Seit dem von Israel ausgerufenen „Waffenstillstand“ im Gazastreifen hat sich die Gewalt in der besetzten Westbank dramatisch verschärft. Rund um Nablus eskaliert die Lage täglich: Israelische Siedler greifen palästinensische Dörfer an, die Armee riegelt ganze Regionen ab und verhindert selbst den Zugang zu medizinischer Versorgung. Immer mehr Beobachterinnen und Beobachter warnen davor, dass die Methoden, mit denen Israel den Gazastreifen verwüstet hat, nun auch systematisch auf die Westbank übertragen werden.
Tote und Verletzte
Die Zahlen zeichnen ein erschütterndes Bild. Seit Beginn des sogenannten Waffenstillstands im Gazastreifen im Oktober 2025 wurden im Gazastreifen mehr als 1.100 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet und über 3.600 verletzt. Unter den Getöteten befinden sich mindestens 282 Kinder. In der Westbank wurden seit Oktober 2023 rund 1.100 Menschen getötet, darunter fast 250 Kinder.
Allein 2026 starben bereits mehr als 60 Palästinenserinnen und Palästinenser. Währenddessen steigt auch die Zahl der Verletzten weiter an. Die israelische Tageszeitung Haaretz spricht von einer kontinuierlichen Verschärfung der Gewalt, die insbesondere die Region um Nablus trifft.
Siedlerangriffe unter militärischem Schutz
Auslöser der jüngsten Eskalation war ein Vorfall am Freitag im palästinensischen Dorf Tell südwestlich von Nablus. Israelische Siedler aus dem völkerrechtswidrigen Außenposten Havat Gilad drangen in das Dorf ein und bezeichneten ihren Einmarsch als Wanderung. Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, den erwarteten Angriff abzuwehren. Dabei wurden ein Siedler sowie ein israelischer Soldat getötet.
Die israelische Armee reagierte gemeinsam mit den Siedlern mit tödlicher Gewalt. Vier Palästinenser wurden erschossen. Bereits am Vortag hatten Soldaten und Siedler vier weitere Palästinenser in Beit Furik, Tubas und im Flüchtlingslager Schufat getötet.
In den darauffolgenden Tagen weitete sich die Gewalt massiv aus. Mit politischer Rückendeckung der Regierung Benjamin Netanjahus sowie der rechtsextremen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir griffen Siedler zahlreiche Dörfer rund um Nablus an und drangen sogar in die Stadt selbst vor.
Ganze Städte von der Außenwelt abgeschnitten
Parallel dazu verhängte die israelische Armee eine nahezu vollständige Abriegelung großer Teile der nördlichen Westbank. Sämtliche Zufahrten nach Nablus wurden geschlossen, zahlreiche Kontrollpunkte blockierten den Verkehr auch in Ramallah, Bethlehem und den umliegenden Dörfern.
Für die Bevölkerung bedeutet dies eine faktische Belagerung. Ambulanzfahrer berichten von stundenlangen Wartezeiten an militärischen Kontrollpunkten. Strecken, die gewöhnlich zwanzig Kilometer lang sind, verlängern sich durch Umwege auf bis zu hundert Kilometer.
Selbst zuvor genehmigte Krankentransporte werden an Kontrollpunkten angehalten. Ausweise werden fotografiert, Krankenwagen durchsucht und Patienten über Stunden festgehalten.
Medizinische Versorgung vor dem Zusammenbruch
Besonders dramatisch sind die Folgen für die Gesundheitsversorgung. Nach Angaben von Ärzte für Menschenrechte Israel sowie medizinischem Personal vor Ort mussten mehrere schwangere Frauen aufgrund der Straßensperren in Krankenwagen oder schlecht ausgestatteten Dorfkliniken entbinden.
Eine Frau aus dem Dorf Qaryut erlitt nach einer halbstündigen Verzögerung an einem israelischen Kontrollpunkt eine Fehlgeburt. Soldaten hatten den Rettungswagen gezwungen, den Motor abzustellen, wodurch medizinische Geräte zeitweise außer Betrieb gesetzt wurden. Das ungeborene Kind starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus.
In einem weiteren Fall brachte eine Frau ihr Kind auf der Fahrt in einem Rettungswagen zur Welt, nachdem sämtliche Zufahrten nach Nablus gesperrt geblieben waren und das Fahrzeug umgeleitet werden musste.
Ärzte in kleinen Landgemeinden berichten von lebensgefährlichen Zuständen. Da Blutbanken und spezialisierte medizinische Einrichtungen ausschließlich in Nablus vorhanden sind, können selbst behandelbare Komplikationen schnell tödlich enden. Teilweise vergehen Stunden, bis überhaupt eine Genehmigung für einen Krankentransport erteilt wird. Neben den Bewegungseinschränkungen verschärfen fehlende Medikamente und die finanzielle Krise des palästinensischen Gesundheitswesens die Lage zusätzlich.
Angriffe auf Krankenhäuser
Am Freitag drangen israelische Soldaten zudem in das Specialized Hospital in Nablus ein. Während einer Razzia wurden medizinische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefesselt und Patientinnen sowie Patienten festgenommen. Die Weltgesundheitsorganisation dokumentierte allein im Jahr 2025 bereits 233 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen, medizinisches Personal oder Rettungsfahrzeuge in der Westbank.
Menschenrechtsorganisationen sehen darin eine Entwicklung, die den Angriffen auf das Gesundheitswesen im Gazastreifen immer stärker ähnelt. Krankenhäuser, Rettungswagen und medizinisches Personal geraten zunehmend selbst zum Ziel militärischer Operationen.
Lokale Selbstverteidigung gegen Siedlergewalt
Angesichts der zunehmenden Übergriffe haben sich in der Region nach Angaben der israelischen Journalistin Amira Hass inzwischen rund siebzig lokale Verteidigungskomitees gebildet. Sie sollen Dörfer vor Angriffen bewaffneter Siedler schützen. Die Palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah reagiert dagegen zurückhaltend. Statt zum Widerstand aufzurufen, empfiehlt sie der Bevölkerung, Konfrontationen mit den Siedlern möglichst zu vermeiden.
Selbst innerhalb Israels wächst die Sorge über die Entwicklung. Rund 600 ehemalige Offiziere sowie frühere Vertreter der israelischen Sicherheitsbehörden wandten sich in einem offenen Brief an US-Präsident Donald Trump. Die Gruppe „Kommandeure für die israelische Sicherheit“ warnte vor einer drohenden Explosion der Lage in der Westbank und machte dafür ausdrücklich die Politik der israelischen Regierung sowie die Gewalt der von ihr unterstützten Siedler verantwortlich.
Während Netanjahu zu Gesprächen nach Washington reiste, verschärft sich die Situation für das palästinensische Volk weiter. Ganze Städte bleiben von der Außenwelt abgeschnitten, Krankenwagen werden aufgehalten und medizinische Hilfe systematisch behindert.
Quelle: Junge Welt/Al Jazeera

















































































