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Home Feuilleton

Die politische Klasse in Österreich verordnet für Neugeborene eine Taufe mit dem Mammon

12. September 2026
in Feuilleton
Die politische Klasse in Österreich verordnet für Neugeborene eine Taufe mit dem Mammon

Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.

Pecunia nervus belli

Marcus Tullius Cicero[1] 

Armut in Österreich wird verdrängt und beschönigt

Die Caritas Österreich stellt mit der Statistik Austria am 14. Juli 2026 fest, dass 18,6 Prozent der österreichischen Bevölkerung in Armut leben oder armutsgefährdet sind: „Die betroffenen Menschen haben verhältnismäßig niedrige Einkommen, oder keine/geringe Erwerbsarbeit, oder können sich den Großteil der notwendigen Lebensbereiche nicht leisten. 1,4 Millionen Menschen in Österreich haben so wenig Geld zu Verfügung, dass sie armutsgefährdet sind. Das sind rund 150.000 mehr als noch im Vorjahr. Die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich …“.[2] Österreichs politische Klasse will künftig jedes neugeborene Kind mit 500 Euro taufen, auch wenn das Gebet „Komm, o Geist des Geldes“ noch ein stilles sein soll. Dieser als „Zukunftsdepot“ genannte Betrag soll bei Banken angelegt werden und stehe ab dem 18. Geburtstag zur freien Verfügung der jungen Erwachsenen. Nebstbei wird vorgegaukelt, dass im kleinen Land Österreich alle Menschen eine große Familie sind. Vom geschwisterlichen Aufwachsen der Kinder und heranwachsenden Jugendlichen ist nicht die Rede, es geht allein um den Mammon.

Die politische Klasse und Mainstream-Medien ignorieren die von den Finanzinstitutionen und multinationalen Konzernen bestimmte Wirklichkeit, und beschäftigen sich u. a. mit dem Verbot von Kopftüchern bei gleichzeitigem Wegschauen von der Abschlachtung der Kinder in Gaza durch die mit Verständnis tolerierten Mordtruppen der Israelis. Der in der linken Tageszeitung junge Welt (7. September 2026) schändlich diskriminierte nichtreligiöse Noam Chomsky (*1928) hat sich gegen das Kopftuchverbot ebenso wie gegen ein Verbot der Vollverschleierung von orthodoxen Juden oder Muslimen ausgesprochen: „Die säkularen Gesellschaften müssten sich davor hüten, selbst immer restriktiver zu werden und aus dem Säkularismus eine eigene Religion zu machen – eine Absicht, die im Laufe der Jahre bereits viel Schaden angerichtet habe“.[3] Welche Banken für das „Zukunftsdepot“ werben werden, ist offen. Islamic Banking, die Rothschild & Co oder die Schweizer Banken werden nicht in Konkurrenz treten. Die in Österreich offensiv inserierende Liechtensteinische Landesbank AG wird schon wegen ihres Hauptsitzes im Fürstentum Liechtenstein eine Option sein.

Es ist gewiss keine politik- oder finanzwissenschaftliche Universitätsausbildung notwendig, um festzustellen zu können, dass die vielen, vielen armutsgefährdeten Eltern gar nicht in der Lage sein werden, für ihre Kinder jeden Monat etwas für ein angedachtes „Startkapital“ beiseite und dieses auf dem „Aktienmarkt“ veranlagen zu können. Die Armen sind schon froh, ihren Kindern Kleider zum Anziehen geben und eine Jause machen zu können und bei „Carla“ oder anderen Hilfsorganisationen das notwendige Schulzeug zu erbetteln. Das von einem früheren Bundeskanzler, jetzt von der Europäische Union hochdotierten Beschäftigten den armen Kindern empfohlene McDonald-Essen ist nur eine Facette des Zynismus der politischen Klasse im Umgang mit den Armen. Sind Bezahlung und konkrete Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten der bei McDonald beschäftigten Frauen, die ihre minderjährigen Kinder versorgen müssen, bekannt? Arbeitslosigkeit, gebrochene Partnerschaften, alleinerziehende und erwerbslose Frauen sind nicht nur abgehängt, sondern gelten in unserem als alleinseligmachenden bürgerlichen Wirtschaftssystem nach der in seiner am 3. Oktober 2020 in Assisi unterzeichneten Enzyklika „Fratelli tutti“ verwendeten Formulierung von Papst Franziskus (1936–2025) als „Abfall, Müll“.[4] Der aus dem lateinamerikanische Jesuitenorden kommende Jorge Mario Bergoglio SJ hat seinen Namen als Papst (2013) in Erinnerung an den charismatischen Franz von Assisi (1181/82–1226) gewählt.

