Über Schweine, Menschen und die politische Ökonomie der Tierindustrie.
Zwei Vorfälle innerhalb weniger Tage. In Niederösterreich und Vorarlberg geraten Fälle aus der Tierhaltung in die Öffentlichkeit. Schnell stellt sich die Frage nach Verantwortung: Wer hat versagt? Wurde zu wenig kontrolliert? Hat ein einzelner Tierhalter seine Pflichten verletzt? Diese Fragen müssen gestellt werden. Wo Menschen für Tiere verantwortlich sind, verschwindet diese Verantwortung nicht dadurch, dass wirtschaftlicher Druck besteht. Und dennoch greifen die Fragen zu kurz. Denn hinter dem einzelnen Vorfall steht eine gesellschaftlich organisierte Form der Tierhaltung, in der Millionen empfindungsfähige Lebewesen geboren, gemästet, transportiert und getötet werden. Ihre Körper werden Teil einer Produktionskette. Und deshalb lohnt es sich, nicht nur zu fragen, wer etwas falsch gemacht hat, sondern unter welchen materiellen Bedingungen diese Produktion überhaupt stattfindet.
Was braucht ein Schwein?
Beginnen wir nicht bei der Ökonomie, sondern beim Tier. Schweine sind soziale, neugierige und erkundungsfreudige Tiere. Sie beschäftigen sich unter natürlichen beziehungsweise naturnäheren Bedingungen einen erheblichen Teil ihrer aktiven Zeit mit der Erkundung ihrer Umwelt. Sie wühlen, suchen, untersuchen und manipulieren Materialien. Das verschwindet nicht, wenn ein Schwein in einem Stall geboren wird.
Die wissenschaftliche Literatur zeigt entsprechend deutlich, dass die Beschaffenheit seiner Umwelt Auswirkungen auf Verhalten und Gesundheit hat. Untersuchungen finden auf harten beziehungsweise perforierten Böden hohe Häufigkeiten von Veränderungen an Gliedmaßen und Schleimbeuteln. Einstreu und manipulierbares Material ermöglichen dagegen Verhaltensweisen, für die Schweine eine hohe Motivation besitzen. Auch Zusammenhänge mit Schwanzbeißen und bestimmten Erkrankungen werden untersucht.
Dabei ist Genauigkeit notwendig. Nicht jede Erkrankung eines Schweines auf Vollspaltenboden wird durch den Vollspaltenboden verursacht. Magengeschwüre beispielsweise haben verschiedene Ursachen; bei Atemwegserkrankungen sind die Forschungsergebnisse je nach Haltungssystem und Management nicht einheitlich. Auch Stroh allein verwandelt einen Stall nicht in eine tiergerechte Umgebung. Gerade deshalb sollten wir nicht nach einem einzelnen magischen Faktor suchen.
Ein Schwein braucht keine Bezeichnung wie „Tierwohlstall“. Es braucht konkrete Lebensbedingungen: ausreichend Platz, einen geeigneten Liegebereich, einen körperlich verträglichen Boden, Beschäftigungs- und Erkundungsmöglichkeiten, Sozialkontakt, ein geeignetes Stallklima und die Möglichkeit, wesentliche artspezifische Verhaltensweisen auszuüben.
Damit beginnt allerdings die nächste Frage.
Warum bekommt es diese Bedingungen häufig nicht?
Wenn aus einem Bedürfnis Kosten werden.
Mehr Platz klingt zunächst denkbar einfach. Für einen bestehenden Mastbetrieb bedeutet mehr Platz pro Tier aber möglicherweise: weniger Schweine im selben Stall. Weniger Tiere bedeuten weniger verkaufte Tiere. Andere Böden können Umbauten notwendig machen. Einstreu kann Arbeitsabläufe und Entmistung verändern. Ein neuer Stall bindet erhebliches Kapital. Das österreichische Forschungsprojekt IBeST hat solche Zusammenhänge untersucht. Bei acht untersuchten Mastbetrieben entstanden durch höhere Tierwohlstandards im Durchschnitt zusätzliche Kosten von rund 32 Euro pro Mastplatz und Jahr, wobei die Unterschiede zwischen den Betrieben enorm waren. Einen erheblichen Anteil machten Kapital- und zusätzliche Arbeitskosten sowie die geringere Belegung aus.
