Die Huthis, offiziell Ansar Allah, konnten innerhalb von zwei Tagen die gesamte jemenitische Rotmeerküste unter ihre Kontrolle bringen und verstärken damit den Druck auf den weltweiten Ölhandel erheblich.
Jemen. Die mit dem Iran verbündeten Huthis haben am Freitag ihre Stellung in der Meerenge Bab al-Mandab („Tor der Tränen“) am Roten Meer stark ausgeweitet; neben der gesamten Westküste des Jemen dürften sie auch alle vier wichtigen Inseln in Bab al-Mandab unter ihre Kontrolle gebracht haben. Am Donnerstag hatten die Huthis die Hafenstadt Mokka eingenommen und von da an ging alles ganz schnell. Nach dem Rückzug der jemenitischen Regierungstruppen aus Mokka drangen die Huthis am Freitag nach Süden vor, nahmen Dhubab und weitere Küstenorte ein und besetzten die vorgelagerten Hanisch-Inseln und in weiterer Folge die Insel Perim. Dadurch ist volle Kontrolle über die Meerenge Bab al-Mandab und damit über eine der wichtigsten Schifffahrts-Routen der Welt erreicht, über die zehn bis zwölf Prozent des Welthandels fließen. Und dies bei bislang weitgehend ausbleibender Gegenwehr durch die von Saudi-Arabien gestützte jemenitische Regierung.
Nicht nur die offizielle Regierung des Jemen, sondern auch Saudi-Arabien und letztlich auch die USA geraten damit gehörig unter Druck. Für Saudi-Arabien geht es um eine erhebliche Herausforderung seiner wirtschaftlichen, militärischen, aber auch beanspruchten spirituellen Vormachtstellung (aufgrund der Kontrolle über Mekka und Medina, Zentren des sunnitischen Islams) in der Region. Seit der Iran im Zuge des Krieges die Straße von Hormus blockiert hat, ist Saudi-Arabien – der größte Erdölexporteur der Welt – fast vollständig auf die Ost-West-Pipeline angewiesen, die Rohöl vom Golf quer durch das Land zum Rotmeer-Terminal Yanbu pumpt. Yanbu wickelte im Juni dieses Jahres 92 Prozent der saudischen Seeölexporte ab, immerhin sieben Millionen Barrel pro Tag. Schon im Juli hatten die Huthis eine Seeblockade gegen saudische Schiffe erklärt und die Aramco-Anlagen in Jizan und Yanbu angegriffen – die ersten direkten Angriffe auf saudische Ölinfrastruktur seit 2022. Nach neuerlichen Angriffen am Donnerstag hat Saudi-Arabien angekündigt, die Ost-West-Pipeline vorsorglich zu schließen. Im Stich gelassen wurde Saudi-Arabien dieses Mal auch von den USA. Zwei Anrufe des saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman bei US-Präsident Trump konnten keine Luftangriffe der USA gegen die Huthis erwirken, Trump bleibt vorläufig bei Unterstützung mit Aufklärung und Beratung. Die Beratung freilich sollte kein Problem sein, nachdem sich mehr als 100 US-Militärberater in Saudi-Arabien befinden dürften.
Für Saudi-Arabien bedeutet die gegenwärtige Entwicklung tatsächlich eine erhebliche wirtschaftliche Bedrohung: So ist das BIP Saudi-Arabiens im zweiten Quartal 2026 um 4,8 Prozent geschrumpft – der Ölsektor brach um 25 Prozent ein. Angesichts der Sperre der Straße von Hormus durch den Iran und der nunmehrigen Kontrolle des Roten Meeres durch die Huthis sind weitere Einbrüche im Ölsektor zu erwarten. Die Huthis sprechen davon, dass sich die Seeblocke derzeit ausschließlich gegen saudi-arabische Schiffe wenden soll. Es ist dies die Rechnung für einen seit 2015 mehr oder weniger andauernden Krieg, der in Jemen von einer von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition geführt wird. Zwischen März 2015 und Beginn des fragilen Waffenstillstands im April 2022 sind durch 25.000 saudische Luftschläge über 9.000 Todesopfer und über 10.000 Verletzte unter der jemenitischen Zivilbevölkerung zu beklagen gewesen. Begleitet ist dies von schwersten humanitären Versorgungskrisen, die durch die neuerlichen Auseinandersetzungen über 21 Millionen Menschen im Jemen betreffen. Gegenwärtig sind mehr als zwei Millionen Kinder unter 5 Jahren akut unterernährt, und damit ist dies eine der schlimmsten humanitären Krisen weltweit.
Dabei gab es seit der „Waffenruhe“ mit April 2022 bereits die eine oder andere Annäherung zwischen den Huthis und Saudi-Arabien. Im April, September und Dezember 2023 kam es sogar zu gegenseitigen Besuchen hochrangiger Delegationen in Sanaa und Riad, der Abschluss eines Abkommens zwischen den beiden Kriegsparteien stand in Aussicht. Seitdem ist aber viel passiert. Die Dynamik des 7. Oktobers 2023, der Genozid Israels an palästinensischen Volk, der Krieg der USA gegen den Iran, die Besetzung Südlibanons und zunehmende Terrorisierung der besetzten Westbank durch Israel, die Bombardierungen des Iraks durch die USA und Saudi-Arabien im Juli dieses Jahres, die gesamte Region erlebt eine Zuspitzung der Konflikte.