Bertolt Brecht und Papst Franziskus über die Verehrung des Geldes

Papst Franziskus beschreibt öfters die Folgen des globalen „götzendienerischen Systems“ und appelliert „für eine Wirtschaft, die nicht tötet“.[5] Er schreibt:

„Der Dienst am Gemeinwohl wird außer Acht gelassen. Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozioökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, verwirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlichkeit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet – wie wir sehen – dieses unser gemeinsames Haus, die Schwester und Mutter Erde“.[6] 

Papst Franziskus hat die vom Marxisten Bertolt Brecht (1898–1956) oft in Gedichten ausgedrückten Wirklichkeitsanalysen der imperialistischen Gesellschaft nicht nur gekannt, sondern ihnen zugestimmt.[7] Er schätzte die Gedichte von Bertolt Brecht ebenso wie jene seines ermordeten lateinamerikanischen Mitbruders Luis Espinal SJ (1932–1980). Bertolt Brecht hat in den Jahren der aggressiven, vom Kapital forcierten Rechtsentwicklung in Deutschland über die Rolle von Geld gedichtet (1927):[8]

„Vom Geld

Vor dem Taler, Kind, fürchte dich nicht Nach dem Taler, Kind, sollst du dich sehnen. Wedekind[9]

Ich will dich nicht zur Arbeit verführen.

Der Mensch ist zur Arbeit nicht gemacht.

Aber das Geld, um das sollst du dich rühren!

Das Geld ist gut! Auf das Geld gib acht!

Die Menschen fangen einander mit Schlingen.

Groß ist die Bösheit der Welt.

Darum sollst du dir Geld erringen.

Denn größer ist ihre Liebe zum Geld.

Hast du Geld, hängen alle an dir wie Zecken:

Wir kennen dich wie das Sonnenlicht.

Ohne Geld müssen dich deine Kinder verstecken

Und müssen sagen, sie kennen dich nicht.

Hast du Geld, mußt du dich nicht beugen!

Ohne Geld erwirbst du keinen Ruhm.

Das Geld stellt dir die großen Zeugen.

Geld ist Wahrheit, Geld ist Heldentum.

Was dein Weib dir sagt, das sollst du ihr glauben.

Aber komme nicht ohne Geld zu ihr:

Ohne Geld wirst du sie deiner berauben

Ohne Geld bleibt bei dir nur das unvernünftige Tier.

Dem Geld erweisen die Menschen Ehren.

Das Geld wird über Gott gestellt.

Willst du deinem Feind die Ruhe im Grab verwehren

Schreibe auf seinen Stein: Hier ruht Geld“.

Der Zürcher Kommunist und Befreiungstheologe Konrad Farner über Franz von Assisi und dessen Antithese: Lohn, Preis und Profit

Konrad Farner (1903–1974), der aus einer alten Zürcher Familie stammt, ist als Zwanzigjähriger der Kommunistischen Partei der Schweiz beigetreten. Das bedeutete für den hochbegabten akademisch ausgebildeten Kunsthistoriker, Philosophen, Staatswissenschaftler und Theologen Konrad Farner den Verzicht auf eine seiner wissenschaftlichen Produktivität angemessenen beruflichen Anstellung an den erzbürgerlichen Schweizer Universitäten. Der Zürcher Marcel Bruno Brun (1928–2006), der unter dem Namen Jean Villain in der Berliner „Weltbühne“ mit seinen Veröffentlichungen begonnen hat, schreibt in seinen Erinnerungen, dass Konrad Farner nach seiner Rückkehr aus Berlin, wo er am 31. Oktober 1956 auf Wunsch von Helene Weigel (1900–1971) im Berliner Ensemble die Abdankungsrede für Bertold Brecht gehalten hat, mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern aus seinem Wohnsitz in Thalwil nahe Zürich durch den von der „Neuen Zürcher Zeitung“ aufgehetzten Horden flüchten musste.[10]