Diese große Streuung ist wichtig. Es gibt nicht die eine Zahl für „die Kosten des Tierwohls“. Ein bestehender Stall ist das Ergebnis früherer Investitionsentscheidungen. Was auf einem Betrieb relativ einfach verändert werden kann, verlangt auf einem anderen einen erheblichen Umbau. Ein Stall ist deshalb auch geronnene Geschichte. In Beton, Spalten, Güllekanälen, Buchtenmaßen und Lüftungssystemen stecken frühere Entscheidungen darüber, wie Schweine möglichst effizient gehalten werden sollen. Dafür wurde Kapital investiert, darauf wurden Arbeitsabläufe abgestimmt und möglicherweise Kredite aufgenommen.
Ändert sich unser Wissen oder unsere gesellschaftliche Auffassung darüber, was einem Tier zugestanden werden muss, trifft diese Erkenntnis auf eine bereits vorhandene materielle Infrastruktur. Das lässt sich am Stroh geradezu exemplarisch beobachten. Das Schwein möchte wühlen.
Der Güllekanal darf nicht verstopfen. Beide Aussagen können gleichzeitig wahr sein. Aber sie haben nicht denselben Ursprung. Das Bedürfnis nach Erkundung gehört zum Schwein. Der Güllekanal wurde von Menschen gebaut.
Die politische Frage lautet deshalb:
Welches von beiden passen wir an welches an?
Auch die Menschen stehen innerhalb dieser Verhältnisse.
Eine materialistische Betrachtung darf dabei nicht aus dem Tierhalter einen Bösewicht machen. Landwirtschaftliche Betriebe treffen Entscheidungen und tragen Verantwortung. Gleichzeitig treffen sie diese Entscheidungen nicht unter selbstgewählten Bedingungen. Schweinepreise schwanken. Futtermittel kosten Geld. Stallanlagen müssen finanziert werden. Schlachtkapazitäten und internationale Märkte beeinflussen den Absatz. Österreichische Schweinehalter haben sich deshalb unter anderem in Erzeugergemeinschaften und der Schweinebörse organisiert, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Auch spezialisierte Schweinebetriebe sind nicht pauschal arm. In guten Marktjahren können sie vergleichsweise hohe landwirtschaftliche Einkommen erzielen. Hinter diesen Einkommen stehen allerdings erhebliche Umsätze, Kapitaleinsatz, Familienarbeit und wirtschaftliches Risiko. Die Wirklichkeit ist deshalb komplizierter als zwei verbreitete Erzählungen. Tierhalter sind weder bloß hilflose Opfer eines Systems noch vollkommen freie Unternehmer, die unabhängig von ihren materiellen Bedingungen entscheiden. Sie besitzen Handlungsmacht und stehen gleichzeitig in Abhängigkeiten. Das gilt in anderer Form auch für die Menschen, die am anderen Ende des Tierlebens arbeiten.
Der ehemalige Metzger Peter Hübner berichtet aus eigener Erfahrung über die Arbeit des Tötens. Er war jahrelang selbst Teil dieser Produktion und spricht heute gerade deshalb darüber. Wer Menschen wie ihn lediglich als Täter betrachtet, verpasst einen wesentlichen Teil der Wirklichkeit: Auch das Töten von Tieren ist gesellschaftlich organisierte Arbeit. Das entschuldigt nichts. Aber es zwingt uns, genauer hinzusehen.
Der Markt beginnt nicht beim Konsumenten
Besonders deutlich wird dies beim Lebensmittelhandel. Der österreichische Lebensmitteleinzelhandel ist hoch konzentriert. Wenige große Unternehmen beherrschen den überwiegenden Teil des Marktes. Gleichzeitig gehört Fleisch zu den besonders aktionsintensiven Warengruppen. Damit wird eine häufig gehörte Aussage problematisch: Der Handel verkaufe lediglich das, was Konsumentinnen und Konsumenten verlangten. Natürlich beeinflusst Nachfrage das Angebot. Aber der Handel entscheidet gleichzeitig über Sortiment, Preis, Aktionen, Platzierung und Bewerbung. Nachfrage entsteht also nicht außerhalb des Marktes und wird anschließend nur bedient. Sie wird innerhalb des Marktes mitgeformt.
