Immer mehr Haftanstalten in Italien sind massiv überbelegt. Spannungen, Selbstverletzungen und Suizide steigen in den Gefängnissen. Der neue Bericht der Organisation Antigone zeichnet das Bild eines Systems, das unter aus allen Nähten platzt.
Rom. Ende April dieses Jahres befanden sich laut dem 22. Bericht der Organisation Antigone 64.436 Menschen in italienischen Gefängnissen. Tatsächlich verfügbar waren jedoch nur 46.318 Haftplätze. Daraus ergibt sich eine reale Überbelegungsquote von 139,1 Prozent. Dramatisch ist die Situation in zahlreichen einzelnen Haftanstalten: In 73 Gefängnissen liegt die Belegung bei mindestens 150 Prozent, in acht Einrichtungen sogar über 200 Prozent. Lediglich 22 Gefängnisse gelten derzeit nicht als überfüllt. Die italienische Regierung hatte zwar einen Gefängnisplan angekündigt, doch laut Antigone ist die Zahl der tatsächlich verfügbaren Plätze seit Beginn dieses Plans sogar um 537 zurückgegangen.
„Was wir täglich bei unseren Kontrollbesuchen und in Gesprächen mit allen Personen beobachten, die im Gefängnissystem arbeiten und leben, ist ein Klima wachsender Spannung. Ein geschlossenes Gefängnis ist kein sichereres Gefängnis, sondern ein Ort, an dem Menschen und Personal einsamer und verlassener sind. Wo die Tage in Langeweile und Apathie vergehen und Psychopharmaka als ‚beruhigendes‘ und ‚stabilisierendes‘ Mittel eingesetzt werden. Stattdessen muss das Gefängnis geöffnet werden – gegenüber der Außenwelt, dem Ehrenamt und Aktivitäten“, sagt Patrizio Gonnella, Präsident von Antigone.
Mehr Spannungen und steigende Zahl an Suiziden
Der Bericht beschreibt eine zunehmende Verschärfung der Haftbedingungen. Mehr als 60 Prozent der Gefangenen verbringen den Großteil des Tages eingeschlossen in ihren Zellen. Nur 22,5 Prozent befinden sich in Bereichen mit sogenannter dynamischer Überwachung, die mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen.
Antigone kritisiert, dass neue Rundschreiben der Gefängnisverwaltung die Bewegungsfreiheit und Aktivitäten zusätzlich eingeschränkt hätten. Gleichzeitig seien die Spannungen innerhalb der Haftanstalten gestiegen. Die Zahl der Angriffe auf Bedienstete der Gefängnispolizei erhöhte sich um 12,4 Prozent. Noch deutlicher stiegen Übergriffe unter Gefangenen: von 3.356 Fällen im Jahr 2021 auf 5.812 im Jahr 2025 – ein Anstieg um 73 Prozent.
Auch die Zahl der Todesfälle ist extrem. Im Jahr 2025 nahmen sich mindestens 82 Menschen im Gefängnis das Leben. Seit Beginn des Jahres 2026 wurden bereits 24 weitere Suizide registriert. Insgesamt starben innerhalb von weniger als eineinhalb Jahren 106 Inhaftierte durch Suizid. Die Gesamtzahl der Todesfälle in italienischen Gefängnissen lag 2025 bei 254 – der höchste Wert seit Jahrzehnten.
Hinzu kommen weiterhin sehr hohe Zahlen von Selbstverletzungen. Statistisch gesehen begeht durchschnittlich jeder fünfte Gefangene selbstverletzendes Verhalten.
Ältere Gefangene und Probleme bei der Wiedereingliederung
Die Gefängnispopulation in Italien wird zunehmend älter. Während Menschen unter 40 Jahren im Jahr 2010 noch deutlich die Mehrheit der Gefangenen stellten, lag ihr Anteil Ende 2025 nur noch bei 43,9 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der über 50-Jährigen auf 29,5 Prozent.
Trotzdem verzeichnet der Bericht zuletzt wieder einen leichten Anstieg junger Erwachsener im Strafvollzug. Der Anteil der 18- bis 20-Jährigen sowie jener zwischen 21 und 24 Jahren nahm zuletzt wieder leicht zu.
Antigone sieht außerdem erhebliche Defizite bei der Resozialisierung. Nur 29,3 Prozent der Gefangenen arbeiten überhaupt. Die große Mehrheit davon ist innerhalb der Gefängnisverwaltung beschäftigt. Nur 4,9 Prozent arbeiten für externe Unternehmen. Berufsausbildungen und Bildungsangebote erreichen ebenfalls nur einen kleinen Teil der Gefangenen.
Nach Angaben der Organisation zeigt sich das auch an den Rückfallzahlen: Nur 40,8 Prozent der Inhaftierten sitzen zum ersten Mal im Gefängnis. Fast die Hälfte war bereits mehrfach in Haft.
Gleichzeitig gehen alternative Maßnahmen zur Haft zurück. Sowohl Bewährungsmaßnahmen als auch Hausarrest wurden 2025 seltener angewendet als im Vorjahr. Dabei hatten laut Bericht Ende 2025 mehr als 24.000 Gefangene eine Reststrafe von weniger als drei Jahren und könnten grundsätzlich für alternative Maßnahmen infragekommen.
Quelle: ANSA

















































































