Der bevorstehende Schulstart wird für viele Familien in Österreich erneut zur finanziellen Belastungsprobe. Während Politik und bürgerliche Öffentlichkeit gerne von Chancengleichheit, Leistung und Bildung als Aufstiegsmöglichkeit sprechen, zeigt sich im Alltag armutsbetroffener Familien ein anderes Bild: Schon der Beginn eines Schuljahres kostet Geld, das viele nicht haben. Schultaschen, Hefte, Stifte, Malkästen, Turnbeutel, Schreibtische, Ausflüge, Nachhilfe, digitale Ausstattung und laufende Beiträge summieren sich zu einer erheblichen Belastung.
Caritas und Diakonie weisen darauf hin, dass viele Familien beim Schulstart Unterstützung brauchen. Die Wiener Caritas bietet in ihren carla-Second-Hand-Läden Schulartikel zu günstigen Preisen an, Schultaschen gibt es dort bereits ab fünf Euro. Das ist konkrete Hilfe für jene, die sonst vor der Frage stehen, welche notwendigen Anschaffungen sie sich leisten können und welche nicht.
Doch gerade diese Hilfe macht auch sichtbar, wie tief das Problem reicht. In einem reichen Land wie Österreich sollte der Schulstart eines Kindes nicht davon abhängen, ob Hilfsorganisationen günstige gebrauchte Schulartikel anbieten können.
Bildungsgerechtigkeit als bürgerliches Versprechen
Caritasdirektor Klaus Schwertner stellt fest, dass die Chancen vieler Kinder noch immer stärker vom Einkommen und Bildungshintergrund der Eltern abhängen als von den eigenen Talenten. Damit ist ein zentraler Widerspruch des kapitalistischen Bildungssystems benannt. Die Schule behauptet, alle Kinder nach Leistung zu beurteilen. In Wirklichkeit kommen Kinder aber nicht mit denselben Voraussetzungen in die Klasse.
Ein Kind aus einer wohlhabenden Familie startet mit eigenem Zimmer, ruhigem Lernplatz, bezahlter Nachhilfe, Büchern, Freizeitangeboten, digitaler Ausstattung und Eltern, die Zeit und Ressourcen haben. Ein Kind aus einer armutsbetroffenen Familie startet vielleicht mit Geldsorgen, beengtem Wohnraum, überlasteten Eltern, fehlender Lernunterstützung und dem Wissen, dass jeder zusätzliche Schulbeitrag ein Problem werden kann.
Diese Unterschiede bleiben nicht vor der Klassentür stehen. Sie sitzen mit im Klassenzimmer. Sie wirken bei Hausübungen, Prüfungen, Konzentration, Selbstvertrauen, Ausflügen, Sprachförderung und Bildungswegen. Die bürgerliche Ideologie nennt das dann individuelle Leistung. Marxistisch betrachtet ist es die Reproduktion von Klassenverhältnissen.
Der Schulstart kostet, die Armut zahlt
Die Caritas verweist auf durchschnittliche Bildungskosten von rund 2.200 Euro pro Kind. Für Familien, die bereits bei Miete, Energie oder Lebensmitteln sparen müssen, sind solche Ausgaben keine Nebensache. Sie bedeuten Verzicht an anderer Stelle.
Die Diakonie weist darauf hin, dass rund 100.000 Volksschulkinder und 85.000 Kinder in der Unterstufe in einkommensarmen Haushalten leben. Laut der Schulkostenstudie der Arbeiterkammer Wien gaben 55 Prozent der Haushalte im untersten Einkommensdrittel an, bei den Schulkosten Abstriche machen zu müssen. Elf Prozent im ärmsten Einkommensdrittel konnten sich nicht alle notwendigen Anschaffungen leisten.
Das ist keine Randerscheinung, sondern Klassenrealität. Während einige Familien den Schulstart als organisatorische Aufgabe erleben, ist er für andere eine finanzielle Krise. Bildung beginnt damit nicht bei gleichen Chancen, sondern bei ungleichen Kontoständen.
Wohltätigkeit ersetzt keine soziale Politik
Die Angebote von Caritas und Diakonie lindern konkrete Not. Lerncafes, günstige Schulartikel, freiwillige Unterstützung und Projekte wie FREI.Spiel helfen vielen Kindern unmittelbar. Dass knapp 1.000 Kinder auf einen Platz in einem Lerncafe warten, zeigt aber gerade nicht nur den Wert solcher Angebote, sondern vor allem das Versagen der öffentlichen Bildungspolitik.
Wenn Kinder auf freiwillige Hilfe angewiesen sind, weil im regulären Schulalltag Zeit, Personal und Ressourcen fehlen, dann ist das kein funktionierendes Bildungssystem. Dann wird ein gesellschaftliches Grundrecht teilweise an karitative Strukturen ausgelagert. Die einen helfen ehrenamtlich, die anderen warten, und der Staat kann sich darauf verlassen, dass die schlimmsten Folgen von Armut irgendwie abgefedert werden.
Das ist die bekannte Logik im Kapitalismus: Soziale Schäden werden produziert, danach sollen Hilfsorganisationen, Freiwillige, Eltern und überlastete Beschäftigte reparieren, was politisch nicht gelöst wird. Wohltätigkeit wird zur Notstütze eines Systems, das Ungleichheit täglich neu hervorbringt.
