Wie die Kronen Zeitung Geflüchtete zu Sündenböcken macht und den Sozialabbau legitimiert.
Wien. Wenn Medien wie die Kronen Zeitung über das Gesundheitssystem schreiben, dann nicht, um es zu verteidigen, sondern um es ideologisch umzubauen. Der jüngst erschienene Artikel über angebliche „Spitals-Touristen“ (Kronen Zeitung vom 25. Jänner 2026) ist kein journalistischer Ausrutscher, sondern ein bewusst gesetzter Beitrag zur Spaltung der arbeitenden Bevölkerung. Unter dem Deckmantel der Sorge um „überlastete Spitäler“ wird eine alte, reaktionäre Botschaft neu aufgekocht: Nicht Sparpolitik, Privatisierung und Klassenherrschaft seien schuld an der Krise, sondern Geflüchtete und Migrantinnen und Migranten.
Zahlen als Waffe, nicht als Argument
Die im Artikel genannte Zahl von rund 22 Millionen Behandlungen in zehn Jahren ist ein klassisches Beispiel bürgerlicher Statistikmanipulation. Sie soll nicht erklären, sondern erschlagen. Wer über einen derart langen Zeitraum kumuliert, weiß genau, dass jede Aussagekraft verloren geht. Behandlungen sind keine Personen. Ein einzelner Mensch mit chronischer Erkrankung taucht dutzendfach auf. Schwangere, Kinder, Menschen mit Behinderungen ebenso.
Was die Krone konsequent verschweigt: Ein Großteil der erfassten Personen lebt seit Jahren in Österreich, arbeitet hier, zahlt Beiträge und verrichtet oft jene schlecht bezahlten, körperlich belastenden Tätigkeiten, auf die das österreichische Kapital nicht verzichten kann. Die Statistik unterscheidet nicht zwischen neu Angekommenen und seit langem Ansässigen, nicht zwischen Asylwerbenden und Lohnabhängigen. Diese Unschärfe ist kein Zufall, sondern Methode. Zahlen werden hier nicht zur Analyse genutzt, sondern zur Erzeugung von Ressentiments.
„Nichts eingezahlt“ – der Sozialstaat als Marktplatz
Besonders entlarvend ist die ständig wiederholte Behauptung, Geflüchtete hätten „nichts ins System eingezahlt“. Diese Aussage ist weniger eine ökonomische als eine ideologische. Sie verwandelt soziale Rechte in Waren und Menschen in Kostenfaktoren. Der Sozialstaat erscheint nicht mehr als kollektive Errungenschaft der Arbeiterbewegung, sondern als exklusiver Club für „Leistungswillige“ – definiert nach nationalen Kriterien.
Nach dieser Logik wären Kinder, Alte, Kranke und Arbeitslose ebenfalls „unberechtigt“. Dass diese Schlussfolgerung nur bei Migrant*innen gezogen wird, zeigt den wahren Kern der Argumentation: Es geht nicht um Gerechtigkeit, sondern um Ausschluss. Karl Marx beschrieb diese Denkweise bereits im 19. Jahrhundert: „Der Arbeiter gilt nur, sofern er Kapital produziert; sobald er dies nicht mehr tut, gilt er als überflüssig.“ Heute wird diese Logik ethnisch aufgeladen und medial verbreitet.
Die Lüge von der bevorzugten Behandlung
Der wohl perfideste Teil der Erzählung ist die Gegenüberstellung „monatelang wartender Österreicherinnen und Österreichern“ und angeblich sofort behandelter Flüchtlinge. Diese Darstellung ist schlicht falsch. In Spitälern entscheidet medizinische Dringlichkeit, nicht der Pass. Notfälle werden sofort behandelt – bei allen. Wer etwas anderes behauptet, greift das medizinische Ethos selbst an.
Die Krone tut so, als wäre es ein Skandal, dass Menschen mit akuten Verletzungen oder schweren Erkrankungen sofort versorgt werden. In Wahrheit ist es ein Skandal, dass diese Selbstverständlichkeit ethnisiert wird. Friedrich Engels erkannte den dahinterliegenden Mechanismus klar: „Die herrschende Klasse sucht stets, die sozialen Gegensätze zu verschleiern oder in falsche Bahnen zu lenken.“ Genau das geschieht hier.
Das eigentliche Problem: Kapitalistische Gesundheitslogik
Die Krise des österreichischen Gesundheitssystems ist hausgemacht. Jahrzehntelange Sparpolitik, Personalkürzungen, Arbeitsverdichtung und die schleichende Kommerzialisierung haben ein System geschaffen, das auf Verschleiß fährt. Pflegekräfte brennen aus, Ärztinnen und Ärzte wandern ab, Patientinnen und Patienten warten. Gleichzeitig wachsen private Gesundheitskonzerne und Zusatzversicherungen. Diese Entwicklung ist kein Betriebsunfall, sondern politisch gewollt. Öffentliche Unterversorgung schafft private Nachfrage. Dass diese Politik nicht thematisiert wird, sondern stattdessen Geflüchtete ins Visier geraten, ist kein Zufall, sondern Klassenstrategie. Lenin formulierte es unmissverständlich: „Der Nationalismus ist ein Werkzeug der Bourgeoisie, um die Arbeiterklasse zu spalten.“
Hetze als Vorbereitung auf weiteren Sozialabbau
Die Funktion solcher Artikel geht über bloße Stimmungsmache hinaus. Sie bereiten ideologisch den Boden für weitere Einschnitte. Wer heute akzeptiert, dass Geflüchtete „zu viel kosten“, wird morgen akzeptieren, dass Leistungen gekürzt, Selbstbehalte erhöht oder ganze Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden. Die Logik ist einfach: Erst trifft es die „Fremden“, dann die Armen, dann alle Lohnabhängigen. Die Geschichte des Sozialabbaus ist voll von solchen Beispielen.
Klassenkampf oder Sündenbockpolitik
Die Alternative zur Spaltung ist Solidarität. Nicht Herkunft entscheidet über unsere Interessen, sondern unsere Stellung im Produktionsprozess. Ein unterfinanziertes Gesundheitssystem trifft die gesamte Arbeiterklasse – unabhängig vom Pass. Wer sich von Boulevardhetze einreden lässt, Geflüchtete seien das Problem, kämpft objektiv auf der falschen Seite. Oder, um es mit Marx zu sagen: „Die Ideen der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Ideen.“ Diese Ideen zu durchbrechen ist Aufgabe einer linken, marxistischen Gegenöffentlichkeit. Nicht Geflüchtete blockieren die Spitäler, sondern ein System, das Profite über Menschen stellt. Dagegen hilft keine Hetze, sondern nur organisierter Widerstand.




















































































