trümmern.
Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks wurden seit der Waffenruhe 265 Minderjährige getötet. Mehr als 90 Prozent von ihnen starben durch israelische Angriffe. Andere Kinder kamen durch nicht explodierte Munition ums Leben, die in den Ruinen Gazas zurückblieb. Das ist die Wirklichkeit hinter dem Wort „Waffenruhe“: Die Bomben fallen seltener oder anders, die Besatzungsgewalt und das Sterben geht weiter.
Wenn Kinder auch während eines angeblichen Waffenstillstands in dieser Zahl getötet werden, dann ist das Ausdruck einer Kriegsführung, in der das Leben der palästinensischen Bevölkerung systematisch entwertet wird.
Ein Waffenstillstand, der weiter tötet
Eine Waffenruhe, in der Kinder sterben, ist keine Waffenruhe. Sie ist ein politisches Alibi. Sie dient dazu, internationalen Druck zu dämpfen, diplomatische Aktivität vorzutäuschen und den Eindruck zu erzeugen, die Lage sei kontrollierbar. Für die Menschen in Gaza ist sie jedoch keine Sicherheit.
Der Begriff „Waffenruhe“ wird damit selbst zur ideologischen Waffe. Er verschleiert mehr, als er erklärt. Er erzeugt Normalität, wo keine Normalität existiert. Er erlaubt Regierungen, Institutionen und Medien, von „Fortschritten“ zu sprechen, während Kinder unter Trümmern, durch Drohnenangriffe oder durch explosive Überreste des Krieges sterben.
UNICEF-Sprecher James Elder hat recht, wenn er sagt, man müsse aufhören, das Unnormale als normal hinzustellen. Genau das geschieht jedoch seit Monaten. Die Welt hat gelernt, das Sterben palästinensischer Kinder als Hintergrundrauschen der internationalen Politik zu behandeln.
Die Normalisierung des Ausnahmezustands
Der Gazastreifen ist kein normales Kriegsgebiet. Er ist ein abgeriegeltes, zerstörtes und überwachtes Gebiet, in dem eine eingeschlossene Bevölkerung der militärischen Übermacht Israels ausgeliefert ist. Dass selbst eine Waffenruhe Kinder nicht schützt, zeigt den Charakter dieser Kriegsführung besonders deutlich. Es geht um ein System aus Blockade, Vertreibung, Bombardierung, Hunger, Kontrolle und permanenter Unsicherheit.
Die israelische Regierung spricht von Sicherheit. In Gaza bedeutet diese „Sicherheit“ zerstörte Kindheit. Sie bedeutet, dass Eltern nicht wissen, ob der nächste Einschlag ihr Zelt, ihre Straße oder ihr Kind trifft. Sie bedeutet, dass nicht explodierte Munition in Trümmern liegt, in denen Kinder nach Wasser, Holz oder Resten von Besitz suchen.
So sieht die Ordnung aus, die der Imperialismus im Nahen Osten verteidigt.
Völkerrecht als Sonntagsrede
Die Empörung über getötete Kinder bleibt in den imperialistischen Zentren auffallend begrenzt. Westliche Regierungen betonen regelmäßig ihre angebliche Bindung an das Völkerrecht. Sie sprechen von humanitären Standards, Schutz der Zivilbevölkerung und regelbasierter Ordnung. Doch sobald es um Israel geht, wird diese Ordnung elastisch.
Dann wird relativiert, beschwichtigt und auf „Sicherheitsinteressen“ verwiesen. Dann werden Waffenlieferungen, politische Rückendeckung und diplomatische Schutzschirme nicht grundsätzlich infrage gestellt. Dann wird aus einem toten Kind eine bedauerliche Folge komplizierter Umstände.
Völkerrecht gilt dort, wo es den eigenen Interessen dient. Wo es die Verbündeten des Imperialismus einschränken würde, wird es zur unverbindlichen Empfehlung. Die palästinensischen Kinder sterben nicht an mangelnder Kenntnis des Völkerrechts. Sie sterben an mangelndem politischen Willen, es gegenüber Israel durchzusetzen.
Die Tötung von Kindern ist nicht einfach eine humanitäre Tragödie. Sie ist ein politisches Verbrechen im Rahmen einer kolonialen Gewaltordnung. Wer Gaza bombardiert, belagert und in Trümmer legt, zerstört die Bedingungen gesellschaftlichen Lebens.
Kinder sind davon besonders betroffen, weil sie am stärksten von Ernährung, medizinischer Versorgung, stabilen Familienstrukturen, Bildung und sicheren Räumen abhängig sind. Wenn diese Grundlagen zerstört werden, wird nicht nur Gegenwart vernichtet, sondern Zukunft.
Die Ohnmacht ist politisch gewollt
UNICEF spricht vom fehlenden politischen Willen. Genau darum geht es. Es fehlt nicht an Informationen. Es fehlt nicht an Berichten, Zahlen, Bildern oder Warnungen. Es fehlt nicht an Kenntnis über das Leid der Kinder in Gaza.
Was fehlt, ist der Wille der imperialistischen Staaten, Israel wirksam zu stoppen. Denn ein wirksamer Stopp würde bedeuten, politische, wirtschaftliche und militärische Konsequenzen zu ziehen. Er würde bedeuten, die Unterstützung für die israelische Kriegsführung zu beenden. Er würde bedeuten, die eigene Mitverantwortung anzuerkennen.
Stattdessen bleibt man bei Appellen. Man mahnt, fordert, bedauert und „zeigt sich besorgt“. Diese Sorge ist billig. Die Kinder in Gaza sterben nicht, weil die Welt nichts weiß. Sie sterben, weil die Mächtigen wissen und dennoch weitermachen lassen.
Quelle: ORF



















































