Die Werke von Konrad Farner zur Theologie sind Fundamente der Befreiungstheologie. Für Konrad Farner sind die Worte von Jesus von Nazareth (30 n. u. Z. am Kreuz getötet) nicht die Worte eines Gottessohnes, sondern Worte aus dieser Welt. Das Christsein wird in seiner Vorstellung zum menschlichen Brudersein und im globalen Maßstab zum Revolutionärsein.[11] Der Blick von Konrad Farner auf Franz von Assisi gleicht jenem von Papst Franziskus.[12]

„Arbeit in unserm heutigen, bürgerlich-kapitalistischen Sinne ist im Grunde eine Sache erst der letzten Jahrhunderte, genauer: seit der Frührenaissance, noch genauer: seit der Reformation, noch genauer: seit dem Calvinismus.[13] Vordem galt die Losung: arbeiten, um zu leben; seither: leben, um zu arbeiten. Allerdings war die Arbeit der antiken Sklaven und der mittelalterlichen Leibeigenen stete Mühsal, aber sie stand nicht im Zentrum menschlichen Denkens, obschon sie das Dasein materiell ausfüllte. Jedoch der Eigentümer des Sklaven und der Herr des Leibeigenen fanden sich trotz aller Herrschaft-Knechtschaft zuletzt verantwortlich für Leib und Leben und so auch für die Arbeit des Menschen.

Das änderte sich radikal mit dem Aufkommen des Frühkapitalismus als Handelskapital, in dessen Mittelpunkt nun nicht mehr der Mensch als solcher steht, sondern das Geld als solches, das sich ständig mehrt und mehren muss. Das Christentum, resp. die Kirche stand dieser neuen gesellschaftlichen und anthropologischen Sicht zuerst wehrlos gegenüber – entsprach sie doch nicht dem Evangelium, und erst Thomas von Aquin hat dann ein neues theologisches Ethos als Rechtfertigung geformt.

So war nun die Arbeit einerseits eingerahmt durch das theologisch gefasste Ethos, anderseits durchbrach sie wiederum im Laufe weniger Generationen diesen neuen Rahmen und kam in Konflikt mit der kirchlichen Lehre, ja, mit dem Evangelium. Der gewaltigste Rebell gegen die neue schnell reicher werdende, kapitalistische, profitmachende und geldgierige Arbeit mit der Entwertung und Entfremdung des Menschen war Franziskus von Assisi. Er rebellierte gegen das Geld und die Profitmacherei, er rebellierte gegen die sich in das neue Erwerbsleben integrierende kirchliche Institution, die bereits im 13. Jahrhundert Teil des Kapitalismus geworden, er rebellierte aber vor allem gegen die Einengung des Lebens durch Arbeit, Lohn, Profit und Kapital. Seine demonstrierende Armut war mehrfaches Zeichen gegenüber dem Preis, den die neue bürgerliche Gesellschaft ständig höher zahlte, um dann zuletzt im 20. Jahrhundert dem Geld und Profit vollends im doppelten Sinn zu erliegen: das Geld verkörpert den neuen Wert und der Wert besteht nun in neuem sich mehrendem Geld. Franziskus ist somit mehr denn je das Vorbild heutiger Rebellion gegen falsche Werte; er ist der Aufruhr gegenüber der tatsächlichen Entchristlichung des Lebens als Vermaterialisierung, er ist der Aufruhr gegenüber dem Leistungsprinzip kapitalistischer Arbeit. Es ist nicht zufällig, dass die Zweite Reformation, vor allem Calvin – sie war eine Reformation des städtischen Bürgertums – dieses neue Arbeitsethos als Leistungsprinzip enorm gefördert hat, ist sie doch Kind des Kapitalismus, dem sie dann, weit mehr als Thomas von Aquin, die eigentliche theologische (und vermeintlich somit christliche) Rechtfertigung als neue Arbeitsethik lieferte. Kein Zufall, dass das Handelskapital mit der Zeit in den protestantischen Ländern sehr stark wurde, dass der Industriekapitalismus im protestantischen England seine Geburt erlebte, dass das Finanzkapital in den protestantischen USA gewaltig zum Zuge kam. Kein Zufall aber auch, dass die Kirche heute wieder eine neue, resp. die uralte evangelische Sozialethik sucht, dass sie mehr denn je und sogar ökumenisch die gewaltige Rebellengestalt des Franziskus zu würdigen sucht – Franz von Assisi, der direkteste Nachfahre des Jesus von Nazareth, dieses wahrlich einmaligen und unnachahmlichen Setzers echten Lebens, abseits von Geld und Profit und Leistungsprinzip, abseits von Preis, Profit und Kapital.“


