Mit einer aktuellen Presseaussendung unterstützt der Allgemeine Sportverband Österreich (ASVÖ) die von ÖVP, SPÖ und NEOS geplante Liberalisierung des Online-Glücksspielmarktes. Der Dachverband begrüßt die geplante Abkehr vom staatlichen Monopol und verspricht sich davon zusätzliche Einnahmen für den österreichischen Sport. Damit macht sich einer der größten Sportverbände des Landes ausgerechnet für jene Branche stark, deren Geschäftsmodell auf den Verlusten hunderttausender Menschen beruht.
Die Bundesregierung plant mit der Novelle des Glücksspielgesetzes die umfassendste Umgestaltung des Marktes seit Jahrzehnten. Ab 2027 soll das bisherige Monopol im Online-Glücksspiel durch ein Mehrlizenzsystem ersetzt werden. Mehrere private Anbieter sollen künftig legal auf dem österreichischen Markt tätig sein können. Die Regierung verbindet die Marktöffnung mit verschärften Auflagen beim Spielerschutz und argumentiert, dadurch den Schwarzmarkt einzudämmen. Tatsächlich bedeutet die Reform jedoch eine weitgehende Liberalisierung eines Marktes, dessen gesellschaftliche Schäden seit Jahren bekannt sind.
Einnahmen wichtiger als gesellschaftliche Folgen?
Der ASVÖ sieht in der Reform vor allem eine finanzielle Chance. Präsident Peter Reichl spricht von einer „Win-win-Situation“, Generalsekretär Wilhelm Blecha fordert, der organisierte Sport müsse als Partner an der Neuregelung beteiligt werden. Als Begründung verweist der Verband auf eine Studie, wonach sich die Sportförderung durch höhere Glücksspielumsätze bis 2031 um rund 160 Millionen Euro erhöhen könnte.
Gerade diese Argumentation offenbart jedoch das eigentliche Problem. Nicht der Schutz vor Spielsucht oder die gesellschaftlichen Folgen stehen im Mittelpunkt, sondern die Aussicht auf zusätzliche Einnahmen. Dass diese Mittel letztlich aus den Verlusten der Spieler stammen, bleibt in der Aussendung des ASVÖ weitgehend ausgeblendet.
Dabei räumt der Verband selbst ein, dass Glücksspiel „kein normales Wirtschaftsgut“ sei und auf rund 300.000 Menschen mit problematischem Spielverhalten verweist. Gleichzeitig unterstützt er jedoch eine Reform, die den Markt für weitere Anbieter öffnet und damit zwangsläufig den Konkurrenzdruck erhöht.
Mehr Wettbewerb bedeutet mehr Glücksspiel
Die Bundesregierung versucht, die Liberalisierung mit strengeren Schutzmaßnahmen zu verbinden. Einzahlungslimits, Sperrregister und strengere Zulassungsvoraussetzungen werden als Beleg angeführt, dass wirtschaftliche Öffnung und Spielerschutz vereinbar seien.
Internationale Erfahrungen sprechen jedoch eine andere Sprache. Wo zusätzliche Anbieter zugelassen werden, steigt regelmäßig der Werbedruck. Unternehmen konkurrieren um Marktanteile, investieren Millionen in Marketing und entwickeln immer neue Angebote, um Spieler möglichst langfristig an ihre Plattformen zu binden. Jeder lizenzierte Betreiber verfolgt dasselbe Ziel: den eigenen Umsatz zu steigern.
Der grundlegende Widerspruch bleibt bestehen. Ein Unternehmen kann seine Gewinne nur erhöhen, wenn möglichst viele Menschen möglichst häufig spielen und möglichst viel Geld verlieren. Kein regulatorischer Rahmen kann diesen ökonomischen Anreiz beseitigen.
Der Sport gerät in Abhängigkeit
Besonders problematisch ist die Haltung des ASVÖ deshalb, weil sie den Sport immer enger an die Glücksspielindustrie bindet. Bereits heute finanzieren Wettanbieter Vereine, Ligen und Veranstaltungen über Sponsoringverträge. Nun fordert ein großer Sportverband selbst eine Marktöffnung, weil er sich höhere Einnahmen verspricht.
Damit verschiebt sich die politische Debatte. Anstatt eine ausreichende öffentliche Finanzierung des Breiten- und Nachwuchssports einzufordern, wird die Finanzierung zunehmend an die Gewinne einer Branche geknüpft, deren Geschäftsmodell erhebliche soziale Schäden verursacht.
Gerade der Breitensport erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Er fördert Gesundheit, Gemeinschaft und soziale Teilhabe. Dass seine Finanzierung ausgerechnet von steigenden Glücksspielumsätzen abhängig gemacht werden soll, ist Ausdruck einer politischen Fehlentwicklung.
Sportförderung darf nicht auf Spielsucht beruhen
Der österreichische Sport benötigt eine verlässliche Finanzierung. Diese Aufgabe muss jedoch der Staat erfüllen – aus allgemeinen Steuermitteln und nicht durch die Ausweitung eines Marktes, dessen Profite auf Spielsucht, Überschuldung und sozialen Problemen beruhen.
Wenn Sportverbände beginnen, sich als politische Fürsprecher der Glücksspielbranche zu betätigen, zeigt das vor allem eines: Die öffentliche Finanzierung des Sports wurde über Jahre ausgehöhlt. Diese Entwicklung darf jedoch nicht dazu führen, dass Vereine und Verbände ihre Zukunft an jene Industrie knüpfen, die von den Verlusten hunderttausender Menschen lebt.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie der Glücksspielmarkt weiter wachsen kann, sondern warum Sportförderung überhaupt von Glücksspielerlösen abhängig sein soll. Eine Gesellschaft, die Gesundheit, Bewegung und Jugendarbeit ernst nimmt, finanziert den Sport aus öffentlichen Mitteln – und nicht aus den Profiten einer Suchtindustrie.


















































































