Eine Serie in der Zeitung der Arbeit. Von Daniela Noitz, Schriftstellerin, Autorin und Aktivistin der Partei der Arbeit.
„Die Löhne waren einfach zu hoch.“
„Die Gewerkschaft war zu unnachgiebig.“
„Unter diesen Bedingungen konnten wir nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren.“
Ein Unternehmen schließt seinen Standort. Arbeitsplätze gehen verloren. In den Medien wird nach den Ursachen gefragt und die Erklärung scheint schnell gefunden: Die Kosten waren zu hoch, die Konkurrenz aus dem Ausland zu billig. Vielleicht haben die Beschäftigten tatsächlich mehr verdient als anderswo. Vielleicht gab es einen harten Kampf um Löhne und Arbeitsbedingungen.
Aber nehmen wir an, wir erfahren anschließend noch etwas anderes. Die Verlagerung der Produktion war schon länger vorbereitet worden. In den Jahren zuvor wurden Gewinne ausgeschüttet, während am bisherigen Standort Investitionen zurückgingen. Plötzlich wird aus der einfachen Erklärung eine kompliziertere Geschichte. Vielleicht waren die Löhne tatsächlich ein Faktor. Aber warum wurden gerade sie zur Erklärung?
Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben
Der Begriff begegnet uns fast überall. Unternehmen müssen wettbewerbsfähig sein, ebenso Branchen, Standorte und ganze Volkswirtschaften. Österreich muss wettbewerbsfähiger werden, Europa darf seine Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren. Dagegen lässt sich zunächst schwer etwas sagen. Wer wollte schon nicht wettbewerbsfähig sein? Das Gegenteil klingt nach Rückständigkeit, wirtschaftlichem Versagen und schließlich nach dem Verlust von Arbeitsplätzen.
Aber was bedeutet der Satz eigentlich? Wer ist dieses „Wir“, das wettbewerbsfähig bleiben muss? Gegenüber wem soll es bestehen? Und woran erkennen wir, ob es wettbewerbsfähig genug ist?
Wer ist dieses Wir?
Für ein Unternehmen sind Löhne zunächst Kosten. Höhere Löhne erhöhen unter sonst gleichen Bedingungen die Produktionskosten. Wenn ein Konkurrent dieselbe Ware billiger herstellen kann, entsteht daraus ein reales Problem. Aber für die Beschäftigten ist derselbe Lohn keine Belastung. Er ist ihr Einkommen und damit die Voraussetzung dafür, Miete, Lebensmittel, Kleidung und andere Waren und Dienstleistungen bezahlen zu können. Schon verändert sich das Bild. Wenn von „unserer Wettbewerbsfähigkeit“ gesprochen wird, werden unterschiedliche Interessen sprachlich zu einem gemeinsamen Interesse zusammengefasst. Eine Lohnsenkung kann die Kosten eines Unternehmens reduzieren und gleichzeitig das Einkommen seiner Beschäftigten verringern. Beides geschieht zur selben Zeit. Deshalb lohnt sich eine weitere Frage: Wer trägt eigentlich die Kosten unserer Wettbewerbsfähigkeit?
Warum immer die Löhne?
Besonders interessant wird es, wenn bestimmte Kosten regelmäßig als Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit erscheinen. Löhne seien zu hoch. Die sogenannten Lohnnebenkosten belasteten den Standort. Sozialleistungen könnten wir uns im internationalen Wettbewerb nicht mehr leisten. Umwelt- oder Arbeitsschutzauflagen machten die Produktion zu teuer. All das kann Kosten verursachen. Aber es sind nicht die einzigen Kosten. Wie wenig selbstverständlich ihre Gewichtung ist, zeigt ein Blick auf die Bekleidungsindustrie. Nach Angaben der Clean Clothes Campaign machen die Produktionslöhne bei den meisten Kleidungsstücken kaum mehr als drei Prozent des späteren Ladenpreises aus. Wie viel davon auf ein bestimmtes Produkt eines bestimmten Herstellers entfällt, lässt sich daraus nicht ableiten. Aber ein Blick auf veröffentlichte Konzernzahlen zeigt, dass es noch ganz andere Größen gibt. Nike gab beispielsweise im Geschäftsjahr 2025 rund 4,7 Milliarden Dollar für sogenanntes „Demand Creation“, vor allem Marken- und Sportmarketing, aus. Im selben Jahr flossen rund 5,3 Milliarden Dollar über Dividenden und Aktienrückkäufe an die Aktionäre. Diese Zahlen lassen sich nicht auf den Preis eines einzelnen T‑Shirts oder Schuhs herunterrechnen. Aber sie erlauben eine andere Frage: Warum erscheint in Diskussionen über Wettbewerbsfähigkeit ausgerechnet der Lohn so häufig als jene Größe, an der gespart werden muss?
