Wien. Ab 2027 wird Strom in Österreich nach einer neuen Logik verrechnet. Zumindest bei den Netzentgelten soll künftig nicht mehr hauptsächlich entscheidend sein, wie viel Strom ein Haushalt verbraucht, sondern zunehmend auch, wie viel Leistung innerhalb einer Viertelstunde gleichzeitig aus dem Netz bezogen wird. Die E‑Control verkauft das als große Modernisierung des Stromsystems. Die Menschen sollen ihren Verbrauch besser verteilen, Lastspitzen vermeiden und sich möglichst „netzdienlich“ verhalten.
Was technisch zunächst vernünftig klingt, hat einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Beigeschmack: Nachdem die Bevölkerung jahrelang zum Energiesparen aufgefordert wurde, soll sie künftig auch noch lernen, zur richtigen Uhrzeit Strom zu verbrauchen. Wer das nicht kann, muss unter Umständen tiefer in die Tasche greifen.
Die moderne Energiewirtschaft hat damit eine neue Erziehungsaufgabe entdeckt. Nicht mehr nur die verbrauchte Strommenge zählt. Auch der Feierabend gehört jetzt auf den Prüfstand.
Die teuerste Viertelstunde des Monats
Mit der neuen Systemnutzungsentgelte-Grundsatzverordnung führt die E‑Control schrittweise einen leistungsabhängigen Tarif auch für private Haushalte und kleinere Betriebe auf Netzebene 7 ein. Entscheidend ist künftig die höchste durchschnittliche Leistungsaufnahme innerhalb einer Viertelstunde pro Monat.
Wer beispielsweise nach der Arbeit das Elektroauto lädt, während die Waschmaschine läuft und gekocht wird, kann damit eine Leistungsspitze erzeugen, die sich auf die Netzkosten des gesamten Monats auswirkt.
Die Umstellung beginnt grundsätzlich am 1. Jänner 2027. Je nach Netzbetreiber kann sie bis spätestens Juli 2028 verschoben werden. Innerhalb von drei Jahren soll der Leistungspreis schrittweise stärker gewichtet werden. Ziel ist eine Entgeltstruktur, bei der rund die Hälfte der Netzkosten über die Leistung und die andere Hälfte über die verbrauchte Strommenge abgerechnet wird.
Die konkreten Tarife sollen erst im Dezember festgelegt werden. Wie stark einzelne Haushalte tatsächlich be- oder entlastet werden, lässt sich daher noch nicht abschließend sagen.
Die E‑Control betont, dass das gesamte Netzentgeltaufkommen durch die Umstellung nicht steigen soll. Es werde lediglich anders verteilt.
Der Feierabend als technischer Störfall
Die neue Tariflogik unterstellt, dass Menschen ihren Stromverbrauch möglichst gleichmäßig über den Tag verteilen können. Doch der Alltag der Arbeiterinnen und Arbeiter funktioniert nicht nach den Tabellen der Energiewirtschaft.
Wer morgens das Haus verlässt und abends zurückkommt, hat nur begrenzt Einfluss darauf, wann gekocht, gewaschen oder ein Fahrzeug geladen wird. Familien können ihre Haushaltsarbeit nicht beliebig über den Tag verteilen. Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter haben ohnehin keine geregelten Tagesabläufe. Pflegebedürftige Menschen können elektrische Geräte nicht einfach abschalten, weil gerade ein günstigeres Zeitfenster vorbei ist.
Aber solche Probleme lassen sich in einer betriebswirtschaftlichen Modellrechnung wunderbar ausblenden. Dass hinter jedem Stromanschluss Menschen mit Arbeitszeiten, Kindern, gesundheitlichen Bedürfnissen und begrenztem Einkommen stehen, wird schnell zur störenden Nebensache.
Die Botschaft lautet dann sinngemäß: Wer mehr zahlt, hat seinen Stromverbrauch eben nicht intelligent genug organisiert.
Das ist eine bemerkenswerte Verdrehung. Die Menschen haben sich jahrzehntelang eine Energieversorgung aufgebaut, damit elektrische Geräte ihren Alltag erleichtern. Jetzt sollen sie zunehmend ihren Alltag nach den Anforderungen der Energieversorgung organisieren.
Wer Eigentum hat, kann flexibel sein
Besonders deutlich wird die soziale Schieflage bei den Möglichkeiten, auf die neuen Tarife zu reagieren.
Wer ein Eigenheim besitzt, kann sich unter Umständen eine Photovoltaikanlage, einen Batteriespeicher, eine steuerbare Wallbox oder ein intelligentes Energiemanagement leisten. Damit lassen sich Verbrauchsspitzen begrenzen und günstige Tarifzeiten gezielt nutzen.
Wer dagegen zur Miete wohnt, kein Kapital für entsprechende Investitionen besitzt oder technische Veränderungen nicht selbst vornehmen darf, hat deutlich weniger Gestaltungsmöglichkeiten.
So könnte eine neue Form der sozialen Ungleichheit entstehen: Wer genügend Geld besitzt, kann investieren, optimieren und sparen. Wer dieses Geld nicht hat, bleibt auf seinen höheren laufenden Kosten sitzen.
Natürlich besitzt nicht jeder wohlhabende Haushalt automatisch eine günstige Lastkurve, und nicht jeder einkommensschwache Haushalt wird zwangsläufig stärker belastet. Aber die Möglichkeiten, sich an die neue Tarifstruktur anzupassen, sind gesellschaftlich höchst ungleich verteilt.
Für die einen ein Rabatt, für die anderen eine weitere Zumutung
Zusätzlich sollen zeitabhängige Netzentgelte die Verschiebung des Stromverbrauchs fördern. Im Sommer gibt es mit dem SNAP bereits einen vergünstigten Netz-Arbeitspreis zwischen 10 und 16 Uhr. Ab Oktober 2027 soll im Winter ein entsprechender Tarif zwischen 23 und 5 Uhr hinzukommen.