Wie groß die Handlungsmacht des Handels sein kann, zeigt ein österreichisches Beispiel aus der Vergangenheit. Nach jahrelangen Kampagnen gegen Käfigeier erklärten große Lebensmittelketten Mitte der 2000er-Jahre ihren Ausstieg aus dem Verkauf von Käfigeiern als Schaleneier. Ein Unternehmen folgte dem anderen. Schließlich war die problematische Haltungsform aus diesem Teil des österreichischen Einzelhandels weitgehend verschwunden, noch bevor das gesetzliche Verbot vollständig wirksam wurde. Der Eierkonsum brach deshalb nicht zusammen. Damit wurde etwas Entscheidendes erreicht: Millionen Konsumentinnen und Konsumenten mussten im Supermarkt nicht mehr täglich die moralisch „richtige“ Entscheidung treffen. Die Bedingungen, unter denen sie entschieden, waren verändert worden.
Beim Schweinefleisch gelang eine vergleichbare Branchenlösung zum Vollspaltenboden bislang nicht. Nach Darstellung des VGT war insbesondere mit SPAR keine entsprechende gemeinsame Vereinbarung möglich. Wegen des dazu bestehenden Konflikts und eines Rechtsstreits muss die genaue historische Verantwortung allerdings sorgfältig und aus mehreren Quellen rekonstruiert werden. Der Vergleich bleibt dennoch interessant.
Warum konnte ein problematischer Haltungsstandard beim Schalenei weitgehend aus dem Handel verschwinden, während dies beim Schweinefleisch bislang nicht gelang?
Die Antwort dürfte nicht allein in mangelndem Willen liegen. Schweinehaltung verlangt andere Investitionen, Fleisch besitzt eine andere Funktion in der Aktions- und Preiskonkurrenz, Produktionsketten unterscheiden sich und internationale Importe spielen eine wichtige Rolle.
Gerade deshalb müssen wir fragen, wo entlang dieser Kette Veränderung möglich ist und wer über die entsprechende Macht verfügt.
Wer bezahlt eigentlich Tierwohl?
Damit gelangen wir zu einer merkwürdig selten gestellten Frage. Immer wieder heißt es, höhere Tierwohlstandards seien teuer. Das stimmt zunächst. Mehr Platz kostet. Umbauten kosten. Einstreu kostet Material und Arbeitszeit. Eine geringere Besatzdichte kann die Zahl der produzierten Tiere reduzieren. Aber damit ist die ökonomische Frage noch lange nicht beantwortet. Denn Kosten verschwinden nicht, wenn man auf eine Verbesserung verzichtet. Sie werden nur anders getragen.Wenn der Landwirt die Verbesserung bezahlt, sinkt möglicherweise sein Einkommen.
Wenn der Staat sie finanziert, tragen die Kosten die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Wenn der Handel sie übernimmt, sinkt möglicherweise eine Marge. Wenn sie auf den Verkaufspreis aufgeschlagen werden, bezahlen die Konsumentinnen und Konsumenten. Und wenn niemand bereit ist, diese Kosten zu tragen? Dann trägt einen Teil davon das Tier – in Form der Lebensbedingungen, die wir ihm nicht zugestehen. Vielleicht lautet die gesellschaftliche Frage deshalb gar nicht:
Können wir uns bessere Lebensbedingungen für Tiere leisten?
Sondern:
Wie haben wir bisher entschieden, wer die Kosten dafür trägt, dass wir sie uns nicht leisten müssen?
Besser – aber nicht gut
Für den Tierrechtsaktivismus entsteht daraus ein schwieriger Widerspruch. Wer grundsätzlich infrage stellt, dass Tiere für menschliche Zwecke gezüchtet, benutzt und getötet werden, weiß: Ein besserer Stall löst das Grundproblem nicht. Das Schwein auf Stroh wird weiterhin produziert. Es wird weiterhin zur Ware. Es wird weiterhin getötet. Trotzdem macht es für dieses Schwein einen Unterschied, worauf es liegt, wie viel Platz es besitzt, ob es seine Umgebung erkunden kann und welche Verletzungen ihm erspart bleiben. Deshalb ist die Gegenüberstellung von Reform und Abolition möglicherweise zu einfach. Eine Reform kann zum Endpunkt erklärt werden: Wir verbessern die Haltung, und damit sei das Problem gelöst. Sie kann aber auch Teil einer weitergehenden Transformation sein.
Dann lautet die Haltung: Wir verändern heute, was heute verändert werden kann, ohne deshalb zu vergessen, was noch nicht verändert wurde.
