Wie im Burgenland der öffentliche Verkehr ausgedünnt und soziale wie ökologische Teilhabe systematisch zerstört werden.
Mattersburg. Während Sonntagsreden von Begriffen wie Klimaschutz, Mobilitätswende und „leistbarem Leben“ geprägt sind, sieht die Realität für viele Menschen im Burgenland völlig anders aus. In Mattersburg wurden in den letzten Jahren rund 20 Bushaltestellen gestrichen. Gleichzeitig wurde das Klimaticket, einst als sozial-ökologischer Meilenstein gefeiert, massiv verteuert. Was auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung unglücklicher Einzelentscheidungen wirken mag, ergibt bei näherer Betrachtung ein klares Bild: Der öffentliche Verkehr wird bewusst unattraktiver gemacht – auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung.
Öffentlicher Verkehr als Standortfrage – aber nicht für alle
Die Streichung von Bushaltestellen ist keine bloße „Optimierung“. Sie bedeutet für viele Menschen längere Fußwege, schlechtere Erreichbarkeit und im Endeffekt den Verlust realer Mobilität. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Schülerinnen und Schüler, Menschen mit Behinderungen, Pendlerinnen und Pendler ohne Auto und all jene, die sich steigende Treibstoffpreise schlicht nicht leisten können.
Im ländlichen Raum wie dem Burgenland ist Mobilität keine Lifestyle-Frage, sondern eine Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe: für den Weg zur Arbeit, zum Arzt, zur Schule oder zum Einkaufen. Wird der öffentliche Verkehr ausgedünnt, werden Menschen faktisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
Dass ausgerechnet in einer Region mit vergleichsweise niedrigen Einkommen und hoher Pendelquote Haltestellen gestrichen werden, ist kein Betriebsunfall. Es ist Ausdruck einer Politik, die Mobilität zunehmend wieder zur Klassenfrage macht.
Das Klimaticket: Vom Fortschritt zur Hürde
Das Klimaticket war zweifellos eine Errungenschaft. Es zeigte, dass öffentlicher Verkehr einfach, leistbar und attraktiv organisiert werden kann – wenn der politische Wille vorhanden ist. Dass dieses Ticket unter der damaligen Verkehrsministerin Leonore Gewessler gegen massiven Widerstand durchgesetzt wurde, ist bekannt. Umso bezeichnender ist seine schrittweise Verteuerung. Was als Instrument zur Entlastung und zur Förderung des Umstiegs auf öffentliche Verkehrsmittel gedacht war, wird zunehmend für jene unerschwinglich, die es am dringendsten bräuchten. Studierende, Teilzeitbeschäftigte, prekär Arbeitende und Pensionistinnen und Pensionisten spüren jede Preiserhöhung unmittelbar. Karl Marx stellte bereits fest: „Die Bourgeoisie verwandelt alles in eine Ware, selbst die notwendigsten Lebensbedingungen.“ Mobilität ist längst keine Ausnahme mehr.
Klimapolitik ohne soziale Basis ist zum Scheitern verurteilt
In Zeiten des Klimawandels ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Doch Klimapolitik, die auf Verteuerung und Ausdünnung setzt, ist keine progressive Politik. Sie zwingt Menschen ins Auto, statt ihnen Alternativen zu bieten. Sie individualisiert Verantwortung, während die strukturellen Ursachen unangetastet bleiben. Die Konsequenz ist absehbar: Wer es sich leisten kann, fährt weiter Auto oder weicht auf private Lösungen aus. Wer es sich nicht leisten kann, bleibt zurück. Friedrich Engels erkannte diesen Mechanismus schon früh: „Die Freiheit der Reichen beruht auf der Unfreiheit der Armen.“ Eine Mobilitätswende, die soziale Fragen ignoriert, ist keine Wende, sondern eine Sackgasse.
Burgenland: Peripherie als Experimentierfeld
Dass diese Entwicklungen gerade im Burgenland besonders deutlich sichtbar werden, ist kein Zufall. Periphere Regionen eignen sich hervorragend als Experimentierfelder für Sozialabbau. Der politische Widerstand ist oft schwächer, die Betroffenen weniger sichtbar, die mediale Aufmerksamkeit gering. Doch was hier erprobt wird, lässt sich morgen auch anderswo durchsetzen. Die Streichung von Haltestellen, die Verteuerung von Tickets und die schleichende Rücknahme öffentlicher Leistungen folgen überall derselben Logik: Öffentliche Infrastruktur wird nicht mehr als Daseinsvorsorge, sondern als Kostenfaktor betrachtet.
Wladimir Iljitsch Lenin schrieb: „Der Staat ist ein Organ der Klassenherrschaft.“ Wenn Mobilität zunehmend jenen vorbehalten wird, die zahlen können, zeigt sich sehr deutlich, wessen Interessen hier vertreten werden.
Ausschluss statt Teilhabe
Der Abbau des öffentlichen Verkehrs bedeutet mehr als längere Wege. Er bedeutet:
- weniger Chancen am Arbeitsmarkt
- geringeren Zugang zu Bildung
- eingeschränkte Gesundheitsversorgung
- soziale Isolation
Für viele Menschen im Burgenland ist das Auto kein Luxus, sondern eine erzwungene Notwendigkeit – mit allen finanziellen und ökologischen Folgen. Wer kein Auto hat oder nicht fahren kann, wird systematisch abgehängt.
Eine andere Verkehrspolitik ist notwendig
Eine sozialistische Perspektive auf Mobilität ist klar: Öffentlicher Verkehr muss ausgebaut, nicht ausgedünnt werden. Er muss leistbar, barrierefrei und flächendeckend sein – gerade im ländlichen Raum. Das Klimaticket müsste günstiger werden, nicht teurer. Haltestellen gehören zurück, Taktungen verdichtet, Personal ordentlich bezahlt. Mobilität ist kein Privileg, sondern ein Recht. Oder, um es mit Marx zu sagen: „Die gesellschaftliche Produktion muss den Bedürfnissen der Menschen dienen, nicht dem Profit.“ Solange Verkehrspolitik diesem Prinzip widerspricht, wird sie weder sozial noch ökologisch sein. Die Entwicklungen in Mattersburg und im Burgenland sind ein Warnsignal. Wer eine echte Mobilitätswende will, muss den öffentlichen Verkehr verteidigen – gegen Sparlogik, gegen Marktdenken und gegen soziale Ausgrenzung.



















































































