Die folgende Geschichte ist fiktiv. Doch die Wirklichkeit, aus der sie erzählt, ist real: Die US-Blockade gegen Kuba wird von der UN-Generalversammlung seit Jahrzehnten verurteilt; 2025 stimmten 165 Staaten für ihre Beendigung. Selbst UN-Sonderberichterstatter warnen vor schweren Auswirkungen des kriminellen US-Wirtschaftskrieges auf Nahrung, Medikamente, medizinische Ausrüstung und die Gesundheitsversorgung in Kuba.
Eine Nacht im Kinderkrankenhaus
Lucía war sieben Jahre alt und wog weniger, als ein Kind in diesem Alter wiegen sollte. Ihre Mutter sagte immer, sie sei trotzdem stark. Stark wie der Malecón, wenn die Wellen gegen Havanna schlagen. Stark wie die Großmutter, die noch wusste, wie die Revolution geklungen hatte, als sie jung war. Stark wie Kuba.
Aber in dieser Nacht war Lucía nicht stark. Sie lag in einem Bett in einem Kinderkrankenhaus in Havanna, zu groß für ihren kleinen Körper, zu weiß für ihr dunkles Haar, zu still für ein Kind, das sonst beim kleinsten Geräusch die Augen öffnete.
Neben ihr saß ihre Mutter, die eine Hand um Lucías Finger gelegt hatte. Nicht fest, nur so, dass das Kind spüren konnte: Ich bin da. Ich lasse dich nicht allein.
Die Ärztin kam zum dritten Mal in dieser Stunde ins Zimmer. Sie hieß Mariela. Ihre Augen waren müde, aber ihre Stimme blieb ruhig. So ruhig, wie Stimmen in Krankenhäusern werden, wenn die Wahrheit nicht mit einem Schlag gesagt werden darf.
„Wir warten noch“, sagte sie.
Die Mutter wusste, was das bedeutete. Sie warteten auf ein Medikament. Ein kleines Fläschchen, kaum größer als ein Daumen. In einem anderen Land wäre es vielleicht eine Bestellung gewesen, ein Klick, eine Lieferung.
In Kuba war es eine Hoffnung. Das Medikament wurde gebraucht, damit Lucías Körper die Operation überstehen konnte. Ihr Herz war schwach. Eine Entzündung hatte sich ausgebreitet. Die Ärztinnen und Ärzte hatten getan, was sie konnten. Sie hatten improvisiert, telefoniert, gesucht. Sie hatten mit Kliniken in anderen Provinzen gesprochen, mit Kolleginnen und Kollegen, mit Apotheken, mit Menschen, die Menschen kannten, die vielleicht jemanden kannten.
Aber das Fläschchen kam nicht.
Nicht, weil niemand wusste, was zu tun war. Nicht, weil es an Können fehlte. Nicht, weil die kubanischen Ärztinnen und Ärzte gleichgültig waren. Im Gegenteil. Sie kämpften um dieses Kind, als wäre es ihr eigenes.
Das Problem lag nicht im Zimmer, nicht im Krankenhaus, nicht einmal auf der Insel allein. Es lag in einem Netz aus Verboten, Sanktionen, verweigerten Geschäften, blockierten Zahlungen und politischer Erpressung. Die Ursache: Die US-Wirtschaftsblockade, die selbst die Einfuhr lebensnotwendiger Medikamente stoppt.
Eine Operation, die warten musste
Lucías Vater kam kurz nach Mitternacht. Als er ins Zimmer trat, roch er nach Nachtluft und Angst.
„Und?“, fragte er.
Die Mutter schüttelte nur den Kopf.
Mariela erklärte es noch einmal. Die Operation sei notwendig. Das Team sei bereit und der Chirurg sei da. Das Blut sei organisiert. Der Operationssaal könne vorbereitet werden. Aber ohne das Medikament sei das Risiko zu groß.
„Wie lange?“, fragte der Vater.
Diese Frage kann in einem Krankenhaus brutal sein. Nicht, weil sie falsch ist. Sondern weil niemand sie beantworten kann, ohne etwas in den Menschen zu zerbrechen.
„Wir versuchen alles“, sagte Mariela.
Und sie log nicht. In dieser Nacht versuchten sie alles. Eine junge Ärztin rief bei einem Kollegen in Santiago de Cuba an. Ein Pfleger fuhr mit einem Motorrad zu einer anderen Klinik. Eine Apothekerin suchte in Bestandslisten, die längst mehr Lücken als Einträge hatten. Ein Techniker prüfte ein Gerät, das eigentlich längst ersetzt werden müsste. Eine Krankenschwester blieb nach Dienstende, weil Lucía jedes Mal ruhiger atmete, wenn sie ihr die Stirn kühlte.
Im Gang stand eine Gruppe von Ärztinnen und Ärzten über Akten gebeugt. Nicht resigniert. Sondern angespannt, wach, trotzig. Sie hatten gelernt, mit Mangel zu arbeiten.
Die US-Regierung behauptet seit Jahrzehnten, ihre Politik richte sich nicht gegen das kubanische Volk. Aber was ist ein Volk ohne seine Kinder? Was ist eine Sanktion, wenn sie am Ende im Körper eines kranken Kindes ankommt? Was ist eine Blockade, wenn nicht genau das: ein politischer Würgegriff um den Hals eines Landes?
