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Home Panorama

Das Stadtbild des Kapitalismus

Drogen, Dreck und Verzweiflung

4. September 2026
in Panorama
Das Stadtbild des Kapitalismus

Wer in letzter Zeit durch Innenstädte geht, durch Parks, Fußgängerzonen, Unterführungen oder Bahnhöfe, kann den Eindruck gewinnen: Es werden mehr. Mehr Menschen, die auf der Straße leben. Mehr Menschen, die sichtbar arm sind. Mehr Menschen, die trinken, konsumieren, schlafen, betteln, schreien, streiten oder einfach nur irgendwo sitzen, weil sie sonst nirgends sein können.

Ob dieser Eindruck statistisch in jeder Stadt belegbar ist, ist eine andere Frage. Belastbare Zahlen sind oft lückenhaft oder erfassen nur einen Teil der Wirklichkeit. Aber der subjektive Eindruck vieler Menschen verweist dennoch auf etwas Reales: Das Elend wird sichtbarer. Nicht, weil es plötzlich vom Himmel gefallen wäre, sondern weil die gesellschaftlichen Widersprüche härter werden.

Wohnungen werden teurer. Löhne sinken. Psychische Erkrankungen nehmen zu. Suchterkrankungen werden häufiger im öffentlichen Raum sichtbar. Soziale Einrichtungen sind überlastet. Menschen fallen durch Netze, die immer größere Löcher bekommen. Und wer einmal ganz unten angekommen ist, merkt schnell: Diese Gesellschaft ist nicht dafür gebaut, Menschen aufzufangen. Sie ist dafür gebaut, sie zu verwerten – und wenn sie nicht mehr verwertbar sind, sie aus dem Blick zu räumen.

Die Realität ist nicht schön

Ein ehrlicher Artikel über Obdachlosigkeit, Sucht und sichtbares Elend im öffentlichen Raum darf nicht so tun, als gäbe es keine Probleme. Es gibt sie. Menschengruppen, häufig Männergruppen, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss laut auftreten, können einschüchternd wirken. Es gibt Konflikte, Gewalt, Beschaffungskriminalität, Prostitution, Ausbeutung und organisierte Strukturen, die aus Armut noch Profit schlagen. Es gibt Orte, an denen Menschen, insbesondere Frauen, nachts verständlicherweise einen großen Bogen machen.

Das alles zu benennen, ist kein Verrat an Solidarität. Im Gegenteil: Wer diese Realität aus falsch verstandener Rücksicht romantisiert, hilft niemandem. Weder den Menschen auf der Straße noch den Anrainerinnen und Anrainern, weder den Frauen, die sich unsicher fühlen, noch den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die täglich mit den Folgen zu tun haben.

Armut ist nicht romantisch. Sucht ist nicht romantisch. Auf der Straße zu schlafen ist nicht romantisch. Alkohol und Drogen zerstören Leben, Beziehungen, Körper, Psychen und Zukunft. Wer das schönredet, verwechselt Menschlichkeit mit Verklärung.

Aber daraus folgt eben nicht, dass Hetze richtig wäre. Es folgt nicht, dass Polizeidruck die Lösung wäre. Es folgt nicht, dass Menschen, die bereits am Boden liegen, noch weiter getreten werden müssen.

Die falschen Schuldigen

Für Boulevardmedien ist sichtbare Armut ein gefundenes Fressen. Ein paar Fotos aus Parks oder Bahnhöfen, ein paar empörte Stimmen, ein paar Schlagworte über „Problemzonen“, „Sicherheitsgefühl“ und „Drogen-Hotspots“ – fertig ist die Geschichte. Die Botschaft ist immer ähnlich: Da sind Menschen, die stören. Da sind Menschen, die wegmüssen. Da sind Menschen, die das Stadtbild verschandeln.

Was dabei fast immer fehlt, ist die Frage, warum diese Menschen überhaupt dort sind. Niemand schläft freiwillig dauerhaft unter einer Brücke, weil das Leben dort so bequem ist. Niemand verliert gern Wohnung, Arbeit, Familie, Gesundheit und Würde. Niemand entscheidet sich leichtfertig für ein Leben, in dem jeder Tag aus Beschaffung, Angst, Kälte, Hitze, Scham, Gewalt, Entzug, Rausch oder bloßem Überleben besteht.

Natürlich gibt es individuelle Entscheidungen. Natürlich gibt es Verantwortung. Natürlich gibt es Menschen, die anderen Leid zufügen. Aber wer nur auf das Verhalten einzelner zeigt und die gesellschaftlichen Bedingungen ausblendet, macht aus Opfern einer Ordnung bloß Störfaktoren im Stadtbild.

Die Wut vieler Menschen ist verständlich. Aber sie trifft oft die Falschen. Nicht der Obdachlose auf der Parkbank hat die Mieten erhöht. Nicht die suchterkrankte Frau am Bahnhof hat das Gesundheitssystem kaputtgespart. Nicht der alkoholisierte Mann in der Fußgängerzone hat Löhne gedrückt, Sozialleistungen gekürzt, Wohnraum zur Ware gemacht oder psychische Versorgung ausgedünnt. Die Verantwortlichen sitzen nicht auf der Straße. Sie sitzen in Vorstandsetagen, Immobiliengesellschaften, Ministerien, Landesregierungen, Banken, Konzernen und politischen Apparaten, die seit Jahrzehnten eine Ordnung verwalten, in der Menschen aussortiert werden.

