Toronto/Wien. Der österreichisch-kanadische Unternehmer und Magna-Gründer Frank Stronach ist in Kanada in zwei von fünf verbliebenen Anklagepunkten wegen sexueller Übergriffe schuldig gesprochen worden. Nach Berichten des kanadischen Senders CBC erkannte der Ontario Superior Court den 93-Jährigen in Bezug auf zwei Frauen je einmal wegen sexueller Nötigung sowie sexueller Belästigung für schuldig. In drei weiteren Anklagepunkten wurde Stronach nicht schuldig gesprochen.
Stronach hatte sämtliche Vorwürfe stets zurückgewiesen. Das Urteil betrifft den ersten von zwei Prozessen gegen ihn. Ein weiterer Geschworenenprozess in Newmarket im kanadischen Bundesstaat Ontario wurde auf Mai 2027 verschoben und soll mehrere Wochen dauern.
Vorwürfe über mehrere Jahrzehnte
Ursprünglich war Stronach mit zwölf Anklagepunkten konfrontiert. Im Verlauf des Verfahrens wurden mehrere Punkte zurückgezogen oder fielen weg. Am Ende standen in Toronto fünf Anklagepunkte im Zusammenhang mit drei Frauen zur Entscheidung. Die Vorwürfe, die in diesem Prozess behandelt wurden, reichen nach den vorliegenden Berichten in den Zeitraum von 1977 bis 1990 zurück.
Laut mehreren kanadischen Medien hatten insgesamt 13 Frauen Vorwürfe gegen Stronach erhoben. Im Prozess in Toronto ging es um Aussagen und Vorwürfe von sieben Frauen. Die übrigen Vorwürfe sollen im kommenden Verfahren behandelt werden.
Damit steht einer der bekanntesten österreichisch-kanadischen Kapitalisten nicht mehr nur als Unternehmerfigur und Möchtegern-Politiker im öffentlichen Blick, sondern als verurteilter Täter in einem Verfahren wegen sexueller Übergriffe.
Der Mythos des erfolgreichen Kapitalisten
Stronach wurde über Jahrzehnte als Paradebeispiel kapitalistischen Aufstiegs präsentiert: vom Auswanderer zum Konzernherrn, vom Werkzeugmacher zum Milliardär, vom Unternehmer zum politischen Akteur. Diese Erzählung ist ideologisch aufgeladen. Sie soll zeigen, dass im Kapitalismus jede und jeder „es schaffen“ könne, wenn nur Einsatz, Disziplin und Durchsetzungsfähigkeit vorhanden seien.
Doch solche Geschichten verschweigen stets die gesellschaftlichen Bedingungen von Reichtum und Macht. Konzerne entstehen nicht durch die Leistung einzelner „Genies“, sondern durch die Arbeit vieler. Die Profite großer Unternehmen beruhen auf der Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern, auf globalen Lieferketten, auf staatlicher Unterstützung, auf Marktstellung und auf Eigentum an Produktionsmitteln.
Der Unternehmermythos macht aus gesellschaftlicher Arbeit privaten Ruhm. Er verklärt Klassenmacht zur persönlichen Erfolgsgeschichte.
Patriarchale Gewalt und gesellschaftliche Macht
Der Schuldspruch gegen Stronach muss auch im Zusammenhang patriarchaler Machtverhältnisse betrachtet werden. Sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung sind keine bloßen privaten Entgleisungen einzelner Männer. Sie entstehen in einer Gesellschaft, in der Macht ungleich verteilt ist – zwischen Männern und Frauen, zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten, zwischen Reichen und Abhängigen, zwischen gesellschaftlich Einflussreichen und jenen, deren Stimme viel zu oft erst spät gehört wird.
Gerade in Fällen, die mächtige Männer betreffen, zeigt sich, wie schwer es für Betroffene sein kann, Vorwürfe öffentlich zu machen und rechtlich durchzusetzen. Wer über Geld, Netzwerke, Ansehen und juristische Ressourcen verfügt, betritt einen Gerichtssaal nicht unter denselben Bedingungen wie eine Arbeiterin, eine Angestellte oder eine ökonomisch abhängige Frau.
Das bedeutet nicht, Urteile vorwegzunehmen oder rechtsstaatliche Verfahren zu ersetzen. Es bedeutet aber, die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse nicht auszublenden. Bürgerliche Gleichheit vor dem Gesetz existiert formal. Materiell aber bleibt sie durch Klasse, Geschlecht, Vermögen und gesellschaftliche Stellung geprägt.
Späte Gerechtigkeit und ihre Grenzen
Dass Vorwürfe, die Jahrzehnte zurückreichen, überhaupt vor Gericht verhandelt werden, zeigt auch die Langsamkeit und Begrenztheit bürgerlicher Justiz. Für Betroffene bedeutet ein Verfahren oft jahrelange Belastung, öffentliche Aufmerksamkeit, erneute Konfrontation mit dem Erlebten und das Risiko, nicht geglaubt zu werden.
Der Schuldspruch in zwei Punkten ist daher rechtlich bedeutsam. Zugleich bleibt festzuhalten: Justiz kann individuelle Schuld feststellen, aber sie beseitigt nicht automatisch die gesellschaftlichen Strukturen, die patriarchale Gewalt ermöglichen und begünstigen.
Wir dürfen uns nicht von den glänzenden Fassaden der Herrschenden blenden lassen. Hinter Konzernmythen, Stiftungsrhetorik und Unternehmerlegenden stehen konkrete Klassenverhältnisse. Und in diesen Klassenverhältnissen wirkt patriarchale Gewalt nicht zufällig, sondern als Teil einer Gesellschaft, in der Macht, Abhängigkeit und Schweigen oft eng miteinander verbunden sind.
Der Schuldspruch gegen Frank Stronach ist deshalb mehr als eine Nachricht aus einem kanadischen Gerichtssaal. Er ist ein weiterer Riss im Bild des unantastbaren Kapitalisten.
Quelle: ORF



















































































