Während die ganze Welt fiebrig auf dem Fernseher die Fußball-WM mitverfolgt, ergibt sich in ihrem Austragungsland eine Misere an Verhaftungen und Verfolgung. Innerhalb der letzten Tage sind über 10.000 Menschen in den USA durch das United States Immigration and Customs Enforcement, kurz ICE, festgenommen worden.
Mindestens seit der Trump-Administration stiegen die Festnahmen; erst letztes Jahr hatten sie das neue Ziel festgesetzt, jeden Tag mindestens 3.000 Menschen, oder wie sie sie betiteln „illegal aliens“ festzunehmen und zur Deportation zu zwingen. Diese steigenden Zahlen können dahingehend interpretiert werden, dass ICE nun ihre Taktik ändert, nachdem unter anderem Ende Juni eine friedlich Protestierende vor einer privaten ICE-Haftanstalt in New Jersey von einem Auto angefahren wurde. Von ihren hochsichtbaren Durchsetzungsmaßnahmen agieren sie nun subtiler, sei es eine Abduktion beim Einkaufen, beim Heimgehen in einer Seitenstraße, beim Gassigehen mit dem Hund im Park oder aber auch das Abholen der Kinder nach dem Fußballtraining. Solche Festnahmen haben den Vorteil, dass sie innerhalb ein paar Minuten vonstattengehen können, wodurch die festgenommene Person wenig Zeit hat, die Situation überhaupt einzuschätzen. Durch eine plötzliche Situation, die womöglich einem Überfall gleichkommen könnte, vergisst man leicht, welche Maßnahmen gesetzt werden müssen, sei es einen Anwalt oder ein Familienmitglied anzurufen oder aber zu erkennen, dass das Verhalten der ICE-Beamten nicht regelkonform sein könnte.
Doch das Ministerium für Innere Sicherheit handelt ja vermeintlich zum Wohle des Landes, so stellvertretende Staatssekretärin Lauren Bis: „Vom ersten Tag an hat die ICE das Versprechen von Präsident Trump gegenüber dem amerikanischen Volk eingehalten, Pädophile, Mörder, Vergewaltiger und andere Kriminelle festzunehmen und abzuschieben.“ Gegenüber dem steht die erschreckende Wahrheit, dass hunderte Kinder und Familien gerade in der einzigen Familienhaftanstalt der USA in Texas ihre Tage fristen müssen. Berichtet wird immer wieder, dass dort Familien mehrere Monate festgehalten werden; ein fundamentaler Verstoß gegen das in den USA geltende Flores-Abkommen, welches es verbietet Kinder mehr als 20 Tage zu inhaftieren. Dabei sind die Bedingungen in der Dilley-Anstalt sehr schlecht. Oft haben die Familien keinen angemessenen Zugang zu Nahrungsmitteln, sauberem Wasser, Hygieneartikeln und anderen Gütern der Grundversorgung. Gerade bei Kindern erhöht sich das Risiko erheblich durch diese Bedingungen traumatisiert zu werden – Folgen, die ein lebenslang bleiben und den Alltag schwerwiegend beinträchtigen können.
Doch nicht nur unschuldige Kinder werden unter diesen prekären Bedingungen weggesperrt, die Organisation ‚Transactional Records Access Clearinghouse‘ (TRAC) berichtet davon, dass zum Standpunkt des 04. April 2026 über 70 Prozent der derzeit Inhaftierten nicht vorbestraft sind. Viele von denen, die vorbestraft sind, haben kleinere Vergehen begangen, wie Verkehrsverstöße, also zum Beispiel bei Rot über die Ampel fahren oder Falschparken.
Eine weitere Maßnahme, die durch die Trump-Administration wieder eingeführt wurde, sind Razzien an Arbeitsplätzen, vor allem in großen Fabriken. In den ersten sieben Monaten der zweiten Trump-Ära, von Jänner bis Juni 2025, wurden nach offiziellen Angaben des ICE mindestens vierzig Durchsuchungen an Arbeitsplätzen vorgenommen, die zu mindestens 1.100 Verhaftungen geführt hat. Die Zahlen steigen stetig. Und obgleich es keine verlässliche Datenlage gibt, wieviel Prozent der immigrierten Personen, ohne offiziellen Aufenthaltsstatus arbeiten, so geht man davon aus, dass fast 90 Prozent in arbeitsfähigem Alter sind. Die Razzien an Arbeitsplätzen, und warum sie immer wieder eingesetzt werden, haben mehrere Gründe.
Es zeigt sich, auch durch die mediale Berichterstattung, die Inszinierung der politischen Symbolik. So werden diese Razzien stark in Szene gesetzt, um die Grausamkeit gegenüber Migrantinnen und Migranten weiter hervorzuheben. Dies kann bei gewissen Wählerinnen und Wählern eine besondere Form des Vergnügens hervorrufen – ein stellvertretendes Spektakel der Gewalt, welches das Bedürfnis stillt, sehen zu können, wie ihr Land, die USA ihre Souveränität mutmaßlich verteidigt. Gleichzeitig können Nachrichten durch die Zurschaustellung dieser Einsätze die Ängste einer ethnisierten Belagerung mancher Radikaler bestätigen, und so kann der polarisierende Trugschluss, „Illegale Einwandererinnen und Einwanderer würden uns die Arbeitsplätze wegnehmen!“ bestätigt werden. Erste Studien zu den Effekten von ICE-Razzien auf den Arbeitsmarkt legen jedoch nahe, dass nicht nur Einwandernde durch Abschreckung weniger arbeiten, auch bei den USA-Gebürtigen wird eine sinkende Beschäftigungsquote festgestellt.
