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Home Feuilleton Geschichte

Zum 130. Geburtstag von Josip Broz Tito

7. Mai 2022
in Geschichte
Zum 130. Geburtstag von Josip Broz Tito

Am heutigen 7. Mai jährt sich der Geburtstag Titos zum 130. Mal. Seine Leistungen als Marschall der antifaschistischen Volksbefreiungsarmee und seine Bedeutung für die Geschichte Jugoslawiens sind erheblich.

Geboren wurde Josip Broz am 7. Mai 1892. Das Datum gilt heute als gesichert, wenngleich man in Jugoslawien den Geburtstag lange Zeit am 25. Mai gemeinsam mit dem „Tag der Jugend“ beging. Die Familie lebte im kroatischen Kumrovec, an der Grenze zu Slowenien, damals zu Österreich-Ungarn gehörig. Der Vater Franjo war Kroate, die Mutter Marija Slowenin. Josip kam als siebentes Kind der beiden zur Welt, das Geburtshaus ist bis heute ein Museum. Der kleinbäuerliche Hintergrund konnte freilich nicht als Lebensgrundlage für alle dienen, daher absolvierte Josip Broz eine Schlosserlehre in Sisak.

In Wiener Neustadt und Neudörfl

Als Angehöriger der Arbeiterklasse trat er am 10. März 1910 folgerichtig in die Sozialdemokratische Partei Kroatiens und Slawoniens ein. Beruflich kam er weit herum, nach Tätigkeiten in kroatischen und slowenischen Metallbetrieben arbeitete er in Automobilwerken in Böhmen, Deutschland und Österreich, zuletzt in Wiener Neustadt. In dieser Zeit lebte er bei seinem Bruder im benachbarten, aber transleithanischen, heute burgenländischen Neudörfl, wo 1874 der erste Versuch der Etablierung einer Sozialdemokratischen Partei im Habsburgerreich unternommen worden war. Josip Broz eignete sich trotz geringer Schulbildung währenddessen ausgezeichnete Kenntnisse der deutschen Sprache an, die er auch Jahrzehnte später noch mit deutlich vernehmbarem ostösterreichischen Akzent vortrug.

Kriegsgefangenschaft und Oktoberrevolution

Im Herbst 1913 wurde Broz in die österreichisch-ungarische Armee eingezogen. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges kam er zunächst an der Front zu Serbien zum Einsatz, dann an der östlichen Front gegen Russland. 1915 – Broz war bereits zum Feldwebel aufgestiegen – geriet er in der Bukowina nach einer Verwundung in russische Kriegsgefangenschaft. Nachdem er zwischen verschiedenen Lagern hin und her verlegt worden war, wurde er schließlich als Mechaniker und Übersetzer – er beherrschte inzwischen auch die russische Sprache – bei der zaristischen Eisenbahn eingesetzt. Während der Februarrevolution wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, im Juni 1917 ging er nach Sankt Petersburg. Hier wurde er nicht nur Zeuge, sondern auch Unterstützer der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution: Broz kämpfte in der Roten Garde bzw. sodann in der Roten Armee auf Seiten von Lenins Bolschewiki.

Rückkehr nach Jugoslawien

1920 kehrte Broz in seine Heimat zurück, in der inzwischen das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen geschaffen worden war. Wichtiger war jedoch, dass aus der 1918 gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei Jugoslawiens im Sommer 1920 die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) hervorgegangen war, der sich Broz sofort anschloss. Die KPJ war Mitglied der Kommunistischen Internationale, wies eine relevante Mitgliederzahl auf und zog im Dezember 1920 mit 58 Abgeordneten in die Verfassungsgebende Versammlung ein. Bald darauf wurde die Partei als staatsfeindliche Organisation verboten und musste ab 1921 im Untergrund sowie vom Exil aus operieren. Josip Broz wurde mehrmals inhaftiert, seine längste Gefängnisstrafe für kommunistische Agitation saß er von 1928 bis 1934 ab. Er nützte die Zeit, um sich mithilfe von Mithäftlingen vertieft mit dem Marxismus zu befassen.

Aufstieg in der KPJ

Nach seiner Entlassung begann sein rascher Aufstieg in der KPJ. Er wurde noch 1934 Mitglied des Zentralkomitees und nahm auch in dieser Zeit wohl den Decknamen „Tito“ an. 1935 und 1936 weilte er in Paris, wo er Freiwillige für die Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg betreute und weiterschleuste. 1937 betraute ihn die Komintern nach internen Problemen in der KPJ mit der Parteiführung. Auf einer geheimen Nationalkonferenz im Jahr 1940 wurde Tito als Generalsekretär der KPJ bestätigt. Von Belgrad aus bemühte er sich um eine wirkungsvolle Reorganisierung der illegalen KPJ, die auch dringend notwendig war. Denn im April 1941 begann der Balkanfeldzug der deutsch-faschistischen Wehrmacht, kurze Zeit später der Überfall auf die Sowjetunion.

Partisanenkampf und Befreiung

Tito organisierte den Partisanenkampf gegen die deutschen und italienischen Faschisten sowie deren kroatische Ustascha-Kollaborateure in Jugoslawien. Der bewaffnete Widerstand der Kommunistinnen und Kommunisten war opferreich, aber erfolgreich. Als Marschall der Volksbefreiungsarmee und Partisaneneinheiten (NOV i POJ) und ab 1943 als Vorsitzender des Antifaschistischen Rates der Nationalen Befreiung (AVNOJ) gelang es Tito und seinen heroischen Partisanen, mit einem Zermürbungskrieg, aber auch in legendären Schlachten immer weitere Teile Jugoslawiens zu befreien. Am 20. Oktober 1944 wurde Belgrad eingenommen, während Zagreb erst mit 7./8. Mai 1945 befreit werden konnte. Auch in Slowenien wurde bis zuletzt gekämpft, wobei die Tito-Partisanen bis nach Kärnten vorstießen – hier waren auch die Österreichischen Freiheitsbataillone beteiligt, die innerhalb der NOV i POJ aufgestellt worden waren. Mit Kriegsende in Europa kontrollierte der Antifaschistische Rat faktisch ganz Jugoslawien und wurde von den Alliierten der Anti-Hitler-Koalition als legitime Regierung anerkannt.

