Ein langjähriger Autor der „Jungle World“ soll Mitglied der AfD sein. Es wächst zusammen, was längst zusammen gehört. Schließlich ist man sich einig in der Unterstützung von Völkermord, der Hetze gegen Minderheiten und elitären Ansprüchen.
Berlin. Die Enthüllungen über Thomas K. Gugler dürften in der Redaktion der „Jungle World“ für einige Verrenkungen gesorgt haben. Ausgerechnet ein langjähriger Autor der Zeitung, die sich gerne als besonders konsequent antifaschistisch und antisemitismuskritisch präsentiert, soll seit Jahren Mitglied der rechtsextremen AfD sein.
Nach Recherchen der taz und des Recherchekollektivs Busters legen interne E‑Mails nahe, dass Gugler bereits 2017 in die AfD aufgenommen wurde. Außerdem soll er sich 2018 und 2022 auf Referentenstellen bei der nordrhein-westfälischen Parteigeschäftsstelle beworben haben. Seit 2019 schreibt der Religionswissenschaftler regelmäßig für die „Jungle World“, insbesondere über Pakistan, Afghanistan und den politischen Islam. Die konkreten Angaben zu seiner Mitgliedschaft und seinen Bewerbungen sind bislang nicht abschließend unabhängig bestätigt.
Die Redaktion erklärte, von einer möglichen AfD-Mitgliedschaft nichts gewusst zu haben. Sollte sich eine solche bestätigen, werde die Zusammenarbeit beendet.
Es wäre jedenfalls reichlich bequem, den Fall damit zu erledigen. Klar, man kann den mutmaßlichen AfD-Mann aus der Autorenliste streichen, sich demonstrativ entsetzt zeigen und anschließend zur gewohnten Tagesordnung zurückkehren: gegen antiimperialistische Organisationen polemisieren, die Solidarität mit Palästina unter Generalverdacht stellen und den westlichen Imperialismus mit dem intellektuellen Gütesiegel des bürgerlichen Antifaschismus versehen. Der Fall Gugler spricht in jedem Fall Bände darüber, wie antifaschistisch die sogenannten Antideutschen wirklich sind.
Antifaschismus mit westlicher Schutzmacht
Die antideutsche Strömung entstand einst aus der Kritik am deutschen Nationalismus und an antisemitischen Traditionen. Daraus entwickelte sich eine bemerkenswerte politische Verkehrung: Aus der notwendigen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte wurde zunehmend die Verteidigung westlicher Machtpolitik.
Wer die USA kritisiert, gilt schnell als „antiamerikanisch“. Wer die israelische Besatzungspolitik verurteilt, gerät unter Antisemitismusverdacht. Wer den Imperialismus als Herrschaftssystem begreift, wird als rückständiger und antisemitischer Verschwörungstheoretiker abqualifiziert.
Statt Kapitalismus, Klassenherrschaft und imperialistische Interessen zu analysieren, unterscheidet das antideutsche Milieu zwischen vermeintlich zivilisierten westlichen Staaten und deren angeblich rückständigen Gegnern. Ausgerechnet die Herrschaft jener Staaten, deren Wohlstand und Macht auf jahrhundertelanger Ausbeutung, Kolonialismus und imperialistischer Gewalt beruhen, erscheint dann als Bollwerk der Freiheit.
Palästina: Wenn die Bomben von den Richtigen geworfen werden
Seinen politischen Offenbarungseid leistet das antideutsche Milieu seit Jahren an der palästinensischen Frage. Die „Jungle World“ veröffentlichte Anfang 2025 einen Beitrag unter dem Titel „Agitprop mit Genozid“, der die Genozidvorwürfe gegen Israel scharf zurückwies und entsprechende Einschätzungen von Amnesty International sowie Wissenschaftlern der Holocaust- und Genozidforschung als propagandistisch darstellte.
Die moralische Empörung, mit der das antideutsche Milieu sonst jede vermeintliche Verfehlung seiner politischen Gegner verfolgt, wird auffallend zurückhaltend, sobald es um israelische Kriegsverbrechen, Besatzung und die Entrechtung der palästinensischen Bevölkerung geht. Offenbar hängt die Beurteilung staatlicher Gewalt bisweilen weniger von ihren Opfern ab als davon, wer sie ausübt.
Antimuslimischer Rassismus mit akademischem Anstrich
Ähnlich verhält es sich mit der Kritik am politischen Islam. Kommunistinnen und Kommunisten haben eine Vermischung von Politik und Religion immer abgelehnt und so verhält es sich auch mit dem politischen Islam. Reaktionäre Ideologien bleiben reaktionär, unabhängig davon, welche Religion sie bemühen.
Doch zwischen der Kritik an islamistischen Organisationen und der pauschalen Verdächtigung muslimischer Menschen liegt ein fundamentaler Unterschied. Aus einer notwendigen Kritik politisch-religiöser Bewegungen wird bei den Antideutschen ein regelrechter Kulturkampf gegen muslimische Bevölkerungen, die vor allem als Bedrohung westlicher Freiheit diffamiert werden.
Die Überschneidungen mit rechten Weltbildern sind offensichtlich. Während die AfD ihre Feindbilder nationalistisch und rassistisch begründet, werden ähnliche Verallgemeinerungen andernorts mit Fortschritt, westlichen Werten und Adorno-Zitat versehen.
Die Klassenfrage wurde gegen den Kulturkampf eingetauscht
An die Stelle einer materialistischen Analyse von Kapitalismus und Imperialismus tritt bei den Antideutschen eine moralische Einteilung der Welt. Die einen Staaten gelten als Verteidiger der Zivilisation, die anderen als deren Feinde. Die einen Kriege werden verurteilt, die anderen relativiert. Die einen Nationalismen gelten als gefährlich, die anderen erscheinen als notwendige Verteidigung.
Dass die USA ihre Kriege nicht zur Befreiung der Menschheit führen, sondern zur Durchsetzung politischer, militärischer und wirtschaftlicher Interessen, gerät dabei ebenso aus dem Blick wie die gemeinsamen Klasseninteressen von Arbeiterinnen und Arbeitern unterschiedlicher Herkunft.
Übrig bleibt ein vermeintlich linker Antifaschismus, der mitunter dort besonders kämpferisch auftritt, wo es gegen antikapitalistische, antiimperialistische Kräfte geht, und erstaunlich verständnisvoll wird, wenn westliche Machtpolitik gerechtfertigt werden soll. Man kann Marx zitieren, gegen Neonazis demonstrieren und sich selbst für den konsequentesten Antifaschisten halten, wer aber gleichzeitig imperialistische Herrschaft verteidigt und rassistische Ressentiments reproduziert, betreibt noch lange keine klassenorientierte Politik.
Der mögliche AfD-Mann bei „Jungle World“ mag eine Überraschung sein. Dass die antideutsche Ideologie und die reaktionären Weltbilder der Rechten immer offensichtlicher zusammenfinden, ist hingegen längst keine mehr.
Quelle: taz



















































































