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Home Feuilleton Kunst exklusiv

Der Segen der Fabriksarbeit

13. April 2026
in Kunst exklusiv
Der Segen der Fabriksarbeit

Von unserer Autorin Daniela Noitz aus dem Burgenland, seit 2011 freie Schriftstellerin 

An diesem Sonntag, den 22. Dezember 2024 um 22 Uhr, nicht ungefähr, nicht annäherungsweise, sondern punktgenau um 22 Uhr, war es geschehen. Warum wir das so genau wissen? Weil es der Zeitpunkt des Schichtendes war, an diesem Sonntag, dem letzten vor Weihnachten, worauf sich so viele freuten. Das war zumindest gemeint. Dabei mussten genau jene am 24. Dezember wieder arbeiten. Aber soweit dachten sie nicht. Das war das Denken des Arbeiters. Das Ende der Schicht. Das nächste Bier. Das nächste Essen. Das war es. Mehr war in diesen Köpfen nicht drinnen. Deshalb gab es Hierarchien. Chefs. Vorgesetzte. Die dachten, war der Chef, der derzeitige, überzeugt. Fürs Denken wurde der Arbeiter nicht bezahlt. Natürlich, ein Chef, ein Vorgesetzter oder wer auch immer mehr Hirn im Kopf hatte, würde es sich ab und zu wünschen, dass es anders wäre, aber dann müssten diese die Arbeiter besser entlohnen und das würde die Ausschüttungen an die Investoren verringen. Und das will schließlich niemand.

Aber wenn an diesem Sonntag, den 22. Dezember 2024 um 22 Uhr vielleicht doch ein wenig gedacht worden wäre, nur ein ganz klein wenig mehr als daran, die Stätte der Produktivität so schnell wie möglich zu verlassen, dann wäre die ganze Sache anders ausgegangen. Vielleicht. Aber selbst das war schon zu viel verlangt, scheinbar. Es war also 22 Uhr, Schichtwechsel. Pünktlichst, wie immer, ließen die Arbeiter alles stehen und liegen und gingen, während die nächste Schicht die freien Plätze einnahm. Keine Minute durfte verschwendet werden. Das wurde peinlichst genau kontrolliert. Dann erfolgte die Explosion. Zehn Arbeiter waren tot. Fünf auf der Stelle, fünf starben, während auf die Rettung gewartet wurde. Obwohl diese innerhalb weniger Minuten eingetroffen war. Doch bis die Firma, die die Reparatur durchführen sollte, kam, vergingen sogar zehn Stunden.

10 tote Arbeiter

Fünf aus der Schicht, die endete, fünf aus der Schicht, die begann. Hätten nicht alle zehn der Toten der Schicht angehören können, die erst begann. Schließlich stand die Maschine zehn Stunden auf jeden Fall still. Also waren auch die Überlebenden umsonst gekommen. Man schickte sie aufräumen. Aber das war schließlich nicht produktiv. Es störte dann auch nicht, dass die Toten abtransportiert wurden, die Halle vom Blut gesäubert werden musste. Guillotiniert wäre einer geworden, hieß es. Ein Blech, das weggeschleudert worden war, hatte ihm einfach den Kopf vom Körper getrennt. Worüber regt man sich auf, wenn es doch schnell ging. Der Chef, der jetzige, hatte eine kleine Guillotine in seinem Büro stehen. Zum Abschneiden der Spitze seiner Zigarren. Oder seiner Gäste, also der Zigarren der Gäste. Rauchpausen waren für die Arbeiter streng verboten. Der Chef paffte seine Zigarren immer und überall. Das wäre aristokratisch. Arbeiter könnten sich nur Selbstgedrehte leisten. Das wäre vulgär. Er dürfe das, er wäre der Chef. Außerdem, und das war der eigentliche Grund, ginge durch die Rauchpausen wertvolle Arbeitszeit verloren. Und das Gesindel war sowieso schon so faul.