Dem Iran ist es gemeinsam mit den Huthis nun gelungen, dem US-Imperialismus und seinen Verbündeten Grenzen aufzuzeigen und ökonomische Achillesfersen dieser Welt zu treffen, ob dies behagen mag oder nicht. Treffen wird es allerdings uns alle, da die Energiepreise enorm in die Höhe klettern werden. Wer aber sind diese Huthis, die im Westen bis vor kurzem bestenfalls als Randnotiz wahrgenommen worden sind?
Die Wurzeln der aktuellen Konflikte liegen – laut Einschätzung der deutschen Bundeszentrale für Politische Bildung – in der zunehmend autoritären und spalterischen Herrschaft des Langzeit-Präsidenten Ali Abdallah Salih, der seit 1978 Nordjemen und seit der Vereinigung mit dem Süden 1990 den gesamten Jemen regierte. Insbesondere im Norden habe Salih Misstrauen zwischen den Stämmen gesät, um sie gegeneinander aufzubringen und ihre Handlungsfähigkeit zu schwächen. Zudem marginalisierte er die mit dem traditionellen Herrschaftssystem verbundene schiitische Strömung der Zayditen, der er selbst entstammte. Die Zayditen bilden innerhalb des Islams einen Zweig der Schiiten, sie werden manchmal auch „Fünfer-Schiiten“ genannt. In den Ländern Iran, Aserbaidschan, Irak und Bahrain stellen hingegen die Zwölfer-Schiiten die Bevölkerungsmehrheit.
Die Marginalisierung der Zayditen gelang Salih unter anderem dadurch, indem er Saudi-Arabien erlaubte, die Ausbreitung der Wahhabiten (eine puristisch-traditionalistische Strömung des sunnitischen Islam) im Jemen zu fördern. Auch aufgrund dieser Politik entstanden die Huthis, die sich im Widerstand gegen die politische und kulturell-religiöse Marginalisierung der Zayditen formierten. Der Name der Gruppe geht auf die sie anführende Familie al-Huthi zurück. Von 2004 bis 2010 lieferten sich die Huthis in der Provinz Sa’da mit der Regierung Salih eine Abfolge von sechs brutalen Kriegen.
Die Proteste des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 richteten sich vor allem gegen Präsident Salih, er wurde 2012 von dessen Stellvertreter Abd Rabbo Mansur Hadi als Übergangspräsident die Regierungsgeschäfte abgelöst. Zwar sollten eine Reform des Sicherheitssektors und eine Nationale Dialogkonferenz dabei helfen, die im Zuge der Protestbewegung entstandene Spaltung von Bevölkerung, Politik und Militär zu überwinden, doch die vereinbarten Reformen wurden nur halbherzig umgesetzt. Sie krankten unter anderem daran, dass neue politische Kräfte, wie die Huthis, die an den Protesten von 2011 beteiligte „Jugend“ und die „Südliche Bewegung“, die die Unabhängigkeit des Südens anstrebt und aus der der Südübergangsrat hervorging, vom Transitionsprozess ausgeschlossen blieben.
Die Huthis gingen 2014 allerdings eine Allianz mit dem gestürzten Salih ein. Diese Allianz kontrollierte ab September 2014 die Hauptstadt Sanaa. Im Dezember 2017 wurde Salih von den Huthis getötet, die seitdem die alleinige Kontrolle über Sanaa und den Norden des Landes ausüben. Dort haben sie in den letzten Jahren zunehmend ihre Macht konsolidiert und einen repressiven Polizeistaat aufgebaut. Sie gelten als Verbündete des Iran. Die Huthis verfügen heute über vielleicht sogar 200.000 Kämpfer und verzeichnen zunehmenden Zulauf. Auf jeden Fall sind sie ein Machtfaktor in Jemen, der nun der offiziellen Regierung zum Verhängnis werden könnte.
Nach dem praktisch verlorenen Krieg der USA gegen den Iran werden die Karten im nahen und mittleren Osten also gerade neu gemischt. Geopolitische Interessen und der Zugriff auf fossile Energie bestimmen die Politik und die Wahl der Mittel. Dabei erweisen sich militärische Lösungen mehr denn je als Illusion, mit gravierenden Folgen für die Völker der gesamten Region und für die arbeitenden Menschen weltweit, die an den enormen Preissteigerungen nicht nur im Energiesektor leiden. Höchste Zeit, um die Kriegstreiber zu stoppen!
Quellen: ORF/ORF/junge Welt/bpb.de





















































































