Der Luft- und Seekrieg zwischen der Ukraine und Russland spitzt sich zu. Beide Staaten haben massive Probleme mit ihren Schwarzmeerhäfen. Während der Schiffsverkehr auf russischer Seite eingeschränkt ist, besteht in Odessa seit zehn Tagen eine vollständige Sperre.
Moskau/Kiew. Die Ukraine hatte im Juni und Juli die Hafeninfrastruktur und Schiffe im Asowschen Meer, das in das Schwarze Meer mündet, angegriffen, ebenso die Halbinsel Krim. Damit ist der Schiffsverkehr Russlands stark eingeschränkt. Die Russische Föderation hat aber noch Zugang zu anderen Meeren und vor allem einen Landweg, der aber nicht in der Lage ist, die Kapazitätsverluste zu Wasser auszugleichen. Betroffen sind industrielle Produkte, vor allem aber Getreide und andere landwirtschaftlichen Waren, die Südrussland üblicherweise über das Schwarze Meer verlassen.
Russlands Antwort
Man musste kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass die ukrainischen Angriffe von Russland beantwortet werden würden. So führte Russland in den letzten Wochen eine Luftangriffskampagne gegen Häfen im Großraum Odessa durch und griff auch Schiffe an, von denen es behauptete, sie würden militärische Fracht für die Ukraine transportieren. Seit mindestens zehn Tagen ist der Schiffsverkehr von und nach den Häfen im Groraum Odessa komplett eingestellt. Große Reedereien wie Maersk fahren die ukrainischen Häfen nicht mehr an, weil das Risiko zu groß und Versicherungen zu teuer sind.
Riesenprobleme bedeutet dies für die ukrainischen Landwirte. Sie können derzeit de facto kein Getreide an die Großhändler verkaufen, da diese die Annahme in Odessa verweigern. Das führt zu einem massiven Preisverfall bei Weizen, Mais, Sonnenblumen, Sojabohnen und anderen Produkten. Alternative Wege sind der rumänische Donauhafen Constanta und der Transport per Bahn. Bei beiden steigen gerade die Transportpreise massiv an und es können nicht die benötigten Mengen transportiert werden. Bisherige Großabnehmer vor allem auf dem afrikanischen Kontinent können so nicht errreicht werden.
Auch die ukrainische Stahlindustrie ist betroffen, da sie ihre Waren nicht verschiffen kann. In einigen Werken wurde die Produktion vorübergehend eingestellt. Noch vor einer Woche tönte der ukrainische Minister für Agrarpolitik und Ernährung, Taras Vysotskyi: „Ein Tag auf unserem Markt hat keinerlei Auswirkungen auf das gesamte Exportvolumen eines (Vermarktungs-)Jahres. Auch eine Woche hat keine Auswirkungen. Ein Monat ebenfalls nicht. Mehrere Monate – das hätte bereits Auswirkungen“. Dem steht entgegen, dass sich des Handelsbilanzdefizit der Ukraine bereits ohne Hafenblockade brutal verschlechtert. Im zweiten Quartals dieses Jahres importierte die Ukraine Waren im Wert von 25,9 Milliarden US-Dollar, während sie nur 10,9 Milliarden US-Dollar exportierte.
Staatsfinanzen kollabieren, neoliberaler Umbau im Gange
Neben einer zu erwartenden Insolvenzwelle vor allem im Agrarbereich führt das zu massiven Einnahmenverlusten des Staates. Der Staatshaushalt, der ohnehin nur durch die permanenten Finanzspritzen der EU und des IWF vor dem Kollaps bewahrt wird, kommt dadurch in noch größere Schieflage. Es wird sicher nicht lange dauern, und Selenskyj wird wieder bei „Tante Ursula“ in Brüssel vorstellig werden und neues Geld verlangen.
Der IWF-Weltwirtschaftsausblick vom April 2026 prognostiziert einen Anstieg der öffentlichen Verschuldung der Ukraine von 89,7 % des BIP Ende 2024 auf 122,6 % im Jahr 2026 und einen Höchststand von 137,1 % im Jahr 2027. Der Zugang zu günstigen Finanzierungsquellen ist dem Staat schon lange verwehrt, er wird aber durch zinslose „Darlehen“ der EU über Wasser gehalten, von denen niemand annimmt, dass die Ukraine sie jemals zurückzahlen wird. Strenger gestaltet sich die Finanzierung durch den IWF. Die Ukraine muss auch in Kriegszeiten die Rückzahlungsvereinbarungen früherer Kredite einhalten, so dass sich neue Kredite des IWF und Rückzahlungen übers Jahr meist die Waage halten. Von IWF, EU und anderen Geldgebern kommen bereits massive Forderungen nach Privatisierung, Sozialabbau und der Erhöhung von Steuern, Strom- und Gastarifen. Spätestens nach dem Krieg wird die Ukraine voll in den Sog des Neoliberalismus geraten. Das bedeutet mehr noch als jetzt schon massenhafte Armut, Obdachlosigkeit und die Verscherbelung von Volkseigentum.
Russland hat im Vergleich nur eine Schuldenquote von 16,9 Prozent des BIP und gehört damit zu den Ländern mit den geringsten Staatsschulden. Bedingt durch die vielen Sanktionen wurden Auslandsschulden massiv abgebaut und der russische Staat ist vor allem im Inland verschuldet. Man muss also auch kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass Russland die Folgen des Seekriegs besser in der Lage ist zu bewältigen, als die Ukraine.
Quellen: Strana/Berliner Zeitung/KrokFin/CEIC-Data



















































