Wehmütig dachte der Chef, der jetzige, immer an seinen Großvater, wie er ihm von seinen Anfängen erzählt hatte. Von der Fabriksgründung. Er erzählte gerne davon. Das war großartig, damals in dn späten 30er Jahren. Alle, außer den freien, Gewerkschaften waren verboten. Auch die Sozen. Und vor allem, die Kummerln. All das linke Gesocks. Er war der absolute Herr der Fabrik. Ja, er war sehr dafür, für diesen starken Führer, ohne Kompromisse. Wie im Staat, so auch in seiner Fabrik. Natürlich hatte der Großvater auch hart dafür gearbeitet. Schließlich bekommt man so eine Fabrik nicht geschenkt. Nicht ganz. Geholfen hatte sicher, dass er bereits ein Mitglied der NSDAP wurde, als sie in Österreich noch verboten war. Nicht, dass er sich als Nazi sah. Er war vielmehr ehrgeizig und handelte vorausschauend. Mit seinem Betritt hatte er alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen. Eine arisierte Fabrik war seine Belohnung gewesen, die er als aufrechtes Parteimitglied anvertraut bekam. Für einen Apfel und Ei. Aber ansonsten hatte er sich alles hart erarbeitet. Er war nicht nur ein Chef, sondern der unumschränkte Herrscher. Ein kleiner Führer. Als der Krieg vorüber war, arbeitete er genauso weiter wie zuvor. Für ihn änderte sich nichts. Auch nicht seine Gesinnung. Dazu war er zu unpolitisch. Nur mit den Vergünstigungen für die Arbeiter, die die Sozen nach und nach provozierten, konnte er nichts anfangen. Frustriert und verhärmt zog er sich aus dem Geschäft zurück, das sein Sohn weiterführte. Dieser war, erzogen im autoritären Sinne seiner Zeit, ein braver Nachfolger, ohne jegliche Ambitionen. Der Großvater starb, einsam und zurückgezogen. Daraufhin übergab der Vater des jetzigen Chefs die Leitung der Fabrik an seinen Sohn. Es war, als wäre er befreit worden, der Vater, von einem Leben, das er nur dem Großvater des jetzigen Chefs zuliebe geführt hatte. Doch da niemand mehr da war, der ihn zwang, und sei es durch seine bloße Anwesenheit, machte er das, was er immer schon machen wollte. Er wurde Insektenforscher. Zum Begräbnis musste er gehen. Das gebot der Anstand. Auch der Enkel, der jetzige Chef. Doch galt das auch für die der zehn Arbeiter, die bei dem bedauerlichen Zwischenfall gestorben waren?

10 tote Arbeiter

10 Begräbnisse

Natürlich nicht, denn wer könnte schon auf zehn Begräbnisse gehen. Zehn Begräbnisse. Was für ein Hohn! Zehn tote Arbeiter am Beginn einer zehn Stunden Schicht. Immerhin waren fünf davon mit ihrer Schicht schon fertig. Blieben aber immer noch fünf, die ihren Arbeitsplatz verwaisen ließen. Fünf Arbeiter einer zehn Stunden Schicht bedeutete allein durch diese einen Ausfall von 50 Arbeitsstunden. Und wenn das nicht genug Verdienstentgang bedeutete, für ihn, den Chef, den jetzigen, so kam doch allen Ernstes bereits am Montagmorgen ein Anwalt in sein Büro. Noch vor den Professionisten, die die Maschine reparieren sollten. Der Chef, der jetzige, hörte sich das Anliegen an.