[1] Marcus Tullius Cicero (106–43 v. u. Z.). Oft zitiert, z. B. In medias res. Das Lexikon der Lateinischen Zitate. Neu hg. von Ernst Bury. Anaconda Verlag GmbH, Köln 2013, S. 461 (O92). 

[2] Armut in Österreich: Caritas Österreich

[3] Noam Chomsky im Gespräch mit Emran Feroz. Kampf oder Untergang! Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen. Westend Verlag Frankfurt / Main 2018, S. 120.

[4] Papst Franziskus: Fratelli tutti. Enzyklika über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft. Mit Einführung und Register. Patmos Verlag Ostfildern 2020.

[5] Papst Franziskus: Für eine Wirtschaft, die nicht tötet. Wir brauchen und wollen Veränderung. Mit einer Einführung von Thomas Seiterich. Publik-Forum. Camino. Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart 2015. 

[6] Ebenda, S. 39 f.

[7] Z. B. Papst Franziskus mit Carlo Musso: Hoffe. Die Autobiografie. Aus dem Italienischen von Elisaneth Liebl. Kösel Verlag München 2025, S. 47.

[8] Bertolt Brecht: Gedichte. Band II 1913–1929. In Sammlungen nicht enthaltene Gedichte. Gedichte und Lieder aus Stücken. Mit Genehmigung des Suhrkamp Verlages Frankfurt. Aufbau Verlag Berlin 1962, S. 136 f. 

[9] Frank Wedekind (1864–1918)

[10] Jean Villain: Reisen ohne Rückfahrkarte. Ein Reporterleben. Zytglogge Verlag Oberhofen am Thunersee 2007, S. 201–208; Wolfgang Beutin / Hermann Klenner / Eckart Spoo: Lob des Kommunismus. Alte und neue Weckrufe für eine Gesellschaft der Freien und Gleichen. Titelbild, Vorsatzblatt, Zeichnungen Thomas J. Richter. Unter trotziger Verwendung von Symbolen, die in einigen EU-Ländern verboten wurden oder werden sollten. Ossietzky Verlag Hannover 2013, S. 173–177; Gerhard Oberkofler: Konrad Farner Vom Denken und Handeln des Schweizer Marxisten. Im Gedenken an Johannes Kleinhappl. StudienVerlag Innsbruck 2015.

[11] Vortrag Konrad Farner vom 25. Dezember 1968. Nachlass Konrad Farner, Zentralbibliothek Zürich, Typoskript. Dem Team der Zentralbibliothek Zürich danke ich sehr herzlich für Kopien! 

[12] Nachlass Konrad Farner, Zentralbibliothek Zürich, Typoskript vom 1. Februar 1973. Gedruckt in: „für eine offene Kirche“, März 1973.

[13] Der Calvinismus ist benannt nach Jean Calvin (1509–1564), der mit Martin Luther (1483–1546) und Ulrich Zwingli (1484–1531) zu den herausragenden Persönlichkeiten der zweiten Reformation gehört.

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Schlagworte: ArmutArmutsgefährdungBrechtFarnerÖsterreich

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