Außerdem können Haushalte künftig unter bestimmten Bedingungen einen Teil ihrer Anschlussleistung als flexibel bereitstellen. Dafür sollen sie niedrigere Leistungspreise bezahlen. Im Gegenzug darf der Netzbetreiber den Bezug zeitweise einschränken.
Die Energiewende wird zunehmend als persönliches Optimierungsprojekt organisiert. Wer über ausreichend Kapital, technische Ausstattung und Zeit verfügt, kann sich Vorteile sichern. Wer diese Voraussetzungen nicht mitbringt, darf zumindest versuchen, seinen Alltag noch effizienter zu gestalten.
Vielleicht erklärt uns die Energiewirtschaft demnächst, dass es volkswirtschaftlich besonders sinnvoll wäre, wenn Arbeiterinnen und Arbeiter erst nach Mitternacht Wäsche waschen.
Für große Speicher soll es Vergünstigungen geben
Besonders interessant wird die neue Entgeltstruktur bei großen Batteriespeichern. Unter bestimmten Voraussetzungen sind für systemdienliche Speicher weitreichende Netzentgeltbefreiungen vorgesehen, die über viele Jahre gelten können.
Dass Batteriespeicher für den Ausbau erneuerbarer Energien notwendig sind, steht außer Frage. Sie können Strom aufnehmen, wenn viel produziert wird, und ihn später wieder abgeben. Richtig eingesetzt, können sie das Netz entlasten und den Ausbau effizienter gestalten.
Aber warum müssen gesellschaftlich notwendige Speicher unter kapitalistischen Bedingungen zugleich attraktive Geschäftsmodelle für private Investoren sein?
Und wer trägt jene Netzkosten, die durch einzelne Befreiungen nicht mehr eingehoben werden, sofern dadurch keine entsprechenden Einsparungen entstehen?
Hier liegt der Widerspruch: Während Haushalte möglichst genau nach ihrer höchsten Viertelstundenleistung abgerechnet werden sollen, können für bestimmte Investitionen weitreichende Begünstigungen geschaffen werden.
Das Netzproblem ist real – die Eigentumsfrage auch
Die neue Tarifstruktur ist nicht allein deshalb falsch, weil sie leistungsabhängige Kosten berücksichtigt. Stromnetze müssen auf Belastungsspitzen ausgelegt werden. Eine bessere Verteilung des Verbrauchs kann tatsächlich Netzausbau vermeiden und Kosten senken.
Das Problem ist nicht, dass die E‑Control versucht, Stromnetze effizienter zu nutzen. Das Problem ist eine Energiepolitik, die technische Effizienz vor allem über individuelle Preise und finanzielle Anreize organisieren will, während die gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse weitgehend unangetastet bleiben.
Österreich verfügt über bedeutende öffentliche Beteiligungen an der Energiewirtschaft. Doch öffentliches Eigentum allein bedeutet noch keine demokratische Verfügung über die Energieversorgung im Interesse der Bevölkerung. Auch öffentlich kontrollierte Unternehmen agieren innerhalb von Markt‑, Wettbewerbs- und Renditevorgaben.
Die SPÖ verwaltet mit, die Bevölkerung soll optimieren
Auch die Sozialdemokratie trägt als Regierungspartei politische Verantwortung für die Rahmenbedingungen dieser Entwicklung. Sie spricht gerne von leistbarem Strom, sozialer Gerechtigkeit und einer Energiewende, die niemanden zurücklassen soll.
Doch was bedeutet das konkret, wenn neue Tarifmodelle Menschen mit unterschiedlichen technischen und finanziellen Möglichkeiten gegenüberstellen?
Es reicht nicht, die Energiewende sozial zu nennen. Sie muss sozial organisiert und finanziert werden.
Eine Regierung, die tatsächlich die Interessen der Arbeiterklasse vertritt, müsste garantieren, dass grundlegender Strombedarf leistbar bleibt, unvermeidbare Lastspitzen nicht zu sozialen Härtefällen führen und notwendige technische Anpassungen nicht allein von der Zahlungsfähigkeit der Haushalte abhängen.
Nicht die Arbeiterklasse ist das Problem im Stromnetz
Ob die neue Netzentgeltstruktur für die Mehrheit der Haushalte tatsächlich günstiger wird, werden erst die verbindlichen Tarife und ihre praktischen Auswirkungen zeigen. Eine pauschale Behauptung, alle würden mehr zahlen, wäre falsch.
Aber ebenso falsch wäre es, die Reform als rein technische Angelegenheit darzustellen, die mit gesellschaftlichen Interessen nichts zu tun hat.
Denn auch die Verteilung von Netzkosten ist Klassenpolitik. Die Frage, wer investieren kann, wer sparen kann, wer seinen Verbrauch anpassen muss und wer finanzielle Risiken trägt, ist keine Nebensache.
Die Energiewende mag notwendig sein. Der Ausbau der Stromnetze ist notwendig. Speicher und intelligente Steuerungen können ebenfalls notwendig sein. Nicht notwendig ist hingegen eine Energiepolitik, die aus den Menschen immer bessere Stromkunden machen will, statt aus der Stromversorgung eine bessere gesellschaftliche Infrastruktur.
Und solange daran nichts geändert wird, gilt auch bei der Energiewende: Die Bevölkerung soll sich anpassen – damit an den Eigentumsverhältnissen möglichst niemand etwas ändern muss.
Quelle: best connect



















































































