Internationale Studien belegen, dass in den reichen Industrieländern Einsamkeit wie eine soziale Epidemie ausbreitet. Besonders betroffen sind Jugendliche und alte Menschen, aber auch in den werktätigen Volksschichten wird Einsamkeit und Vereinzelung zunehmend zum Problem mit verheerenden Folgen für die Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft. Wie Otto Bruckner in seinem Eröffnungsbeitrag des Schwerpunktes verdeutlichte, ist dies kein Zufall und hat eine Funktion.
Mit dem Beginn der Konterrevolution Ende der 1980er Jahre und der Dominanz von politischen Ideologien, wie sie der damaligen britischen Premierministerin Margreth Thatcher vorangetrieben wurden, die betonte, dass Individuen alleine die Verantwortung für sich und ihr Leben tragen und nicht die Gesellschaft, gewann diese Entwicklung an Dynamik. Zugleich wurde in wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussionen proklamiert, dass die Arbeiterklasse vermeintlich ein überholtes Konzept, aus der Zeit der Industrialisierung und der frühen Phase des Kapitalismus sei, das heute nicht mehr greift. Ebenso wurde und wird behauptet, dass Marx‘ und Engels‘ Einsichten überholt sind und an Gültigkeit verloren hätten. All dies stärkt die Tendenzen zu Individualisierung, Vereinzelung und gefühlter gesellschaftlicher Fragmentierung seit Mitte der 1980er Jahre im Zuge der sich bereits abzeichnenden Schwäche der Sowjetunion und dem sozialistischen Aufbauwerk in den europäischen sozialistischen Staaten.
Die Konterrevolution in den sozialistischen Staaten Europas hat das Kräfteverhältnis international und auch in Österreich in Richtung der herrschenden Klasse und seiner Ideologen verschoben. Die Kommunistische Bewegung wurde von einer tiefen Krise erfasst, die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung ganz entschieden geschwächt und der Individualismus gegenüber kollektivem Handeln durchgesetzt. Vielfach hat sich seither die Ansicht durchgesetzt, bei uns herrsche die soziale Marktwirtschaft, nicht der Kapitalismus. Soziale Ungleichheiten würden, wenn schon nicht beseitigt, ausgeglichen und die Menschen wären als Angestellte kein Teil der Arbeiterklasse, also sei die Analyse von Klassen veraltet. Der umsichgreifende Individualismus erklärte, dass es nur noch um Lebensstile, Milieus und kulturelle Fragen gehe. Die potentielle Unwissenheit oder auch Verunsicherung des Volks wird von den Monopolen, den bürgerlichen Regierungen und einer Handvoll ihrer Ideologen permanent befördert. Die sogenannte soziale Marktwirtschaft ist Kapitalismus, die Eigentumsverhältnisse ebenso wie die Ausbeutung haben sich in ihren Grundstrukturen, in ihrem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nicht gewandelt, sie sehen nur an der Oberfläche anders aus. Bereits Marx und Engels erkannten, dass die Arbeiterklasse kein monolithischer Block ist, in dem alle dasselbe machen und sind, denselben Hobbys nachgehen oder gar gleich aussehen. Das objektive Interesse und die Position in der gesellschaftlichen Arbeit eint die Arbeiterklasse.
Eigentum als Zentrale Frage
Langzeituntersuchungen von Eigentumsverhältnissen strafen die bürgerlichen politischen, wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten Lügen, ebenso wie die Lektüre von Karl Marx selbst dies tut.
Die soziale Ungleichheit ist heute in den kapitalistischen Zentren so hoch wie seit Beginn der Industrialisierung nicht. In jeder Krise konzentriert sich das Eigentum in noch weniger Händen. In Österreich ist die Einkommensungleichheit durch die hohe Kollektivvertragsabdeckung vergleichsweisegering, die Vermögensungleichheit aber – selbst im internationalen Vergleich – hoch. 500 Personen (rund 0,006 Prozent der Bevölkerung) besitzen 39 Prozent des gesamten Finanzvermögens, gleichzeitig verfügen die ärmeren 50 Prozent der Haushalte zusammen über lediglich etwa 2,5 Prozent des Finanzvermögens.
