Die Reform der Philosophie-Lehrpläne an italienischen Gymnasien sorgt für heftige Proteste unter Wissenschaftlern und Lehrkräften. Die Regierung Meloni versucht mit aller Kraft, marxistische und gesellschaftskritische Denktraditionen gezielt aus dem Unterricht zu drängen.
Rom. Die von Bildungsminister Giuseppe Valditara (Lega) vorangetriebene Reform der italienischen Gymnasial-Lehrpläne entwickelt sich zunehmend zu einem politischen Konflikt um Kultur, Geschichte und Ideologie. Nachdem bereits Änderungen beim Literaturunterricht – insbesondere die geplante spätere Behandlung von Alessandro Manzonis Die Verlobten – auf breite Kritik gestoßen waren, richtet sich der Protest nun gegen die neuen Philosophie-Richtlinien für die Oberstufe.
Mehr als sechzig Universitätsprofessorinnen und ‑professoren, ehemalige Hochschul- und einige Gymnasiallehrkräfte haben einen öffentlichen Appell unterzeichnet. Zu den prominentesten Unterzeichnern gehört der Philosoph und ehemalige Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari. Die Kritikerinnen und Kritiker werfen der Reform vor, zentrale Denker der europäischen Philosophiegeschichte zu marginalisieren oder ganz auszuklammern.
Besonders scharf kritisiert wird, dass Karl Marx in den neuen Richtlinien kein einziges Mal erwähnt wird. Auch Antonio Gramsci fehlt. Ebenso beanstanden die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner die fehlende oder reduzierte Behandlung von Philosophen wie Spinoza, Fichte und Schelling sowie eine verkürzte Darstellung von Kant und Leibniz. Hinzu kommt, dass laut den vorgesehenen Richtlinien im Bereich der politischen Philosophie offenbar nur zwischen Hobbes, Locke oder Rousseau gewählt werden soll, statt alle Philosophen gemeinsam zu behandeln.
Als würde man Marxisten tatsächlich durchmachen
Dabei muss man bedenken, dass Marx und Gramsci bereits bisher im italienischen Schulunterricht meist nur stark entschärft und entpolitisiert behandelt werden. Ihre Analysen von Kapitalismus, Klassenherrschaft und gesellschaftlichen Machtverhältnissen werden zumeist sowieso auf allgemein-philosophische oder historische Aspekte reduziert, während ihre revolutionäre und systemkritische Dimension weitgehend ausgeblendet bleibt. Aber selbst das scheint zu viel des Guten. Vor diesem Hintergrund wird der vollständige Ausschluss ihrer Namen aus den Richtlinien von vielen nicht als bloße Nachlässigkeit verstanden, sondern als weiterer Schritt einer ideologischen Verschiebung.
Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner erkennen zwar an, dass die im Dokument genannten Philosophen lediglich „beispielhaft und nicht verbindlich“ aufgeführt werden. Dennoch halten sie die Auslassungen für politisch bedeutsam. Insbesondere der Ausschluss von Marx bei gleichzeitiger Betonung einer unspezifizierten „italienischen Philosophie des 19. Jahrhunderts“ wird von ihnen als Ausdruck eines kulturell-politischen Projekts der Rechten interpretiert. Auch der Verweis auf den Neoidealismus von Benedetto Croce und Giovanni Gentile ohne die Kritik Gramscis daran wird als ideologisch motiviert angesehen.
Eine neue Kultur der Ignoranz
Die Kritik geht dabei über rein schulpolitische Fragen hinaus. Gegnerinnen und Gegner der Reform sehen darin den Versuch, kritische Gesellschaftsanalyse aus dem Unterricht zurückzudrängen. Marxistische Ansätze, Kritik am Kapitalismus sowie Fragen sozialer Klassenverhältnisse werden dadurch an den Rand gedrängt. Aus dieser Perspektive erscheint die Reform als Teil einer breiteren konservativen und antikommunistischen Entwicklung, die in mehreren europäischen Ländern zu beobachten ist.
Zusätzliche Symbolkraft erhält die Debatte durch die Figur Antonio Gramscis. Der marxistisch-leninistische Philosoph und Gründer der Kommunistischen Partei Italiens starb in einem faschistischen Gefängnis. Der Faschismus hatte Gramsci einst inhaftiert, um einen der bedeutendsten revolutionären Denker der italienischen Geschichte zum Schweigen zu bringen. Sein Ausschluss aus den Lehrplänen stellt den Versuch dar, seinen politischen und philosophischen Einfluss schrittweise aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verdrängen und Geschichtsrevisionismus zu betreiben.
Quellen: IDC / CorrieredellaSera


















































































