Julia schloss die Wohnungstüre hinter sich, lehnte sich einen Moment dagegen. Nicht lange. Nur einen Atemzug.
Sie stellte die Einkaufstasche in die Küche, zog die Schuhe aus und massierte mit dem Daumen ihre schmerzenden Füße.
Auf dem Tisch lag ein roter Flyer.
1. Mai. Treffpunkt 12 Uhr.
Sie nahm ihn in die Hand, las die wenigen Worte und legte ihn wieder weg.
„Die machen eh nichts für mich“, murmelte sie.
Nicht einmal wütend.
Eher müde.
Sie dachte an die letzten Wochen.
An die Kollegin, die gekündigt hatte und nicht ersetzt worden war.
An die Schichten, die immer länger wurden.
An den Chef, der sagte, alle müssten zusammenhalten.
An die Miete.
An die Stromrechnung.
An ihre Mutter, die immer öfter Hilfe brauchte.
An den Wecker, der jeden Tag um halb fünf läutete.
Was sollte da eine Demonstration ändern?
Es war Feiertag.
Immerhin ein Feiertag, dieser 1. Mai.
Sie hatte noch nie darüber nachgedacht warum.
Egal, er war es.
Sie setzte Wasser für einen Tee auf.
Draußen hörte sie Kinder lachen.
Sie dachte an die Demonstration.
Sie seufzte.
„Vielleicht gehe ich nächstes Jahr hin.“
Doch dann erinnerte sie sich an Petra aus der Frühschicht.
„Komm einfach mit“, hatte sie gesagt, „Wenn’s Dir nicht gefällt, gehen wir wieder“.
Mehr hatte Petra gar nicht gesagt.
Kein Vortrag.
Keine Überredung.
Nur:
„Komm mit.“
Ein wenig später stand Julia zwischen hunderten Menschen.
Sie kannte niemand.
Außer Petra.
Es wurde gelacht.
Petra drückte ihr einen Kaffee in die Hand.
„Schön, dass Du da bist“, ergänzte sie.
Ein älterer Mann erzählte einer Gruppe von seinem ersten 1. Mai.
Eine junge Familie zog einen Bollerwagen hinter sich her.
Eine Frau mit grauen Haaren sprach mit einem Lehrling.
Julia blieb nahe bei Petra.
Sie hörte zu.
„Ganz schön viele Menschen“, sagte Julia.
Petra nickte.
„Ja.“
Eine Weile schwiegen sie.
„Ich verstehe trotzdem nicht, was das bringt“, sagte Julia schließlich.
„Morgen ist doch wieder alles wie vorher.“
Petra lächelte.
„Das habe ich früher auch gedacht.“
Julia sah sie an.
„Und warum kommst Du dann immer noch?“
„Weil ich hier vor Jahren Menschen kennengelernt habe, die mir zeigten, wie man als solidarische Gruppe etwas verändern kann.“
„Wie meinst Du das?
„Als wir im Betrieb einen neuen Dienstplan bekamen. Als meine Kollegin Probleme mit dem Arbeitgeber hatte. Als ich einfach jemanden brauchte, der zuhörte. Und ich habe nach und nach erfahren, was wir als Klasse bewirken können, wenn wir verstanden haben, was das Problem ist. Ich habe gemerkt, dass Demonstrationen wichtig sind. Aber das Eigentliche passiert erst danach.“
„Danach?“
„Ja.“
Petra drückte Julia einen Zettel in die Hand.
Eine Einladung.
„Dort treffen wir uns regelmäßig. Wir diskutieren über Politik und Wirtschaft. Wir nehmen die alltäglichen Probleme und Sorgen ernst und zeigen, dass es einen Ausweg gibt. Wenn Du magst, komm einmal vorbei.“
Julia schwieg.
Keine Überredung.
Kein Druck.
Nur eine Einladung.
„Muss ich Mitglied sein?“
Petra schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Und wenn ich einfach nur erzählen möchte?“
„Dann hören wir zu.“
















































































