Schon einmal etwas von einem „Molekularen Kleber“ gehört? Wenn sich 18.000 Forscherinnen und Forscher beim weltweit größten wissenschaftlichen Kongress zu Krebstherapien, beim ASCO (Chicago), zu Standing Ovations hinreißen lassen, dann muss es sich um einen herausragenden Fortschritt in der Krebsforschung oder ‑therapie handeln.
Chicago/Wien. Ein solch bahnbrechender Erfolg könnte möglicherweise erzielt worden sein, zumindest bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, einer sehr aggressiven Krebsform, bei der 5 Jahre nach der Diagnose nur etwa 1 von 8 bis 9 Patientinnen und Patienten noch am Leben ist. Das neue Medikament Daraxonrasib, ein molekularer Kleber, wurde soeben in der dritten und somit letzten Phase klinisch getestet. Verglichen mit einer klassischen Chemotherapie verdoppelten die Tabletten die Überlebenszeit bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, der schon Metastasen gebildet hatte, von durchschnittlich sechs auf 13 Monate. 500 Krebspatientinnen und ‑patienten waren in diese Studie inkludiert. Für Bauchspeicheldrüsenkrebs ist dies der größte bisher durch eine Therapie erzielte Erfolg, der nun Anfang Juni beim ASCO präsentiert wurde. Möglich wurde dieser nach etwa 10 Jahren Forschung mit molekularen Klebern.
Das Prinzip ist – zumindest vom Grundgedanken – einfach: Chemische Moleküle kleben zwei Proteine zusammen, die normalerweise im Körper nicht interagieren würden. Genauer bringen diese Moleküle ein Zielprotein, zum Beispiel ein gefährlich mutiertes, krebstreibendes Protein, gezielt mit einer E3-Ligase zusammen und bildet einen hochspezifischen Komplex. Nachfolgend kann der Proteinkomplex durch das zelluläre Recyclingsystem, das Proteasom, abgebaut werden.
Es kann sogar mehr als ein Abbauweg aktiviert werden, was das größte Problem bei „Degrader-Systemen“ im Moment – die Entwicklung von Resistenzen – vermeiden hilft. In Österreich ist hier ein Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, das neu gegründete AITHYRA-Institut in Wien, in der Forschung vorne mit dabei: Am Institut konnte gezeigt werden, dass ein einzelnes Wirkstoffmolekül gleich zwei unabhängige „Entsorgungssysteme“ gleichzeitig aktivieren kann.
Mit dem gleichen Prinzip von Molekularklebern können auch zwei Proteine zusammengehalten werden, um sie zu stabilisieren: etwa jene Zellen, die durch einen stabilen Komplex die Beta-Zellen schützen. Beta-Zellen sind die Insulin-produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse; ihre Insulin-Ausschüttung sorgt für die lebensnotwendige Regulation des Blutzuckerspiegels. Beta-Zellen werden durch eine anhaltend hohe Belastung durch Zucker und Fette im Blut – die sogenannte Glukolipotoxizität – geschädigt und schließlich zerstört. Wenn sie durch molekulare Kleber besser geschützt werden können, wie gezeigt wurde, so ist dies ein wichtiger Baustein in der Behandlung von Diabetes Typ 2, einer unserer häufigsten chronischen Erkrankungen, die mit ungesunder Ernährung einhergeht.
Insgesamt erwartet sich die Forschung durch die Entwicklung molekularer Kleber eine Vielzahl neuer Therapieoptionen. Hier steht man erst am Anfang der Möglichkeiten, hier ist auch noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig, um für verschiedenste Erkrankungen die entsprechende Anwendung zu entwickeln. Trotzdem kann man sich den Begriff „Molekularer Kleber“ schon mal merken.
Quellen: NEJM / ORF / DGP / DGP


















































