Die Familien der Toten hatten gemeinschaftlich diesen Juristen beauftragt. Sie wollten Schadenersatz. Und eine lebenslange Rente für die Frauen. Denn sie hätten schließlich den Ernährer verloren. Es sollte auch eine Untersuchung eingeleitet werden, die darüber Aufschluss geben konnte, ob der Unfall durch entsprechende Wartung bzw., wenn diese nicht mehr möglich war, durch Erneuerung der Maschine verhindert hätte werden können. Der Chef, der jetzige, hatte dem Rechtsvertreter der Familien auseinandergesetzt, dass das völlig unangemessen war, denn schließlich war er es, der dafür gesorgt hatte, dass diese Familien überhaupt was zum Essen hatten oder sonst wie überleben konnten. Dafür hätte ihm noch niemand gedankt, aber wenn einmal etwas passierte, dann müsse er dafür geradestehen. Das wäre unfair. Geld bekommen fürs Nichtstun, das verstanden die Arbeiter viel besser, als die Arbeit zu erledigen.

10 Stunden Schichten

10 Stunden Arbeit

Zehn Stunden Schichten. Zehn Stunden Arbeit pro Tag. Blieben noch 14 Stunden zum Leben. Als wenn die ein Leben hätten. Zehn Stunden wären viel zu wenig. Niemand nähme Rücksicht auf seinen Verdienstausfall. Zehn Arbeiter. Gut, da hätte man morgen andere, denn für diese Tätigkeit war keinerlei Qualifikation notwendig. Aber die Maschine. Die würde ihn viel Geld kosten. Sehr viel Geld. So viel, davon hätte der Anwalt, der den Pöbel verteidigte, keine Ahnung. Nicht einmal eine Vorstellung. Und wenn er nun, wegen der überzogenen Forderungen der Hinterbliebenen, die ganze Fabrik schließen müsse? Dann würden mit einem Schlag 1.000 Arbeiter auf der Straße stehen. Ob ihnen das lieber wäre?

Schon während er die Worte aussprach, fiel ihm ein, dass er das sowieso schon längst machen wollte. Die Fabrik schließen und an einem Ort eröffnen, an dem es keine Arbeiterrechte, keine überzogenen Lohnforderungen und vor allem keine Gewerkschaft gab. Mit einem Wort, ein Land, in dem man über so kleine Unfälle kulant hinwegsah. Das alles beeindruckte den Anwalt nicht. Er blieb bei seinen Forderungen. Sie könnten sich, so meinte der Anwalt zum Chef, zum jetzigen, außergerichtlich einigen, wenn er, der Arbeitgeber, den Forderungen der Hinterbliebenen nachkäme. Das wäre einfacher und schneller. Damit legte er einige Seiten Papier auf den Schreibtisch, auf denen, wie der Jurist meinte, all diese besagten Zahlungen angeführt waren, die er, der Chef, der jetzige, leisten sollte. Er würde ihm 48 Stunden Zeit geben, es sich zu überlegen. Das sollte ihm auch die Möglichkeit verschaffen, seinen Rechtsvertreter zu kontaktieren. Dieser würde ihm sicherlich raten, auf diese Forderungen einzugehen, denn wenn der Fall vor Gericht kommen sollte, was niemand hoffen konnte, weder die eine noch die andere Seite, würde es noch viel teurer und vor allem zeitaufwendiger werden. Dann ging der Anwalt.

Der Chef, der jetzige, stand da und war verärgert. Der Herr Doktor, der es doch tatsächlich nicht für unter seiner Würde befand, die Prolos zu vertreten, hatte ihm nicht einmal zugehört. Unwillkürlich dachte der Chef, der jetzige, an seinen Großvater. Zu seiner Zeit hätte er einfach die Kosten der Begräbnisse übernommen und das wäre es gewesen. Selbst das hätte als eine Geste der Großzügigkeit gegolten. Ein guter Patriarch eben. Aber heutzutage, da wollten sie Schadensersatz und Rente. Vielleicht auch noch eine Arbeitsplatzgarantie. Dabei hatte er schon so viel zu tragen.

10 Tote

10 Stunden Schicht Ausfall

Und womöglich müsste er noch eine neue Maschine kaufen. Eigentlich der ideale Zeitpunkt, die Fabrik in ein anderes Land zu verlagern. Andererseits hatte er in diese so viel investiert. Woanders müsste er neu anfangen.

