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Mauthausen: 81 Jahre danach – der Ausbruch aus dem Todesblock 20

2. Feber 2026
in Geschichte
Mauthausen: 81 Jahre danach – der Ausbruch aus dem Todesblock 20

Mauthausen. In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 1945 ereignete sich im Konzentrationslager Mauthausen einer der außergewöhnlichsten und zugleich mutigsten Akte organisierten Widerstands gegen den Terror des deutschen Faschismus. Mehr als 500 sowjetische kriegsgefangene Offiziere, die im berüchtigten Todesblock 20 interniert waren, beschlossen, sich ihrem sicheren Tod nicht länger widerstandslos zu fügen.

Sie wussten, dass sie zur Ermordung bestimmt waren. Der Block 20 war kein regulärer Haftbereich, sondern ein abgeschotteter Vernichtungsort innerhalb des Lagers. Hunger, Kälte, Misshandlungen und gezielte Exekutionen gehörten dort zum Alltag. Überleben war nicht vorgesehen.

Trotz völliger Entkräftung und ohne Waffen organisierten die Häftlinge einen kollektiven Ausbruch. Mit Pflastersteinen, Feuerlöschern sowie Seifen- und Kohlestücken griffen sie die Wachmannschaften an. Nasse Decken wurden über den elektrisch geladenen Stacheldraht geworfen, um einen Kurzschluss zu erzeugen. In einem wenige Minuten dauernden, chaotischen und höchst riskanten Angriff gelang es einem Teil der Gefangenen, die Lagermauer zu überwinden.

Viele der Ausbrechenden brachen bereits unmittelbar nach der Flucht im tiefen Schnee zusammen oder wurden noch im Bereich des Lagers von SS-Posten erschossen. Dennoch konnten 419 Häftlinge zunächst entkommen. Der Ausbruch aus dem Todesblock 20 war damit kein einzelner Fluchtversuch, sondern ein bewusster kollektiver Akt der Auflehnung gegen die geplante Vernichtung – ein letzter Versuch, der vollständigen Entrechtung und Entmenschlichung nicht kampflos zu weichen. Unmittelbar danach begann eine beispiellose Verfolgungs- und Mordaktion.

Am Sonntag, dem 1. Februar 2026, fand an diesem Ort eine gemeinsame Gedenkkundgebung des KZ-Verband/VdA Oberösterreich gemeinsam mit Delegationen der Botschaften der Russischen Föderation, von Belarus, Kasachstan und Usbekistan sowie Vertreterinnen und Vertretern der jeweiligen Communities in Österreich statt. Erinnert wurde an den heldenhaften Ausbruch sowjetischer Offiziere aus dem Todesblock 20 – und an den organisierten antifaschistischen Widerstand.

Die Gedenkfeier begann beim Denkmal für den Generalleutnant der Roten Armee Dmitri Michailowitsch Karbyschew vor dem Lagertor. Andrej Jurjewitsch Grosow, Botschafter der Russischen Föderation in Österreich, erinnerte in seiner Ansprache an die unmenschlichen Verbrechen des Hitlerfaschismus und betonte die Verpflichtung, jeder Form der Verharmlosung und Verherrlichung des NS-Regimes entschieden entgegenzutreten.

Im Anschluss bewegte sich der gemeinsame Zug der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Denkmal der UdSSR, weiter über den Appellplatz zur Gedenktafel im Todesblock 20, schließlich zum Krematorium und zur Klagemauer.

Der Todesblock 20 – Vernichtung durch Isolation

Im Block 20 des KZ Mauthausen waren sogenannte „K‑Häftlinge“ eingesperrt. Grundlage dafür war der sogenannte Kugel-Erlass des NS-Regimes. Zwischen 1944 und 1945 wurden mehrere tausend Menschen – vor allem sowjetische kriegsgefangene Offiziere, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie politische Gegner – nach Mauthausen deportiert, um dort systematisch ermordet zu werden.

Block 20 war durch Mauern und elektrisch geladenen Stacheldraht vom restlichen Lager isoliert. Die Gefangenen mussten auf dem Boden schlafen, erhielten kaum Nahrung und waren permanenten Misshandlungen ausgesetzt. Viele starben bereits nach kurzer Zeit an Hunger, Krankheit und Entkräftung. Andere wurden gezielt exekutiert – ohne reguläre Registrierung, ohne Namen, ohne Spur.

Ein politischer Akt des Widerstands

Der Ausbruch war kein spontaner Akt der Verzweiflung, sondern eine bewusste Entscheidung gegen die sichere Ermordung. Er war ein Akt organisierter Gegenwehr gegen ein System, dessen Kern die vollständige Entmenschlichung der Gefangenen war.