Ein weiterer Grund für den Einsatz von Razzien durch den Staatsapparat ist die Disziplinierung der undokumentierten Arbeiterinnen und Arbeiter. Gerade im Niedriglohnsektor, in welchem die Arbeitsbedingungen oftmals prekär sind, kommt durch den undokumentierten Status ein neuer Moment der Prekarität hinzu. Manche Forschenden gehen hier von einer Hyperprekarität aus. Durch die stetige Angst, jederzeit könne man deportiert werden, seine Familie nicht mehr zu Gesicht bekommen, bleibt man lieber unsichtbar. Schlechte Arbeitsbedingungen, niedriger Lohn, unbezahlte Überstunden und noch vieles weiters werden hingenommen. Denn Widerstand zu leisten und Arbeitsrechte geltend zu machen wird von Razzien stetig untergraben, so fühlen die Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Aufenthaltsbestätigung die erhöhte Angst abgeschoben werden zu können. Dies hat den Nebeneffekt, dass auch die sicheren Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter mit Aufenthaltsbestätigung weiter ausgehöhlt werden. Die Verbindung staatlich organisierter Durchsuchungen, in welchen ICE immer öfter auf die Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Vollzugsbehörden, wie der DEA (Drug Enforcement Administration), dem FBI (Federal Bureau of Investigation) oder auch dem CBP (Customs and Border Protection) gesetzt wird, mit dem Akkumulationsregime ist durchaus ersichtlich. Gleichzeitig hat diese Form der Ausbeutung in den USA schon längere Tradition. Am Fallbeispiel der Fleischverarbeitungsindustrie konnte dies wissenschaftlich erörtert werden. Denn obgleich der Versuche, die Verarbeitung von Fleisch gänzlich zu industrialisieren, erfordert die Art der Zerlegung oftmals Handarbeit, weswegen die Fabrikanten auf niedrig qualifizierte Arbeitskräfte setzten. Diese sollten vor allem auch billig, austauschbar und gewerkschaftsfrei sein – alles andere könnte den Profit beeinträchtigen. Seit circa den 1970ern verschoben sich die Fabriken der Fleischverarbeitungsunternehmen von urbanen Zentren in ländliche Gebiete des mittleren Westens oder des Südens der USA; auch in Bundesstaaten, die stark von Abwanderung betroffen sind und mitunter auch eine sehr geringe Arbeitslosigkeit aufwiesen. Mehrere Studien geben jedoch Hinweise darauf, dass solche Unternehmen aktiv migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Aufenthaltspapiere mobilisieren. Die Beschäftigung einer großen Zahl von Arbeitenden mit zweifelhaftem Aufenthaltsstatus würde dazu beitragen, das Risiko einer Gewerkschaftsbildung zu minimieren, da diesen Arbeiterinnen und Arbeiter nur sehr begrenzt arbeitsrechtlicher Schutz zusteht. Ihr rechtlicher Status schmälert dabei ihre Verhandlungsmacht zusätzlich. Gleichzeitig ist immer wieder eine hohe Fluktuation der Arbeitenden vorzufinden, oftmals verursacht durch Erkrankung und Zermürbung durch die schwere Arbeit. Durch diese hohe Fluktuation werden einerseits die Löhne erneut niedrig gehalten – sie bleiben auf Einstiegsniveau – gleichzeitig ist solidarischer Zusammenschluss erschwert. Dadurch wird jedmöglicher Druck von der Branche genommen die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Die Fleischverarbeitungsindustrie soll hier als Beispiel fungieren für die Verstrickungen des amerikanischen Staates mit den Kapitalinteressen. Dies wird ein weiteres Mal untermauert durch die ungleiche Austragung rechtlicher Konsequenzen, beispielsweise bei Razzien. Denn die festgenommenen Arbeiterinnen und Arbeiter, nachdem sie vorgeführt wurden, um die Schaulustigen vor dem Fernseher zu befriedigen, finden sich, manchmal für Monate oder noch länger in frevelhaften Haftanstalten wieder, nur um dann aus dem Land verwiesen zu werden. Die Arbeitgeber auf der anderen Seite sind nur selten mit nennenswerten Strafen konfrontiert. Corral bringt dabei den Zweck ICEs auf den Punkt, indem er schreibt, dass „die Bestrafung selbst – und nicht Vergeltung oder Abschreckung – die Daseinsberechtigung des Einwanderungsregimes ist“ (Valdez zit. nach Corral, 2023, S. 1533).
Quellen: The Guardian/The Mirror/The Mirror/dhs/Amnesty/racreports/American Immigration Council/American Immigration Council/nber/Political Research Quarterly/Immigrant Justice/Review of Political Economy






















































