10 Familien

10 trauernde Ehefrauen

10 mal 10 trauernde Menschen

Der Tod gehört zum Leben dazu. Sie hätten auch auf der Straße sterben können bei einem Unfall. Oder bei einer Schlägerei im Bierzelt. Oder durch eine heimtückische Krankheit. Dafür hätte der Chef nicht aufkommen müssen. Das hätte die Allgemeinheit übernehmen dürfen. Aber weil es zufällig in seiner Fabrik passiert war, wurde er jetzt dafür verantwortlich gemacht. Doch da kam ihm ein Gedanke, der ihn womöglich retten würde. Der Vorarbeiter, der in diesem Teil der Fabrik, zu diesem Zeitpunkt die Aufsicht hatte, der hätte ihm verschwiegen, dass die Maschine schon längst erneuert hätte werden müssen. Damit könnte er die Verantwortung auf ihn abwälzen. Das ginge allerdings nur, so weit war der Chef, der jetzige, informiert, wenn er eine Bestellung zum verantwortlichen Beauftragten nach § 9 Abs. 2 Verwaltungsstrafgesetz unterschreiben würde. Er könnte ihm das Schreiben unterjubeln und es zurückdatieren. Dann wäre er mit einem Schlag alle seine Sorgen los. Deshalb ließ er den Vorarbeiter kommen und ihm das rasch erstellte Schreiben vorlegen. Mit dem Stift wies der Chef, der jetzige, auf die Stelle, an der der Vorarbeiter unterschreiben sollte.

Der allerdings legte den Kugelschreiber zur Seite und las das Dokument aufmerksam, während der Chef, der jetzige, ständig auf ihn einredete, er brauche das doch nicht zu lesen und es wäre eine reine Formalität. Als all das nichts nützte, verlegte er sich darauf, Dinge wie Loyalität und Vertrauen ins Feld zu führen. Auch das stieß auf taube Ohren. Der Vorarbeiter las unbeirrt alles genau durch. Es handelte sich zwar nur um einen kurzen Text, aber er war in dieser merkwürdigen juristischen Sprache verfasst, die schwer zu verstehen ist. Zuletzt richtete sich der Vorarbeiter auf und seinen Blick auf den Mann, der ihm das Schriftstück zur Unterzeichnung vorgelegt hatte. Die Frage des Vorarbeiters war klar, kurz und präzise. Ob er, der Chef, der jetzige, denn tatsächlich meine, er würde seine Zustimmung zu etwas geben, was ihn zum Alleinverantwortlichen machen würde. Ob er, der Chef, der jetzige, ihn für so dumm oder naiv hielte, dass er sich dafür hergeben würde. Wie oft habe er denselben schon darauf hingewiesen, dass die Maschine erneuert gehört hätte. Eigentlich war es schon gemeingefährlich, irgendjemand in die Nähe dieses Produktionsmittels zu lassen, wenn es eingeschaltet war. All das hatte der Chef, der jetzige, allerdings als unwichtig und unbedeutsam abgetan.

10 tote Arbeiter

10 Stunden Schichten

10 Leidensgenossen

10 Freunde

10 gut bekannte Familien

So viele Leben habe er durch seine Gier zerstört. Dafür müsse er zahlen. Das wäre zwar kein wirklicher Ausgleich, aber wenn all diese Menschen schon um ihre toten Angehörigen trauern mussten, so sollten sie sich zumindest keine Gedanken um das Finanzielle machen müssen. Damit wollte er das Büro verlassen. Der Chef, der jetzige, warf ihm hinterher, dass er gefeuert wäre. Der Vorarbeiter drehte sich nochmals um, um dem verdatterten Eigentümer ruhig mitzuteilen, dass alle Arbeiter bereits die Arbeit niedergelegt hätten. Damit verließ er das Büro und die Fabrik.

 

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