419 Häftlingen gelang zunächst die Flucht aus dem Lager. Viele brachen jedoch bereits im Schnee zusammen oder wurden noch in unmittelbarer Nähe von SS-Einheiten erschossen.

Unmittelbar nach dem Ausbruch ermordete die SS die im Block 20 zurückgebliebenen schwerkranken Gefangenen. Parallel begann eine beispiellose Verfolgungsaktion. Beteiligt waren nicht nur SS und Gendarmerie, sondern auch Wehrmacht, Volkssturm, Hitlerjugend – und zahlreiche Zivilpersonen aus der Umgebung.

Die Geflüchteten wurden gejagt, erschlagen, erschossen, gefoltert. Die Leichen wurden unter anderem in Ried in der Riedmark bei der ehemaligen Volksschule gesammelt und aufgestapelt. In den internen Unterlagen der SS wurde diese Mordaktion zynisch als „Mühlviertler Hasenjagd“ bezeichnet.

Bekannt ist heute nur von elf der rund 500 ausgebrochenen sowjetischen Offiziere, dass sie die Menschenjagd und das Kriegsende überlebten. Einzelne Bauernfamilien und ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter riskierten ihr Leben, um Flüchtlinge zu verstecken oder sie mit Lebensmitteln zu versorgen.

Österreich und die Verbrechen des Faschismus

Die Erinnerung an den Ausbruch aus Block 20 ist untrennbar mit der Frage der Verantwortung verbunden. Nach dem „Anschluss“ 1938 traten Hunderttausende Österreicher der NSDAP bei, über eine Million dienten in der Wehrmacht. Auch zahlreiche militärische Einheiten aus der sogenannten Ostmark waren aktiv am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt.

In Österreich selbst existierten mehr als fünfzig Konzentrationslager, Außenlager, Kriegsgefangenenlager und Vernichtungsstätten. Mauthausen nahm dabei eine besondere Stellung ein: mindestens 90.000 der rund 190.000 dort inhaftierten Menschen wurden ermordet – darunter mehr als 30.000 sowjetische Häftlinge. Sie gehörten zu den am grausamsten behandelten Opfergruppen.

Der Terror war kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck des faschistischen Klassencharakters des NS-Regimes: politische Opposition, organisierte Arbeiterbewegung, internationale Solidarität und kommunistische Überzeugungen sollten physisch ausgelöscht werden.

Dmitri Karbyschew – Standhaftigkeit bis zum Tod

Mit dem Gedenken am Denkmal von Generalleutnant Dmitri Karbyschew wurde in Mauthausen auch an eine der eindrucksvollsten Persönlichkeiten des antifaschistischen Widerstands erinnert.

Karbyschew war ein international anerkannter Militärwissenschaftler und Pioniertechniker. Nach seiner Gefangennahme 1941 versuchten die Nazis, ihn durch Drohungen, Privilegien und Angebote zur Zusammenarbeit zu bewegen. Er verweigerte jede Form der Kollaboration.

Nach Jahren der Haft in mehreren Konzentrationslagern wurde er im Februar 1945 in Mauthausen ermordet. Zeitzeugen berichteten, dass er gemeinsam mit hunderten anderen Häftlingen bei eisigen Temperaturen mit Wasserstrahlen übergossen wurde, bis die Menschen an Erschöpfung, Kälte und Misshandlungen starben.

1946 wurde Karbyschew posthum zum Helden der Sowjetunion erklärt. Das Denkmal in Mauthausen trägt bis heute die Inschrift: „Wissenschaftler. Krieger. Ein Kommunist. Sein Leben und sein Tod waren eine Heldentat im Namen des Lebens.“

Erinnerung als politische Verpflichtung

Der heldenhafte Ausbruch der sowjetischen Offiziere aus dem Block 20 steht bis heute für mehr als individuellen Mut. Er steht für kollektiven Widerstand gegen Unterdrückung – selbst unter Bedingungen, unter denen das eigene Überleben kaum mehr möglich war.

Dass diese Erinnerung 2026 wachgehalten wird, ist Ausdruck einer notwendigen, grenzüberschreitenden Solidarität. Denn der Kampf gegen Faschismus, Geschichtsverfälschung und Kriegspolitik ist kein abgeschlossenes Kapitel – sondern eine bleibende Aufgabe.

Quelle: KZ-Verband/VdA OÖ / Zeitung der Arbeit

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Bildquelle: KZ-Verband/VdA OÖ

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