Vielleicht müssen wir dafür nicht nur auf Kosten schauen, sondern auch auf Macht. Kosten lassen sich besonders dort leicht senken, wo diejenigen, die die Folgen tragen, wenig Möglichkeiten haben, sich dagegen zu wehren. Genau deshalb ist es ein Unterschied, ob einzelne Beschäftigte einem Unternehmen gegenüberstehen oder ob sie sich beispielsweise gewerkschaftlich organisieren. Wettbewerbsfähigkeit sagt uns noch nicht, wer verzichten soll.
Und wer soll das alles kaufen?
Damit entsteht ein weiterer Widerspruch. Was für ein einzelnes Unternehmen Kosten sind, ist an anderer Stelle Einkommen. Für das einzelne Unternehmen kann es durchaus vernünftig sein, seine Lohnkosten möglichst niedrig zu halten. Es lebt schließlich nicht ausschließlich davon, dass die eigenen Beschäftigten seine Produkte kaufen. Es verkauft auf einem größeren Markt. Aber was geschieht, wenn alle dasselbe tun? Wenn Löhne gedrückt und Sozialleistungen gekürzt werden, sinken nicht nur Kosten. Es werden auch Einkommen begrenzt. Was in der einen Rechnung als Belastung erscheint, kann in einer anderen Kaufkraft bedeuten. Die einfache Antwort wäre nun: Dann müssen eben die Löhne steigen, damit wieder mehr gekauft wird. Aber auch damit wäre das Problem nur teilweise beschrieben. Denn das einzelne Unternehmen steht weiterhin in Konkurrenz zu anderen Unternehmen und kann sich diesem Verhältnis nicht einfach durch guten Willen entziehen. Wir müssen deshalb noch einmal weiter hinauszoomen.
Was für einen gut ist, muss nicht für alle gut sein
Häufig begegnet uns die Vorstellung, dass ein gutes gesellschaftliches Ergebnis entsteht, wenn jeder seine eigenen wirtschaftlichen Interessen möglichst erfolgreich verfolgt. Der einzelne Unternehmer müsse lediglich das Beste für sein Unternehmen tun; der Wettbewerb sorge anschließend dafür, dass daraus auch für die Gesellschaft insgesamt etwas Gutes entsteht. Aber lässt sich vom Einzelnen tatsächlich auf das Ganze schließen? Ein Unternehmen kann seine Kosten senken, indem es niedrigere Löhne zahlt. Wenn viele Unternehmen dasselbe tun, werden zugleich Einkommen begrenzt. Ein Unternehmen kann durch Rationalisierung einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten gewinnen. Wenn Rationalisierung gesellschaftlich Arbeit einspart, stellt sich jedoch eine andere Frage für Menschen, die darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ein Unternehmen kann Marktanteile gewinnen. Alle Unternehmen können aber nicht gleichzeitig ihren Anteil am selben Markt vergrößern. Und ein Unternehmen kann seine Produktion dorthin verlagern, wo Löhne, Steuern oder Umweltstandards niedriger sind. Wenn viele Unternehmen und Staaten derselben Logik folgen, kann daraus ein Wettbewerb darum entstehen, wer die günstigeren Bedingungen für Kapital bietet. Was für das einzelne Unternehmen vernünftig ist, muss deshalb für das gesellschaftliche Ganze noch lange nicht vernünftig sein.
Brauchen Menschen Konkurrenz?
An dieser Stelle begegnet uns häufig ein anderes Argument: Ohne Konkurrenz gäbe es keinen Fortschritt. Wenn Menschen nicht gezwungen wären, besser, schneller oder erfolgreicher zu sein als andere, weshalb sollten sie sich überhaupt anstrengen? Aber Menschen handeln aus sehr unterschiedlichen Gründen. Sie forschen aus Neugier. Sie wollen ein Problem lösen. Sie möchten etwas schaffen, das es vorher nicht gab. Sie suchen Anerkennung, messen sich mit anderen oder wollen herausfinden, ob eine Idee funktioniert. Bedeutende wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen entstanden nicht ausschließlich deshalb, weil den Beteiligten ein möglichst hoher finanzieller Gewinn winkte. Auch Wettbewerb verschwindet nicht, wenn die wirtschaftliche Existenz nicht von ihm abhängt. Menschen können sich miteinander messen, voneinander lernen und sich gegenseitig anspornen. Und sie können gleichzeitig zusammenarbeiten. Die Alternative zur ökonomischen Konkurrenz lautet deshalb nicht: Alle Menschen werden gleich und niemand möchte mehr etwas Besonderes leisten. Die interessantere Frage lautet: Brauchen wir die wirtschaftliche Notwendigkeit, andere zu übertreffen, damit Menschen Neues schaffen?
Wenn Konkurrenz zum Zwang wird
Damit kommen wir zu Karl Marx – und zu einem entscheidenden Unterschied. Marx betrachtet Konkurrenz nicht in erster Linie als Ergebnis besonders ehrgeiziger, egoistischer oder gar schlechter Unternehmer. Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Kapitalen ist vielmehr ein Mechanismus, durch den sich die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise gegenüber dem einzelnen Kapital durchsetzen. Ein Unternehmer muss also nicht besonders gierig sein, um Kosten zu senken. Wenn seine Konkurrenten produktiver herstellen und ihre Waren deshalb günstiger anbieten können, gerät er selbst unter Druck. Er muss versuchen, ebenfalls produktiver zu werden, neue Technik einzusetzen, Arbeitsabläufe zu verändern, Kosten zu reduzieren oder neue Märkte zu erschließen. Tut er es nicht, kann er Marktanteile verlieren oder ganz vom Markt verschwinden. Was im Kapital selbst angelegt ist, tritt dem einzelnen Kapital durch die Konkurrenz als äußerer Zwang gegenüber.
