Nach einem Angriff auf einen Streikposten im italienischen Seano bei Prato werfen Beschäftigte und die Gewerkschaft Sudd Cobas Unternehmern vor, den Streik mit organisierter Gewalt brechen zu wollen. Die Forderungen der Arbeiter bleiben unverändert: legale Arbeitsverhältnisse, menschenwürdige Arbeitszeiten und ein Ende der Ausbeutung.
Prato. Am 23. Juni kam es in Seano, einem Ortsteil der norditalienischen Textilmetropole Prato, zu einem schweren Angriff auf einen Streikposten der Beschäftigten des Unternehmens Acca. Nach Angaben der Gewerkschaft Sudd Cobas wurde die Aktion von der Unternehmensseite über den Messengerdienst WeChat organisiert. Beteiligt gewesen seien Unternehmer aus der Schnellmodebranche sowie Vorarbeiter.
Nach Darstellung der Gewerkschaft griffen rund 250 Personen den Streikposten an. Ein Arbeiter wurde von einem Lieferwagen erfasst, fünf Polizeibeamte wurden verletzt. Anschließend drangen zahlreiche Angreifer gewaltsam in das Lager ein, um dort Waren zu bewegen. Die streikenden Beschäftigten befanden sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Gebäude. Stattdessen übernahmen Unternehmer selbst die Arbeiten im Lager.
Die Gewerkschaft weist Darstellungen zurück, wonach es sich um einen ethnischen Konflikt gehandelt habe. Im Mittelpunkt habe ausschließlich das wirtschaftliche Interesse gestanden, die durch den Streik blockierten Waren wieder in den Warenverkehr zu bringen.
Erfolge der Beschäftigten als Auslöser des Konflikts
Dem Angriff war ein mehr als einjähriger Arbeitskampf vorausgegangen. Die Beschäftigten protestierten gegen überlange Arbeitszeiten, Schwarzarbeit und fehlende arbeitsrechtliche Absicherung. Nach Angaben von Sudd Cobas konnten in mindestens 200 Betrieben Vereinbarungen über reguläre Arbeitsverträge sowie eine Arbeitszeit von acht Stunden an fünf Tagen pro Woche durchgesetzt werden.
Die Gewerkschaft sieht den Angriff als Reaktion auf diese Erfolge. Ziel sei es gewesen, den Widerstand der Beschäftigten zu brechen und ein Signal gegen weitere Organisierung zu setzen.
Nach dem ersten Angriff wurde über WeChat ein weiterer Angriff auf den Streikposten angekündigt. Daraufhin rief Sudd Cobas zu einem Generalstreik im Textil‑, Mode- und Logistiksektor des Bezirks Prato auf. Hunderte Arbeiter legten erneut die Arbeit nieder und versammelten sich vor dem Betrieb. Nach Angaben der Gewerkschaft verhinderten sie durch ihre Anwesenheit einen weiteren Angriff.
Forderung nach einem Ende der Ausbeutung
Im Zusammenhang mit den Ereignissen wurden drei Unternehmer wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung an Polizeibeamten festgenommen. Die Gewerkschaft fordert darüber hinaus umfassende Ermittlungen zu den Hintergründen des Angriffs.
Sudd Cobas erhebt schwere Vorwürfe gegen die italienische Regierung. Sie kritisiert, dass das System der Arbeitsausbeutung in der Textilindustrie trotz bestehender Gesetze fortbestehe. Insbesondere prangert sie die Praxis von Ketten-Subunternehmen, das System der Caporali (Arbeitsausbeutung durch sogenannte illegale Vorarbeiter und Arbeitsvermittler durch ein Netz aus illegaler Arbeitsvermittlung, Ausbeutung und Einschüchterung) sowie prekäre Aufenthaltsregelungen an, die viele migrantische Beschäftigte in eine besonders abhängige Lage bringen.
Die Ausbeutung ist dabei kein Randphänomen, sondern Teil der Produktionsketten der italienischen Modeindustrie. Die Basisgewerkschaft fordert konsequente Kontrollen, die Anwendung bestehender Gesetze gegen Arbeitsausbeutung sowie die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen.
Die Beschäftigten betonen, dass ihre Auseinandersetzung nicht beendet sei. Sie wollen ihren Kampf für reguläre Arbeitsverhältnisse, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Rechte fortsetzen.
Quelle: l‘Unità



















































