UN-Expertinnen und ‑Experten beschreiben schwere Engpässe bei Medikamenten und medizinischer Ausrüstung in Kuba; betroffen seien unter anderem pädiatrische Onkologie, Krebstherapien, kardiovaskuläre Erkrankungen, Diagnostik, Sauerstoffsensoren, Antibiotika, CT- und MRT-Geräte sowie Ersatzteile.
Die Ärztin, die nicht aufgab
Mariela trat kurz auf den Balkon des Krankenhauses. Es war noch dunkel. Sie dachte an Lucía. An ihre Mutter. An den Vater, der versucht hatte, nicht vor seinem Kind zu weinen. An die vielen Kinder, die sie behandelt hatte. An die vielen Male, in denen es nicht an Wissen gefehlt hatte, sondern an einem Ersatzteil, einem Reagenz, einem Katheter, einem Medikament, einer Lieferung, einer Überweisung, die keine Bank abwickeln wollte.
Sie hatte in Kuba Medizin studiert, nicht um reich zu werden. Niemand wurde hier reich mit Kinderherzen, Fieberkurven und Nachtschichten. Sie hatte Medizin studiert, weil die Revolution ihr gesagt hatte, dass ein Kind auf dem Land denselben Anspruch auf Behandlung hat wie ein Kind in der Hauptstadt. Dass Gesundheit kein Luxus ist. Dass ein Menschenleben nicht vom Geldbeutel abhängen darf.
Und jetzt stand sie da, in einem Krankenhaus eines armen Landes, das trotzdem Ärztinnen und Ärzte ausbildete, Impfkampagnen organisierte, Kinder kostenlos behandelte und medizinische Solidarität in andere Länder geschickt hatte – während das mächtigste imperialistische Land der Welt seit mehr als sechs Jahrzehnten versuchte, diese Insel in die Knie zu zwingen.
Warum? Nicht, weil Kuba eine militärische Gefahr für die USA wäre. Nicht, weil elf Millionen Menschen auf einer Insel den nordamerikanischen Imperialismus bedrohen könnten wie eine Armee vor seinen Grenzen. Sondern weil Kuba etwas viel Gefährlicheres gezeigt hat: dass ein Volk den Kapitalisten, Großgrundbesitzern, Konzernen und ihren ausländischen Herren die Macht entreißen kann.
Das ist es, was Washington Kuba nicht verzeiht. Nicht die Armut, nicht die Fehler und auch nicht seine Widersprüche. Sondern die Revolution.
Warum das Imperium Kuba erdrosseln will
Der Imperialismus duldet keine wirkliche Unabhängigkeit, wenn sie seine Eigentumsordnung infrage stellt. Genau deshalb wird Kuba bestraft. Die Blockade soll Mangel erzeugen. Der Mangel soll Unzufriedenheit erzeugen. Die Unzufriedenheit soll gegen die Revolution gewendet werden. Und am Ende soll das kubanische Volk zu dem Schluss gedrängt werden: Gebt auf.
Das ist der zynische Kern dieses Wirtschaftskrieges: Erst würgt man ein Volk, dann zeigt man auf seine Atemnot und nennt sie das Versagen des Sozialismus.
Lucías Morgen
Gegen fünf Uhr früh kam ein Anruf. Es war nicht die perfekte Lösung, auch kein Wunder, aber vielleicht eine Möglichkeit.
In einer Klinik außerhalb Havannas war ein Restbestand gefunden worden. Nicht genug für viele. Aber genug für Lucía. Ein Fahrer war unterwegs. Die Ampulle musste geprüft werden, die Dosierung angepasst, die Operation neu geplant werden.
Als Mariela ins Zimmer trat, sah die Mutter sie an, bevor sie etwas sagte.
„Es gibt eine Chance“, sagte die Ärztin. Mehr nicht. Aber in diesem Satz lag eine ganze Welt.
Der Vater setzte sich. Die Mutter küsste Lucías Hand. Die Krankenschwester zog leise die Vorhänge ein Stück auf. Über Havanna wurde es hell. Niemand in diesem Raum glaubte an Wunder. Sie glaubten aber an die Pflicht, ein Kind nicht aufzugeben.
Als Lucía später auf der Intensivstation lag, war sie noch nicht gerettet. Aber sie lebte.
Kuba atmet schwer unter der Blockade. Doch es atmet, es lebt, es kämpft. Und genau das ist es, was das Imperium nicht erträgt.
Denn jedes gerettete Kind, jede geöffnete Schule, jede Ärztin in einem Dorf, jede internationale medizinische Brigade, jede rote Fahne, jede Erinnerung an Martí, Mella, Fidel und Che sagt dem Imperialismus: Ihr habt uns hungern lassen. Ihr habt uns isoliert. Ihr habt uns gedemütigt. Ihr habt uns die Luft genommen. Aber ihr habt uns nicht gebrochen.
Lucía ist fiktiv. Die Blockade ist es nicht.
Und solange irgendwo auf Kuba eine Ärztin in der Nacht um das Leben eines Kindes kämpft, während Washington von Demokratie schwafelt und ein Volk wirtschaftlich stranguliert, bleibt unsere Aufgabe klar: Solidarität mit Kuba. Schluss mit der Blockade. Nieder mit dem Imperialismus.





















































































