In dem Medien kursieren erste Ergebnisse eines Handyverzicht Experiments. Es ist eindeutig, zu viel Zeit am Handy scheint schädlich, was fehlt ist der gesellschaftliche Kontext in der Erklärung der Befunde, stattdessen wird wieder die individuelle Verantwortung betont.
Wien. Ein österreichweites Experiment „Drei Wochen ohne Smartphone“ für Schülerinnen und Schüler liefert nun die ersten Befunde. Getestet wurde auf psychisches Wohlbefinden, Symptome von Depressionen und Schafstörungen. Realisiert wurde das Experiment von dem Unternehmen IRC-Consulting in Zusammenarbeit mit Institutionen wie dem ORF, dem Anton-Proksch-Institut sowie dem Bildungsministerium Österreich. Es handelt sich um eine Weiterführung des kleiner angelegten Projekts im Vorjahr, bei welchem sich ein Niederösterreichisches Gymnasium beteiligt hatte und 69 Jugendliche ihr Smartphone ausgeschaltet ließen.
Diesen März hatten sich 45.656 Schülerinnen und Schüler in Österreich, Südtirol, der Schweiz und in Deutschland dafür bereit erklärt an einer wissenschaftlichen Befragung teilzunehmen. Die Devise lautete: „Drei Wochen ohne Handy“. Circa 32.000 Kinder und Jugendliche waren dabei in der Versuchsgruppe, welche entweder eine komplette Nicht-Nutzung des Smartphones vornahmen oder den Modus ‚Light‘ wählten, wodurch sie ihr Handy unter einer Stunde am Tag nutzen durften. Social-Media-Apps mussten hierbei jedoch deaktiviert oder gelöscht werden. Auch Tastenhandys wären erlaubt gewesen, so könne man mit diesen ja nur Anrufe tätigen. Tablets und Computer waren mit der Begründung, sie würden im Schulunterricht gebraucht werden, erlaubt. Insgesamt haben zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler die vollen 21 Tage auf ihr Handy verzichtet. Die Schülerinnen und Schüler wurden kurz vor dem Experiment befragt, unmittelbar nach den 21 Tagen und fünf Wochen später erneut. Zu Beginn berichtete jeder zweite Jugendliche von leichten bis mittelschweren Schlafstörungen. zwei Drittel verspürten außerdem leichte bis schwerere Depressionssymptome.
Nach den drei Wochen habe sich die Ein- und Durchschlafstörungen um circa 20 Prozent verringert, auch das psychische Wohlbefinden stieg bei der Gruppe, die ganz auf das Handy verzichtete um circa 18 Prozent. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen ohne depressive Symptome stieg um etwa 15 Prozent. Weiters zeigen die ersten Ergebnisse der Befragung, dass sich die Schülerinnen und Schüler in der handyfreien Zeit nicht einsamer fühlten. Dies kann aber durchaus auch daher stammen, dass das Experiment in jeweiligen Klassen und ganzen Schulen durchgeführt wurde. Wenn der Großteil der Freunde, weil sie Schulfreunde sind, nicht über Instagram oder Snapchat interagieren kann, ist es wohl um einiges leichter das Verhalten dahingehend umzustellen und beispielsweise schon während der Schulzeit ein Treffen zu vereinbaren oder sich auf dem Festnetz anzurufen, wenn es keine andere Möglichkeit der Kontaktaufnahme gibt.
Diverse bürgerliche Medien nehmen diese ersten Befunde – ein wissenschaftlicher Bericht ist noch nicht verfügbar – als Vehikel, um das Gesetz um das Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige zu bekräftigen. Dass dieses Gesetz jedoch vor allem für die Interessen der Internetkonzerne fungiert und den Jugendlichen die Möglichkeit nach freier Meinungsbildung nimmt, wird nicht erwähnt. Inhalte in den sozialen Netzwerken sind oftmals von Gewaltszenen, Pornografie, Frauenfeindlichkeit, Kommerzialisierung von ‚Self-Care‘ und vieles weiteres geprägt. Diese Inhalte haben einen negativen Einfluss auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen, ohne Frage; aber daran sind nicht die Jugendlichen schuld. Es gibt bereits Gesetzte gegen diese Inhalte, gegen deren Verstöße seitens der Regierung jedoch nicht oder nur vereinzelt nachgegangen wird. Dass Kindern und Jugendlichen diese Inhalte in den ‚Feed‘ gespült werden, ist aufgrund der Algorithmen dieser Apps, die genau in dieser Weise gestaltet werden, um die Benutzerinnen und Benutzer so lange wie möglich auf dieser App verbleiben zu lassen vorprogrammiert, damit die Konzerne dahinter möglichst viel Profite machen.
Intensive Handynutzung, die gar zu einer Sucht werden kann, ist kein individuelles Problem, kein individuelles Versagen von Kindern und Jugendlichen; es ist eine weitgreifende Herausforderung, welche nicht nur junge Menschen betrifft, sondern in jeder Altersgruppe greift. Durch die undifferenzierte mediale Berichterstattung erscheint es so, als müsste die einzelne Schülerin oder den einzelnen Schüler, das eigene Kind, der jeweilige Jugendliche, welcher von psychischen Problemen klagt, einfach nur das Handy ausschalten, dann würde es ihr oder ihm gleich viel besser gehen. Doch macht es einen großen Unterschied, ob man gesammelt als Klasse, gar als ganze Schule das Telefon weglegt und „wieder mehr Zeit fürs echte Leben“ hat, wie die offizielle Website des Experiments schreibt, oder ob man diesen Schritt als Einzelperson wagt und gegebenenfalls in Isolation fällt.
Quelle: Der Standard/ORF/IRC Consult/Handy Experiment
























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