Bundeskanzler Christian Stocker reiste am Donnerstag nach Polen. Auf dem Programm stehen Gespräche mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk, ein Besuch bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex und schließlich ein Besuch bei der Erste Bank Polska gemeinsam mit Erste-Group-Chef Peter Bosek. Gerade dieser letzte Termin zeigt, welche Interessen hinter Stockers Besuch stehen.
Wien. Warschau. Österreich habe es nach der Wende gut verstanden, die Chancen der Region Mittel- und Osteuropa insbesondere wirtschaftlich zu nützen, erklärte Stocker vor seiner Reise. Das ist durchaus richtig. Nach der Konterrevolution von 1989 bis 1991 nutzten österreichische Banken und Konzerne die Privatisierung der ehemals sozialistischen Wirtschaft und die Öffnung der osteuropäischen Märkte für eine massive Expansion. Der österreichische EU-Beitritt und später die EU-Osterweiterung schufen dafür noch bessere Bedingungen. Die österreichischen Direktinvestitionen in Zentral‑, Ost- und Südosteuropa stiegen von rund 2,4 Milliarden Euro 1994 auf über 30 Milliarden 2005. Im Jahr 2024 waren es bereits mehr als 93 Milliarden Euro. Rund 43 Prozent aller österreichischen Direktinvestitionen innerhalb Europas liegen damit in dieser Region.
Besonders stark ist auch das österreichische Bankkapital vertreten. Österreichische Banken unterhalten in 14 Ländern der Region 35 Tochterbanken. 71 Prozent des Gesamtergebnisses dieser Tochterbanken wurden zuletzt innerhalb der osteuropäischen EU-Staaten erwirtschaftet. Österreich ist außerdem größter ausländischer Investor in Slowenien und Bosnien-Herzegowina sowie zweitgrößter Investor in der Slowakei, Kroatien, Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien.
Verglichen damit war Polen bislang von weniger großer Bedeutung auf der Landkarte des österreichischen Finanzkapitals. Anfang des Jahres wagte das österreichische Bankkapital jedoch einen beachtlichen Schritt in Richtung Polen. Im Jänner übernahm die Erste Bank für insgesamt sieben Milliarden Euro einen beherrschenden Anteil von 49 Prozent an der Santander Bank Polska sowie 50 Prozent am dazugehörigen Vermögensverwalter. Die Bank wurde inzwischen in Erste Bank Polska umbenannt. Damit ist die Erste auf einen Schlag zur Nummer drei am polnischen Bankenmarkt geworden. Rund sechs Millionen Kunden und mehr als 300 Filialen kamen zur österreichischen Bankengruppe hinzu.
Die Erste selbst lässt wenig Zweifel an den Gründen für die Expansion. Polen sei einer der „wachstumsstärksten und profitabelsten Bankenmärkte Europas“. Durch den Zukauf sollte das Kreditvolumen der Gruppe in Zentral- und Osteuropa von 94 auf 131 Milliarden Euro steigen. Finanzvorstand Stefan Dörfler erklärte bei der Ankündigung ausdrücklich, man wolle damit „attraktive Renditen für unsere Aktionärinnen und Aktionäre“ erzielen.
Vor diesem Hintergrund erhält auch Stockers Forderung nach einer stärkeren „zentraleuropäischen Handschrift“ innerhalb der EU einen konkreten Inhalt. Schon beim Europaforum Wachau hatte er angekündigt, Österreich müsse die Beziehungen zu den Staaten Zentral- und Osteuropas ausbauen und gemeinsam mit ihnen stärker innerhalb der EU auftreten. Nun erklärt er angesichts seiner Polen-Reise noch deutlicher, es gehe darum, „als Gruppe den Anspruch auf Einfluss und Gestaltung zu stellen“.
Polen ist das mit Abstand größte Land Mittelosteuropas und hat in den vergangenen Jahren auch wirtschaftlich und militärisch an Bedeutung gewonnen. Im Dezember 2026 soll der polnische Präsident erstmals an einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der G20 teilnehmen. Auch militärisch nimmt Polen innerhalb der EU eine besondere Stellung ein. Polen verfügte 2025 über die größte Armee der EU und gab einen größeren Anteil seiner Wirtschaftsleistung für das Militär aus als jeder andere NATO-Staat.
Hier setzt auch Stockers Vorstoß an. Polen arbeitet bereits in verschiedenen regionalen Bündnissen mit Staaten zusammen, in denen österreichisches Kapital stark vertreten ist (beispielsweise Tschechien, Slowakei und Ungarn). Ein vergleichbares Format, das Wien und Warschau zusammenführt, fehlt bislang. Stocker will diese Lücke schließen und die wirtschaftliche Stellung Österreichs in Mittel- und Osteuropa stärker mit politischem Einfluss innerhalb der EU verbinden. Seine Forderung, gemeinsam „den Anspruch auf Einfluss und Gestaltung zu stellen“, bringt dieses Ziel recht offen zum Ausdruck.
Quellen: Lukas Haslwanter: Der österreichische Imperialismus und die Europäische Union/Niederösterreichische Nachrichten/Oberösterreichische Nachrichten/Erste Group/Erste Group/NATO/Zeitung der Arbeit





















































































