Die Ereignisse rund um die untersagte Demonstration der Identitären Bewegung am 25. Juli 2026 in Wien haben in den vergangenen Tagen zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Für die einen war sie ein Beweis dafür, dass sich der Staat endlich klar gegen den Faschismus positioniere. Für die anderen ein Angriff auf die Versammlungsfreiheit.
Dabei geriet ein anderer Aspekt beinahe aus dem Blick.
Nicht jede Entscheidung rund um eine Demonstration ist in erster Linie politisch motiviert. Das Versammlungsrecht regelt Fristen, Zuständigkeiten und die Nutzung öffentlicher Plätze. Wer selbst Kundgebungen organisiert, kennt diese Abläufe. Ist ein Platz bereits vergeben, wird ein anderer vorgeschlagen. Wo mit Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen zu rechnen ist, sorgt die Polizei für räumlichen Abstand. Das dient zunächst der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung – unabhängig davon, welche politische Position vertreten wird.
Die eigentliche Frage liegt jedoch an anderer Stelle:
Welche Rolle spielen Demonstrationen überhaupt?
Demonstrationen sind wichtig.
Sie machen sichtbar, dass Menschen mit ihren Anliegen nicht allein sind. Sie geben Mut. Sie schaffen Begegnungen. Sie zeigen, dass gesellschaftliche Widersprüche nicht nur im Privaten existieren, sondern öffentlich werden. Nehmen wir als Beispiel den 1. Mai. Denn gerade der 1. Mai erinnert seit über einem Jahrhundert daran, dass die Arbeiterbewegung ihre Anliegen nicht im Verborgenen vertritt, sondern gemeinsam auf die Straße trägt.
Wer einmal Teil einer großen Demonstration war, kennt dieses Gefühl. Menschen, die sich vorher nicht kannten, gehen denselben Weg. Für einige Stunden wird erfahrbar, dass die eigenen Sorgen und Hoffnungen geteilt werden. Diese Erfahrung ist politisch wertvoll.
Doch eine Demonstration allein verändert noch keine Gesellschaft.
Sie kann Aufmerksamkeit schaffen. Sie kann Kräfte bündeln. Sie kann ein Zeichen setzen. Aber sie ersetzt keine Organisation. Gerade deshalb stellt sich nach jeder Demonstration dieselbe Frage:
Was geschieht am nächsten Tag?
Werden die Transparente eingerollt und verschwindet die gemeinsame Erfahrung wieder im Alltag? Oder entsteht daraus etwas Dauerhaftes?
Als Kommunistinnen und Kommunisten beantworten wir von der Partei der Arbeit diese Frage anders als viele spontane Protestbewegungen. Für uns endet Politik nicht mit der Kundgebung. Sie beginnt dort oft erst.
Georgi Dimitroff beschrieb den Faschismus als die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten und imperialistischsten Elemente des Finanzkapitals. Unabhängig davon, wie einzelne historische Entwicklungen heute bewertet werden, verweist seine Analyse auf einen entscheidenden Gedanken: Faschismus entsteht nicht aus einzelnen Vorurteilen oder besonders aggressiven Persönlichkeiten allein, sondern aus gesellschaftlichen Machtverhältnissen.
Wenn das zutrifft, reicht es nicht aus, lediglich gegen seine Erscheinungsformen zu demonstrieren.
Dann braucht es Organisation.
Es braucht politische Bildung.
Es braucht Solidarität im Betrieb.
Es braucht Gewerkschaften, Parteien, Nachbarschaften und Vereine.
Es braucht Menschen, die sich auch dann noch begegnen, wenn die Lautsprecher verstummt sind.
Deshalb ist der 1. Mai weit mehr als eine Demonstration. Er ist Ausdruck einer Bewegung, die das ganze Jahr über arbeitet, lernt, diskutiert und organisiert.
Vielleicht sollten wir Demonstrationen deshalb weder überschätzen noch unterschätzen.
Sie sind kein Selbstzweck.
Sie sind auch kein Ersatz für politische Arbeit.
Sie sind ein Höhepunkt gemeinsamer Erfahrung – und zugleich ein Ausgangspunkt.
Die eigentliche Frage lautet nicht, wie viele Menschen heute auf der Straße waren.
Die entscheidende Frage lautet, wie viele morgen gemeinsam weitergehen.


















































