Das verändert die Betrachtung grundlegend. Das Problem lässt sich nicht dadurch lösen, Unternehmerinnen und Unternehmer aufzufordern, einfach verantwortungsvoller oder weniger gierig zu sein. Sie handeln innerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse, die bestimmte Handlungen belohnen und andere sanktionieren. Und Konkurrenz erhält nicht einmal notwendig jene Vielzahl gleich starker Konkurrenten, die das Idealbild des Wettbewerbs nahelegt. Wer verliert, kann verschwinden; wer gewinnt, kann wachsen. Marx beschreibt deshalb neben der Akkumulation auch die Zentralisation des Kapitals: Größere Kapitale können kleinere verdrängen, übernehmen oder deren Marktanteile an sich ziehen. Der Wettbewerb verändert damit selbst die Bedingungen, unter denen der nächste Wettbewerb stattfindet.
Vom einzelnen Unternehmen zur Gesellschaft
Jetzt können wir noch einmal zu unserem Unternehmen vom Anfang zurückkehren. Vielleicht war es für dieses einzelne Unternehmen tatsächlich vernünftig, die Produktion zu verlagern. Vielleicht hätte es andernfalls Marktanteile verloren. Vielleicht waren seine Entscheidungen innerhalb der bestehenden Konkurrenzbedingungen sogar zwingend. Aber damit ist noch nicht beantwortet, ob das Ergebnis auch gesellschaftlich vernünftig ist. Genau hier liegt die Grenze einer Betrachtung, die beim einzelnen Unternehmen stehen bleibt. Wenn ein Unternehmen seine Löhne senkt, verbessert es möglicherweise seine Kostenposition. Wenn alle Unternehmen ihre Löhne drücken, werden zugleich Einkommen begrenzt. Wenn ein Unternehmen Arbeitskräfte durch produktivere Technik ersetzt, kann es einen Wettbewerbsvorteil gewinnen. Wenn dies gesellschaftlich geschieht, verändert sich zugleich die Lage jener Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Wenn ein Unternehmen an einen billigeren Standort ausweicht, kann dies seine Position verbessern. Wenn viele Unternehmen damit drohen können, verändert das die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital, Beschäftigten und Staaten.
Die Gesellschaft ist eben nicht einfach die Summe voneinander unabhängiger Einzelentscheidungen. Was der eine tut, verändert die Bedingungen, unter denen andere handeln müssen. Jeder Einzelne kann innerhalb dieser Verhältnisse vollkommen rational handeln – und trotzdem muss daraus gesellschaftlich kein vernünftiges Ergebnis entstehen. Vielleicht müssen wir deshalb nicht zuerst fragen, ob einzelne Unternehmen ausreichend wettbewerbsfähig sind. Vielleicht sollten wir fragen, was geschieht, wenn eine ganze Gesellschaft ihre Entscheidungen danach ausrichtet, im Wettbewerb bestehen zu müssen.
Denn aus der Tatsache, dass Konkurrenz existiert, folgt noch nicht, dass sie ein Naturgesetz ist. Und aus dem Satz „Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben“ folgt noch lange nicht, wer wettbewerbsfähiger werden soll, gegenüber wem, zu welchem Zweck – und auf wessen Kosten.
Nachgefragt
Begriff der Woche: Wettbewerbsfähigkeit
Frage zum Weiterdenken:
Wenn eine politische oder wirtschaftliche Entscheidung mit unserer Wettbewerbsfähigkeit begründet wird: Wer ist dieses „Wir“ – und welche anderen Möglichkeiten verschwinden vielleicht aus dem Blick, sobald der Wettbewerb selbst nicht mehr hinterfragt wird?
Nächsten Freitag
Wörter, die uns die Welt erzählen (10): Zinsen – Wenn Geld scheinbar arbeitet
„Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten“, heißt es immer wieder. Aber kann Geld tatsächlich arbeiten? Woher kommen die Zinsen, die ein Vermögen wachsen lassen – und wer muss den zusätzlichen Wert hervorbringen, der am Ende als Ertrag erscheint?
Quellen: Karl Marx, Grundrisse, Abschnitt „Competition“/Karl Marx, Das Kapital, Band I, Kapitel 25/Clean Clothes Campaign, „When I buy a garment, what portion of the cost goes to the workers?“/Nike, Annual Report/Form 10‑K 2025 und FY2025





















































































