Ein Verbrechen von kaum vorstellbarer Grausamkeit erschüttert derzeit Italien. In Amendolara in der süditalienischen Region Kalabrien wurden vier migrantische Landarbeiter bei lebendigem Leib verbrannt. Auf Aufnahmen von Überwachungskameras ist zu sehen, wie zwei Männer Benzin in einen Minivan schütten, in dem sich die Arbeiter befinden, das Fahrzeug anzünden und die Türen von außen blockieren. Die Opfer – Ismat, Fazal, Waseem und Safi aus Afghanistan und Pakistan – hatten keine Chance zu entkommen.
Ein fünfter Arbeiter, der 35-jährige Afghane Taj Alamyar, überlebte schwer verletzt. Seine Aussagen zeichnen das Bild eines Systems brutaler Ausbeutung. Die Männer arbeiteten als Erntehelfer auf Erdbeerfeldern der Region für einen Tageslohn von 45 Euro. Regelmäßig wurde ihnen der ohnehin niedrige Lohn vorenthalten. Für den Transport zur Arbeit mussten sie zusätzlich bezahlen. Ihre Unterkunft bestand aus einem Matratzenlager in einem heruntergekommenen Bauernhaus, die Verpflegung beschränkte sich auf Brot und Kartoffeln.
Nach Angaben des Überlebenden hatten die Arbeiter immer wieder die Auszahlung ihrer Löhne und reguläre Arbeitsverträge gefordert. Am Tag der Tat sei es erneut zu einem Streit gekommen. Die mutmaßlichen Täter, zwei sogenannte „Caporali“, hätten die Arbeiter zuvor bereits mit einer Waffe bedroht. Schließlich eskalierte die Situation in einem Verbrechen, das an Brutalität kaum zu überbieten ist.
Die beiden festgenommenen Männer sind Teil des sogenannten Caporalato-Systems. Dabei handelt es sich um ein in vielen Bereichen der italienischen Landwirtschaft verbreitetes System illegaler Arbeitsvermittlung. Die Caporali rekrutieren migrantische Arbeitskräfte, organisieren Transport und Unterkünfte und kontrollieren die Arbeiter durch Schulden, Drohungen und Gewalt. Sie fungieren als Mittelsmänner zwischen den Großbetrieben und den rechtlosen Arbeitskräften.
Kein Konflikt zwischen Migranten sondern Produkt eines Systems
Die Basisgewerkschaft SI Cobas weist deshalb entschieden Versuche zurück, die Tat als bloßen Konflikt zwischen Migranten darzustellen. In einer Stellungnahme erklärt die Gewerkschaft: „Dieses schreckliche Verbrechen überrascht uns nicht. Es zeigt vielmehr in immer deutlicherer Weise, wie Caporalato, Schwarzarbeit und arbeitsbezogene Erpressung weiterhin eine schwerwiegende Verletzung der Rechte der Arbeiter darstellen, insbesondere der migrantischen Arbeiter.“
Die Zeugenaussagen und die Videoaufnahmen würden belegen, dass die Arbeiter den Mut hatten, sich gegen ihre Ausbeutung zu wehren und reguläre Arbeitsverträge einzufordern. Die Antwort der Caporali sei eine „summarische Hinrichtung“ gewesen. SI Cobas betont, dass die eigentliche Ursache tiefer liegt: „Dieser schreckliche Mord ist das direkte und unvermeidliche Produkt eines gesamten Wirtschaftssystems, das auf Hyperausbeutung und der vollständigen Versklavung migrantischer Arbeitskräfte basiert.“
Tatsächlich endet die Verantwortung nicht bei den unmittelbaren Tätern. Das Caporalato ist eng mit den Profiterfordernissen der Agrarkonzerne und der großen Handelsketten verbunden. Der Druck auf immer niedrigere Preise wird entlang der Produktionskette nach unten weitergegeben – bis zu denjenigen, die die Felder bestellen und die Ernte einbringen. Migranten ohne gesicherten Aufenthaltsstatus werden dabei besonders leicht erpressbar. Rassistische Migrationsgesetze schaffen zusätzliche Abhängigkeiten und machen Widerstand gefährlich.
Mafia als Instrument der herrschenden Klasse
Der Fall wirft zugleich ein Schlaglicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in Teilen Süditaliens. Die Fronte Comunista (FC) erinnerte kürzlich auf einem Treffen der Europäischen Kommunistischen Aktion daran, dass organisierte Kriminalität wie Mafia, Camorra oder ’Ndrangheta historisch stets dort besonders stark waren, wo die Arbeiterklasse nicht über eigene starke Organisationen verfügte. Die Mafia, so die Analyse, fungiere als Instrument der herrschenden Klassen zur Sicherung wirtschaftlicher und politischer Vorherrschaft. Ihr Einfluss wachse dort, wo Arbeiterinnen und Arbeiter isoliert, rechtlos und unorganisiert seien.
Die FC verweist darauf, dass die kommunistischen Betriebszellen und Stadtteilorganisationen des PCI in früheren Jahrzehnten nicht nur politische Zentren waren, sondern auch konkrete Anlaufstellen für Arbeiterinnen und Arbeiter, Erwerbslose und Landarbeiter. Sie boten Unterstützung gegen Ausbeutung, Willkür und mafiöse Herrschaft. Mit dem Niedergang der kommunistischen Massenbewegung seien vielerorts Räume entstanden, die von kriminellen Netzwerken und kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen gefüllt wurden.
Mörderischen Konsequenzen maximaler Profitsteigerung
Der Mord von Amendolara ist deshalb weit mehr als ein einzelnes Verbrechen. Er offenbart die mörderischen Konsequenzen eines Systems, das auf maximaler Profitsteigerung, Entrechtung migrantischer Arbeitskräfte und der Zerschlagung kollektiver Gegenmacht beruht. Vier Arbeiter wurden ermordet, weil sie ihren Lohn forderten und ein Leben in Würde verlangten.
Die Antwort darauf kann nicht in den üblichen Betroffenheitsbekundungen der Politik bestehen. Notwendig sind die Organisierung der Arbeiterklasse, die gewerkschaftliche und politische Selbstorganisation der Migranten und Migranten, der gemeinsame Kampf gegen jene Verhältnisse, die solche Verbrechen hervorbringen.
Quelle: Junge Welt/Si Cobas/Fronte Communista




















































