Volksrepublik und Bruch mit der UdSSR

Mit 31. Jänner 1946 wurde die Föderative Volksrepublik Jugoslawien geschaffen, wobei Tito als Ministerpräsident die Regierungsgeschäfte leitete. Es kam zu progressiven und sozialistischen Umwälzungen, den Kern des jugoslawischen Sozialismus bildete auf ökonomischer Ebene das System der Arbeiterselbstverwaltung der Betriebe – was aus marxistischer Sicht gelinde gesagt nicht ganz unumstritten war und ist. Insofern ist auch das, was als „Titoismus“ bekannt ist, nicht unbedingt eine marxistisch-leninistische Herangehensweise. Ab 1948 distanzierte sich Tito immer mehr von der UdSSR, den osteuropäischen Volksdemokratien sowie vom Nachbarn Albanien. 1950 kam es zum finalen Bruch mit der Sowjetunion und der an der KPdSU orientierten kommunistischen Weltbewegung, nachdem die KPJ schon 1948 aus dem Kominform-Büro ausgeschieden war. Diese Entwicklung wurde 1952 auch mit einer Umbenennung der KPJ markiert: Die Partei hieß von diesem Zeitpunkt an Bund der Kommunisten Jugoslawiens. Ab 1953 amtierte Tito als Staatspräsident des Landes.

„Dritter Weg“ für die SFRJ

Die Umorientierung implizierte weitere Folgen: Jugoslawien nahm nicht am sozialistischen Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) teil, sondern am US-Marshallplan. Ebenso wenig trat man dem Warschauer Vertrag bei, sondern etablierte 1961 maßgeblich die „Bewegung der Blockfreien Staaten“. Unterm Strich muss man Tito attestieren, einen neuen „dritten Weg“ bemüht zu haben, der in vielerlei Hinsicht fragwürdig war. Mit der Machtübernahme Chruschtschows in der KPdSU und dem Aufkommen des modernen Revisionismus in der kommunistischen Bewegung normalisierten sich die Beziehungen zwischen Jugoslawien und der UdSSR einigermaßen. Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (SFRJ), wie sie ab 1963 hieß, wurde assoziiertes RGW-Mitglied. Trotzdem unterhielt Tito weiterhin gute Beziehungen zum Westimperialismus, nicht zuletzt zur bundesdeutschen und österreichischen Sozialdemokratie. Der SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky meinte in seinen autobiografischen Aufzeichnungen, Tito hätte sich aufgrund seines ersten Lebensabschnitts eine besondere persönliche Beziehung zu Österreich bewahrt. Tatsächlich war Tito Träger des „Groß-Sterns des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich“ – mehr bilaterale Würdigung geht nicht.

Tod und Beisetzung

Zu Jahresbeginn 1980 verschlechterte sich Titos Gesundheitszustand massiv. Das Ärzteteam an der Universitätsklinik Laibach, zu dem auch ein US-amerikanischer und ein sowjetischer Spezialist hinzugezogen wurden, mussten im Jänner eine arterielle Thrombose im Gefolge eines „Raucherbeins“ feststellen. Eine Bypass-Operation zeigte keinen Erfolg, am 20. Jänner musste ein Teil des linken Beins amputiert werden. Die kurzzeitige Besserung hielt nicht lange: Im Mai wurde Tito abermals ins Laibacher Krankenhaus eingeliefert, wo er am 4. Mai 1980, drei Tage vor seinem 88. Geburtstag, verstarb. Die Beisetzung erfolgte am 8. Mai, unter reger Anteilnahme der Bevölkerung, aber auch mit einer großen Zahl internationaler Trauergäste, darunter Leonid Breschnew und Erich Honecker ebenso wie Margaret Thatcher oder Helmut Schmidt sowie natürlich Bruno Kreisky. Das Tito-Mausoleum im Belgrader „Haus der Blumen“ ist mittlerweile Teil des Museums der Geschichte Jugoslawiens.

Bedeutung und Nachwirkung

Dass der marmorne Sarkophag auch heute noch, 30 Jahre nach dem Ende der SFR Jugoslawien, das prompt zu nationalistischen Bürgerkriegen führte, jedes Jahr von zigtausenden Menschen besucht wird, zeugt von der großen historischen Bedeutung Titos und seiner anhaltenden Anerkennung, ja Bewunderung durch die Menschen aus den ehemaligen Teilrepubliken. Die Leistungen von Josip Broz Tito waren von immenser Tragweite, insbesondere im antifaschistischen Freiheitskampf und bei der Schaffung der Volksrepublik. Deren weitere Entwicklung bzw. jene der SFRJ mögen aus marxistischer und kommunistischer Sicht ihre zutiefst problematischen Seiten haben, doch waren es Jahrzehnte des Friedens und der brüderlichen Einheit zwischen den Völkern Jugoslawiens, verbunden mit sozialem und gesellschaftlichem Fortschritt. Dafür ist und bleibt Titos Name für immer das maßgebliche Symbol.

 

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Bildquelle: Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons
Schlagworte: ArbeiterselbstverwaltungAVNOJJosip BrozJugoslawienKPJPartisanenkampfSFRJTitoTitoismusVolksbefreiungsarmee

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