Das österreichische Käfigei zeigt, dass solche Kämpfe materielle Verhältnisse verändern können. Ställe wurden umgebaut. Handelsentscheidungen änderten sich. Kontrollen wurden geschaffen. Gesetze folgten. Die Tiernutzung verschwand dadurch nicht. Aber ihre konkrete Form wurde verändert. Und vielleicht liegt genau darin die Aufgabe einer politischen Bewegung: nicht danach zu fragen, wie radikal eine Forderung klingt, sondern was sie tatsächlich verändert und welche weiteren Veränderungen sie möglich macht.
Marx und das Schwein
Marx und Engels waren keine Tierrechtstheoretiker. Es wäre historisch unredlich, sie dazu machen zu wollen. Wir brauchen das auch nicht. Marx beschreibt im Kapital, wie die kapitalistische Produktion die „Springquellen alles Reichtums“ untergräbt: die Erde und den Arbeiter. Natur erscheint hier nicht als unerschöpfliches Außen menschlicher Produktion. Engels wiederum betont in seiner Beschäftigung mit der Natur, dass zwischen Mensch und Tier kein metaphysischer Abgrund liegt, sondern Entwicklung und Zusammenhang bestehen. Daraus folgt keine marxistische Tierrechtstheorie. Aber Marx und Engels haben eine Methode hinterlassen, mit der wir gesellschaftliche Verhältnisse untersuchen können. Und wenden wir diese Methode auf die Tierindustrie an, müssen wir nicht mit Marx-Zitaten beginnen. Wir können mit einem Schwein beginnen. Wir betrachten seinen Körper und seine Bedürfnisse. Dann fragen wir, weshalb sein Stall so gebaut ist, wie er gebaut ist. Wir gelangen zu Arbeitszeit, Technik, Investitionen und Kapital. Von dort zu Preisen, Schlachtbetrieben und Handel. Weiter zu Förderungen, Gesetzgebung und politischen Kräfteverhältnissen. Und schließlich gehen wir zurück. Zum Schwein. Was bedeuten all diese gesellschaftlichen Vermittlungen für das konkrete Tier?
Nicht das Versagen eines Einzelnen
Damit erscheinen auch jene Vorfälle, von denen diese Überlegungen ihren Ausgang genommen haben, in einem anderen Licht. Persönliche Verantwortung bleibt bestehen. Wer Tiere hält, transportiert oder tötet, trägt Verantwortung für sein Handeln. Gesetze müssen eingehalten und Verstöße verfolgt werden. Aber die Erklärung darf dort nicht enden. Eine Gesellschaft, die jedes Jahr Millionen Tiere produziert, benötigt Ställe, Transporte, Schlachthöfe, Arbeitskräfte, Kapital, Absatzmärkte und politische Regeln. Sie schafft damit Bedingungen, innerhalb derer Tiere notwendig als wirtschaftliche Größen erscheinen. Das einzelne Schwein besitzt darin ein Gewicht. Ein Schlachtgewicht. Es besitzt einen Preis. Einen Mastplatz. Einen vorgesehenen Schlachttermin. Seine Bedürfnisse erscheinen dagegen als Kosten. Genau darin liegt ein grundlegender Widerspruch dieser Produktionsweise.
Und vielleicht sollten wir deshalb bei jedem Skandal nicht nur fragen:
Wer hat versagt?
Sondern auch:
Welche Verhältnisse haben wir geschaffen, in denen das Leben eines empfindungsfähigen Individuums notwendig gegen seine wirtschaftliche Verwertbarkeit abgewogen wird?
Das ist keine Entschuldigung für individuelles Fehlverhalten. Es ist die Voraussetzung dafür, mehr zu verändern als einzelne Fälle. Denn strengere Kontrollen können Verstöße verhindern. Bessere Haltungsvorschriften können Leiden reduzieren. Bewusstseinsarbeit kann Konsum verändern. Handelsvereinbarungen können ganze Produktgruppen verändern. Förderungen können Betrieben den Umstieg ermöglichen. All das ist notwendig und kann für Millionen Tiere einen realen Unterschied machen.
Aber solange Tiere selbst als Waren produziert werden, bleibt ein Widerspruch bestehen, den keine bessere Stalltechnik vollständig lösen kann.
Die Frage nach dem Boden, auf dem ein Schwein steht, ist deshalb wichtig.
Aber irgendwann müssen wir auch fragen, warum es dort überhaupt steht.





















































