Chancenbonus statt Klassenpolitik
Die Caritas bewertet zusätzliche Bildungsinvestitionen und den angekündigten Chancenbonus als Schritt in die richtige Richtung. 400 von 4.429 Pflichtschulen sollen Unterstützung erhalten. Natürlich ist jede zusätzliche Ressource an benachteiligten Schulstandorten besser als keine. Aber auch hier zeigt sich die Begrenztheit bürgerlicher Reformpolitik.
Ein Chancenbonus für einen Teil der Schulen ändert nichts daran, dass Bildungsungleichheit strukturell erzeugt wird. Er ändert nichts an Armut, Wohnungsnot, prekärer Beschäftigung, überlasteten Familien, teurer Nachhilfe, ungleichen Startbedingungen und fehlendem Personal. Er verteilt punktuell Mittel in einem System, das grundsätzlich nach sozialer Herkunft sortiert.
Was als „Chancenbonus“ verkauft wird, ist in Wahrheit ein Eingeständnis: Die Chancen sind nicht gleich. Und statt die Ursachen dieser Ungleichheit anzugreifen, wird ein begrenztes Korrekturprogramm aufgelegt. Das ist besser als offene Untätigkeit, aber weit entfernt von Bildungsgerechtigkeit.
Schule als Ort gesellschaftlicher Widersprüche
Die Schule kann die Klassengesellschaft nicht allein überwinden, weil sie selbst Teil dieser Gesellschaft ist. Sie soll Kinder fördern, sortiert sie aber gleichzeitig nach Leistung, Sprache, Herkunft, Unterstützung im Elternhaus und sozialer Stabilität. Sie verspricht Aufstieg, während sie bestehende Ungleichheiten oft bestätigt. Sie soll demokratische Teilhabe ermöglichen, während viele Kinder schon früh lernen, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind.
Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Elementarpädagoginnen und Elementarpädagogen leisten unter schwierigen Bedingungen wichtige Arbeit. Doch auch sie können fehlende gesellschaftliche Ressourcen nicht wegzaubern. Wenn Klassen zu groß sind, Schulsozialarbeit fehlt, psychologische Unterstützung nicht ausreicht und ganztägige Angebote fehlen, dann wird individuelle Förderung zur Überforderung.
Die Kinder bringen unterschiedliche Lebenserfahrungen in die Schule mit. Armut, Unsicherheit, beengtes Wohnen, familiäre Belastungen und fehlende Unterstützung verschwinden nicht, nur weil die Schulglocke läutet. Wer Bildung ernst nimmt, muss deshalb die sozialen Lebensbedingungen der Kinder ernst nehmen.
Bildung ist keine Ware
Bildung darf nicht als Investition in künftige Verwertbarkeit betrachtet werden. Kinder sind keine zukünftigen Arbeitskräfte, die möglichst effizient für den Standort vorbereitet werden sollen. Bildung muss der umfassenden Entwicklung des Menschen dienen: der Fähigkeit zu verstehen, zu urteilen, solidarisch zu handeln, die Welt zu begreifen und sie zu verändern.
Im Kapitalismus bleibt Bildung jedoch widersprüchlich. Einerseits braucht das Kapital qualifizierte Arbeitskräfte. Andererseits darf Bildung die Klassenordnung nicht grundlegend gefährden. Deshalb wird zwar von Chancengleichheit gesprochen, aber an den Eigentums- und Machtverhältnissen nicht gerüttelt. Die Kinder der Arbeiterklasse sollen es „schaffen können“, aber nur einzeln, durch besondere Anstrengung, nicht als Klasse durch Veränderung der Verhältnisse.
Die Schule wird damit zum Ort, an dem soziale Ungleichheit zugleich beklagt und reproduziert wird.
Was notwendig wäre
Notwendig wäre ein Bildungssystem, das tatsächlich vom Kind und seinen Bedürfnissen ausgeht. Dazu gehören kostenlose Schulmaterialien, kostenlose Nachmittagsbetreuung, kostenlose gesunde Verpflegung, kostenlose Ausflüge und Schulveranstaltungen, flächendeckende Schulsozialarbeit, ausreichend schulpsychologische Angebote, kleinere Klassen, mehr Personal, gut ausgebaute Elementarpädagogik und ganztägige Bildung ohne soziale Hürden.
Notwendig wären armutsfeste Sozialleistungen, eine Kindergrundsicherung, leistbares Wohnen, höhere Löhne, sichere Arbeit und eine Politik, die Familien nicht mit Almosen abspeist, sondern Armut beseitigt. Ein Schulausgleichsfonds, wie ihn die Diakonie fordert, kann kurzfristig helfen. Aber eine Gesellschaft, die Fonds braucht, damit Kinder an Schulveranstaltungen teilnehmen können, hat ein grundsätzliches Problem.
Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch einzelne Projekte, sondern durch gesellschaftliche Umverteilung, öffentliche Verantwortung und den Bruch mit der Logik, dass Bildungschancen vom Einkommen der Eltern abhängen dürfen.
In einer sozialistischen Gesellschaft wäre Bildung kein Mittel zur Sortierung nach Klassenlage, sondern ein gesellschaftliches Recht. Solange der Kapitalismus besteht, bleibt der Schulstart für viele Familien aber das, was er heute ist: ein weiterer Beweis dafür, dass selbst der erste Schultag nicht frei von Klassenverhältnissen ist.
Quelle: ORF
















































