Vertreibung ist keine Lösung

Die politischen Antworten sind bekannt: Bettelverbote, Alkoholverbote, schärfere Polizeikontrollen, Videoüberwachung, grelle Beleuchtung, Umzäunung von Parks, nächtliche Sperren, Sitzbänke, auf denen niemand liegen kann, Metallbügel, Stacheln, Abwehrarchitektur. Der zynische Fachbegriff dafür lautet „defensive Architektur“. Defensiv ist daran gar nichts. Es ist Architektur gegen Menschen.

Sie richtet sich nicht gegen Armut, sondern gegen Arme. Nicht gegen Obdachlosigkeit, sondern gegen Obdachlose. Nicht gegen Sucht, sondern gegen suchterkrankte Menschen. Sie löst kein einziges Problem. Sie verschiebt es nur. Aus der Einkaufsstraße in die Seitengasse. Vom Bahnhof in den Park. Vom Park unter die Brücke. Von der hellen Fläche in die dunkle Ecke.

Für das Stadtmarketing mag das funktionieren. Für die Betroffenen bedeutet es noch mehr Unsicherheit, noch weniger Zugang zu Hilfe und noch größere Vereinzelung. Für die Gesellschaft bedeutet es moralischen Bankrott: Man bekämpft nicht das Elend, sondern seine Sichtbarkeit.

Das ist die Logik einer Ordnung, die nicht fragt: Wie bringen wir Menschen zurück in ein würdiges Leben? Sondern: Wie sorgen wir dafür, dass zahlungskräftige Konsumentinnen und Konsumenten beim Einkaufen nicht gestört werden?

Sucht ist eine Krankheit

Drogen- und Alkoholsucht sind schwere Erkrankungen. Süchtige haben körperliche, psychische und soziale Ursachen. Menschen konsumieren nicht einfach, weil sie „schlecht“ oder „willensschwach“ sind. Sucht kann aus Schmerz entstehen, aus Trauma, aus Einsamkeit, aus psychischer Krankheit, aus Gewalt, aus Armut, aus Perspektivlosigkeit, aus Überforderung, aus dem Versuch, etwas auszuhalten, das nüchtern nicht auszuhalten ist.

Das entschuldigt nicht jedes Verhalten. Aber es erklärt, warum moralische Verurteilung so sinnlos ist. Wer einem Menschen, der abhängig ist, einfach sagt, er solle sich zusammenreißen, hat Sucht nicht verstanden. Wer ihn bestraft, vertreibt oder beschämt, macht die Lage meist schlimmer.

Der Kapitalismus erzeugt massenhaft Entfremdung, Druck, Unsicherheit und Vereinzelung. Er verlangt ständige Leistungsfähigkeit, während er Menschen seelisch und körperlich verschleißt. Er zerstört Gemeinschaften, privatisiert Probleme und verkauft dann Trost, Rausch, Ablenkung und Betäubung. Für die einen gibt es Wellness, Psychotherapie und diskrete Privatkliniken. Für die anderen gibt es billigen Alkohol, Straßendrogen, Polizeikontrollen und den kalten Boden.

Frauen erleben Wohnungslosigkeit oft weniger sichtbar, aber nicht weniger brutal. Viele kommen irgendwo unter, entweder bei Bekannten, Verwandten oder anderen Männern. Häufig hat das jedoch unsichere Beziehungen zur Folge, die von Abhängigkeit und Gewalt geprägt sind. Die Alternative dazu ist für viele nur die Straße.

Für Frauen auf der Straße ist die Gefahr sexualisierter Gewalt besonders hoch. Prostitution ist kein Ausdruck freier Selbstverwirklichung, sondern eine Überlebensstrategie in einer Lage, in der Geld, Schutz, Wohnung, Papiere, Gesundheit oder Perspektive fehlen. Wer das romantisiert, verkennt die Gewalt dieser Verhältnisse. Wer die betroffenen Frauen moralisch verurteilt, tritt nach unten.

Was sofort nötig wäre

Es braucht niedrigschwellige Hilfsangebote, mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, mehr Notschlafstellen, mehr betreute Wohnplätze, mehr Suchthilfe, mehr psychosoziale Versorgung, mehr Schutzräume für Frauen, mehr öffentliche Toiletten, Tageszentren, medizinische Versorgung, Substitution, Krisenintervention und langfristige Begleitung. Es braucht Menschen, die hingehen, zuhören, Beziehungen aufbauen und den Weg von der Straße zurück in ein stabiles Leben möglich machen.

Aber es braucht auch den politischen Mut zu sagen: Hilfe darf nicht erst dann beginnen, wenn jemand völlig zerstört ist. Wer Wohnungslosigkeit bekämpfen will, muss Wohnungen bereitstellen. Wer Sucht bekämpfen will, muss in aller erster Linie Armut und Perspektivlosigkeit bekämpfen. Wer Gewalt reduzieren will, muss soziale Sicherheit schaffen. Wer öffentliche Räume sicherer machen will, muss Menschen aus Elend befreien, nicht Elend in andere Bezirke verschieben.

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Bildquelle: Foto von Thom Gonzalez auf Pexels
Schlagworte: AlkoholismusArmutDrogenKapitalismusKlassenkampfObdachlosigkeitStadtpolitikSuchtWohnungslosigkeit

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