Rohrbach/Innsbruck. Das Österreichische Weltraum Forum hat sechs neue Analog-Astronautinnen und Analog-Astronauten vorgestellt. Unter ihnen ist mit der aus Rohrbach stammenden Physikerin Claudia Gollner auch eine Österreicherin. Sie wurde als einzige Kandidatin aus Österreich unter hunderten Bewerberinnen und Bewerbern aus ganz Europa ausgewählt. Einige der neuen Analog-Astronautinnen und Analog-Astronauten werden an der AMADEE-27 Mars-Simulation in Portugal teilnehmen.
Bei der internationalen Mars-Missions-Simulation werden sechs Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Aufenthalt auf dem Roten Planeten unter möglichst realitätsnahen Bedingungen simulieren. Federführend ist das Österreichische Weltraum Forum mit Sitz in Innsbruck. Dessen Direktor, der aus St. Florian bei Linz stammende Astrophysiker Gernot Grömer, beschäftigt sich seit den frühen 2000er-Jahren mit Marsforschung und Analog-Missionen.
Forschung unter simulierten Marsbedingungen
Analog-Astronautinnen und Analog-Astronauten agieren, wie Grömer erklärt, „in Analogie zu künftigen Marsmissionen“. Es geht also um konkrete wissenschaftliche Vorbereitung. In Portugal soll erprobt werden, wie Menschen, Maschinen und wissenschaftliche Instrumente unter Bedingungen zusammenwirken, die jenen einer künftigen Marsmission möglichst nahekommen.
Dabei stehen Experimente zur Mensch-Maschine-Zusammenarbeit ebenso im Mittelpunkt wie geowissenschaftliche Untersuchungen. So sollen bei der kommenden Mission erstmals mehr Roboter als Menschen eingesetzt werden. Das entspricht einer Entwicklung, die in der modernen Raumfahrt zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Ziel solcher Simulationen ist es, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen, Risiken zu reduzieren und Fehler bereits auf der Erde zu machen – nicht erst auf dem Mars. Das ist wissenschaftlich sinnvoll und praktisch notwendig. Jede reale Marsmission wäre mit enormem technischem, organisatorischem und finanziellen Aufwand verbunden. Umso wichtiger ist es, Abläufe vorher zu testen und Erkenntnisse systematisch auszuwerten.
Wissenschaft als kollektive Arbeit
Solche Projekte zeigen, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht das Werk einzelner „Genies“ ist, sondern Ergebnis kollektiver Arbeit. Analog-Missionen verbinden Physikerinnen und Physiker, Ingenieurinnen und Ingenieure, Geologinnen und Geologen, Medizinerinnen und Mediziner, Technikerinnen und Techniker sowie viele weitere Fachkräfte.
Auch die Auswahl von Claudia Gollner zeigt, dass wissenschaftliche Arbeit auf Ausbildung, Disziplin, Teamfähigkeit und gesellschaftlich geschaffenen Voraussetzungen beruht. Niemand gelangt in ein solches Projekt losgelöst von Schulen, Universitäten, Forschungsinstitutionen, öffentlicher Infrastruktur und internationaler Kooperation. Die einzelne Leistung ist real, aber sie steht immer auf dem Fundament gesellschaftlicher Arbeit.
Der Mars als wissenschaftliche Herausforderung
Rund 50 unbemannte Missionen haben sich bisher mit dem Roten Planeten beschäftigt. Rover auf der Oberfläche liefern wichtige Daten über Geologie, Klima und die frühere Entwicklung des Planeten. Nach Angaben von Gernot Grömer zeigen diese Roboter, dass der Mars vor rund dreieinhalb Milliarden Jahren deutlich erdähnlicher war als heute. Es gab stehende Gewässer, und der Planet war offenbar lebensfreundlicher als in seiner heutigen Form.
Heute ist der Mars eine lebensfeindliche Wüste. Die Atmosphäre besteht hauptsächlich aus Kohlendioxid, die durchschnittliche Temperatur liegt bei etwa minus 68 Grad Celsius, und Staubstürme prägen die Oberfläche. Gerade diese Bedingungen machen den Planeten zu einer enormen wissenschaftlichen und technischen Herausforderung.
Eine bemannte Marsmission, die Grömer in etwa 20 bis 30 Jahren für möglich hält, würde höchste Anforderungen an Technik, Planung, Energieversorgung, medizinische Sicherheit, Robotik, Kommunikation und menschliche Belastbarkeit stellen. Analog-Missionen wie AMADEE-27 leisten dazu wichtige Vorarbeit.
Fortschritt nicht dem Profit überlassen
Raumfahrt und Marsforschung sind jedoch nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten. Auch wissenschaftlicher Fortschritt findet in einer Welt statt, die von Kapitalismus, Konkurrenz und imperialistischen Machtinteressen geprägt ist. Gerade im Bereich der Raumfahrt zeigt sich immer deutlicher, wie private Konzerne, militärische Interessen und staatliche Forschungsprogramme ineinandergreifen.
Die wissenschaftliche Erforschung des Mars ist zu begrüßen. Sie erweitert menschliches Wissen, treibt technische Entwicklung voran und zeigt, wozu planvolle, kollektive Arbeit fähig ist. Problematisch wird es dort, wo Raumfahrt zur Bühne privater Milliardäre, zur militärischen Infrastruktur oder zum Geschäftsfeld zukünftiger Rohstoffinteressen gemacht wird.
Wissenschaft darf nicht den Profitinteressen einzelner Konzerne untergeordnet werden. Gerade weil Projekte wie Mars-Simulationen hohe gesellschaftliche Bedeutung haben, müssen Forschung, Bildung und technische Entwicklung öffentlich, transparent und am Nutzen der Allgemeinheit orientiert sein.
Erkenntnis statt Eroberungsfantasie
Die positive Bedeutung der AMADEE-27-Mission liegt daher nicht in einer kolonialen Fantasie von „Eroberung“ des Mars. Sie liegt in der wissenschaftlichen Erkenntnis. Der Mars ist kein Ausweichplanet für eine zerstörte Erde und kein neues Geschäftsfeld für kapitalistische Expansion. Er ist ein Forschungsobjekt, das uns hilft, Planetengeschichte, Klimaentwicklung, Geologie, Robotik und die Grenzen menschlicher Technik besser zu verstehen.
Gute Wissenschaft beginnt dort, wo sie nicht mystifiziert, sondern erklärt. Die Marsforschung zeigt, wie eng Naturwissenschaft, Technik und gesellschaftliche Organisation miteinander verbunden sind. Sie macht deutlich, dass große Ziele nur durch planvolle Zusammenarbeit erreicht werden können.
Entscheidend ist also, dass Forschung nicht zur Spielwiese von Konzernen und Militärs wird, sondern Teil eines gesellschaftlichen Fortschritts bleibt, der Wissen, Kooperation und Menschheitsinteresse in den Mittelpunkt stellt.
Der Blick zum Mars ist dann am wertvollsten, wenn er zugleich den Blick auf die Erde schärft: auf die Bedingungen, unter denen Wissenschaft entsteht, auf die gesellschaftliche Arbeit, die sie ermöglicht, und auf die Frage, wem technischer Fortschritt dienen soll.
Quelle: ORF


















































































