Warum Wohnen immer mehr zur Klassenfrage wird.
„Eigentlich müsste ich die Miete überprüfen lassen. Aber was ist, wenn mein Vertrag dann nicht verlängert wird?“ Diesen Satz hört man immer wieder. Viele Mieterinnen und Mieter wissen oder ahnen zumindest, dass etwas nicht stimmt. Die Miete erscheint zu hoch, Betriebskosten sind unverständlich, notwendige Reparaturen werden hinausgezögert. Dennoch bleiben viele still.
Oft wird daraus vorschnell geschlossen, die Menschen würden ihre Rechte nicht kennen oder seien zu wenig informiert. Das greift zu kurz. Die eigentliche Frage lautet: Warum erscheint vielen ihre Ohnmacht als persönliches Problem, obwohl sie gesellschaftlich erzeugt wird?
Nach Angaben der Arbeiterkammer wurden allein im Jahr 2024 unzählige Mieterinnen und Mieter mit unzulässig hohen Mieten belastet. Rechtlich können diese Beträge zwar zurückgefordert werden. Doch dazu muss man zunächst wissen, dass die Miete zu hoch ist. Man muss sich an eine Schlichtungsstelle oder an ein Gericht wenden. Man braucht Zeit, Ausdauer und oft auch den Mut, einen Konflikt mit dem Vermieter einzugehen.
Und genau hier zeigt sich ein grundlegendes Problem
Vor dem Gesetz erscheinen Mieter und Vermieter als gleichberechtigte Vertragspartner. Beide schließen einen Vertrag, beide verfügen über Rechte. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind ihre Ausgangsbedingungen jedoch häufig grundverschieden.
Wer mehrere Wohnungen besitzt und über finanzielle Rücklagen verfügt, erlebt einen Rechtsstreit anders als jemand, der fürchten muss, seine Wohnung zu verlieren. Wer sich anwaltliche Unterstützung leisten kann, verfügt über andere Möglichkeiten als jemand, den schon die Kosten eines Verfahrens abschrecken. Wer auf eine Verlängerung seines befristeten Mietvertrages angewiesen ist, überlegt sich gut, ob er den zulässigen Mietzins überhaupt überprüfen lässt.
Das Recht gilt formal für alle
Die Möglichkeit, dieses Recht tatsächlich wahrzunehmen, ist jedoch ungleich verteilt. Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch unserer Gesellschaft. Oft wird so getan, als seien Rechte für alle gleichermaßen zugänglich. Tatsächlich hängen ihre Durchsetzungsmöglichkeiten von Einkommen, Vermögen, Zeit, Bildung, sozialer Sicherheit und nicht zuletzt von der eigenen Lebenslage ab.
Ein Recht, das aus Angst vor den Folgen nicht eingefordert werden kann, bleibt für viele Menschen ein Recht auf dem Papier.
Doch damit endet die Geschichte nicht. Mindestens ebenso bedeutsam ist ein anderer Aspekt. Viele Menschen erleben ihre Situation als persönliches Schicksal. Sie glauben, sie seien die Einzigen, die Angst vor einer Mieterhöhung haben. Die Einzigen, die sich nicht trauen, Widerspruch einzulegen. Die Einzigen, die sich fragen, ob sie die nächste Miete überhaupt noch bezahlen können. Gerade dadurch bleiben sie vereinzelt. Aus einer gemeinsamen gesellschaftlichen Erfahrung wird ein individuelles Problem.
Doch genau an diesem Punkt beginnt politische Erkenntnis
Nicht, indem jemand den Menschen erklärt, was sie zu denken haben. Sondern indem sichtbar wird, dass ihre Erfahrungen keine Einzelfälle sind. Wenn tausende Mieterinnen und Mieter dieselbe Angst teilen, wenn dieselben Mechanismen immer wieder auftreten, dann liegt das Problem nicht bei den einzelnen Menschen. Dann wird sichtbar, dass gesellschaftliche Verhältnisse diese Erfahrungen hervorbringen. Aus persönlichem Leid wird gesellschaftliche Erkenntnis. Und erst daraus kann gemeinsames Handeln entstehen. Deshalb genügt es nicht, Menschen ihre Rechte zu erklären. Ebenso notwendig ist es, jene gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, die viele überhaupt erst daran hindern, ihre Rechte wahrzunehmen.
Wohnen ist kein Luxus
Es ist eine Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben. Solange Menschen fürchten müssen, ihr Zuhause zu verlieren, bleibt auch das Recht auf Wohnen eingeschränkt. Eine Gesellschaft zeigt ihren Charakter nicht daran, welche Rechte sie auf Papier garantiert. Sondern daran, ob Menschen diese Rechte ohne Angst und ohne existenzielle Risiken tatsächlich wahrnehmen können.


















































