Diese Verhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: Auch wenn sie heute in anderer Erscheinungsform auftreten, zeigt sich – wie zur Zeit der Analysen von Karl Marx und Friedrich Engels –, dass es eine große Zahl, dass es eine Mehrheit von Menschen gibt, die „doppelt frei“ sind. Sie sind frei vom Eigentum an Produktionsmitteln und frei sich ihre Ausbeuter auszusuchen an die sie ihre Arbeitskraft verkaufen, wenn auch unter der Einschränkung, dass sie erst Kapitalisten finden müssen, die ihre Arbeitskraft kaufen wollen. Im Jahresdurchschnitt waren 2025 laut Statistik Austria insgesamt 4.500.200 Menschen ab 15 Jahren erwerbstätig, damit lag die Erwerbstätigenquote bei fast 75 Prozent. Die Mehrheit arbeitete im in Österreich im Dienstleistungssektor. In Österreich machen Arbeiterinnen und Arbeiter etwa ein Drittel aller unselbstständig Beschäftigten aus, Angestellte und öffentlich Bedienstete zwei Drittel.
Sind diese zwei Drittel nun Teil der Arbeiterklasse? Mehrheitlich ja. Sie haben kein Eigentum an Produktionsmitteln und müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um leben zu können und sind somit vermehrt proletarisiert. Ihre Arbeitskraft wird warenförmig als austauschbar verkauft. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, die basierend auf dem Eigentum an Produktionsmitteln in der Lage sind sich durch Ausbeutung der arbeitenden Menschen ihren Lebensunterhalt und viel mehr zu sichern.
Die Arbeiterklasse – Das historische Subjekt
Dies wird auch nach der von Wladimir Iljitsch Lenin geprägten Klassendefinition bestärkt. Klassen bestimmen sich durch ihre Stellung im gesellschaftlichen Produktionsprozess, ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln, ihre Rolle in der Organisation der Arbeit sowie ihren Anteil am gesellschaftlichen Reichtum. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse wird demnach nicht anhand individueller Konsummöglichkeiten, sondern durch die objektive Position im Produktionsverhältnis bestimmt.
Zugleich ist eine zu enge Auffassung der Arbeiterklasse zu kritisieren, die diese ausschließlich mit dem Industrieproletariat und unmittelbar Mehrwert schaffenden körperlich Arbeitenden gleichsetzt. Eine solche Sichtweise vernachlässigt die zunehmende Unterordnung verschiedenster Tätigkeiten unter das Kapitalverhältnis sowie die Ausweitung von wissenschaftlichen, technischen und dienstleistungsbezogenen Arbeitsbereichen, die der eigentlichen Produktion vor‑, nach- oder nebengeordnet sind und dennoch Teil der modernen Arbeiterklasse sein können. Sie klammert eben das Verhältnis zu den Produktionsmitteln und die Stellung im Produktionsprozess aus.
In der Gründungs- und Grundsatzerklärung der Partei der Arbeit Österreichs (PdA) heißt zur Frage, wer Teil der Arbeiterklasse ist: “Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bestimmt sich nicht allein durch das Nichteigentum an Produktionsmitteln und der Verrichtung von Lohnarbeit, sondern die Arbeitskraft muss in vollem Umfang zur Ware entwickelt und damit dem Lohngesetz vollständig unterworfen sein. Dieses Kriterium (Übergang von der formalen zur realen Unterordnung der Arbeitskraft unter das Kapital) beschreibt die volle Austauschbarkeit und absolute Ersetzbarkeit der Arbeitenden. Es zielt also auf die Vollendung der Unterordnung der lebendigen Arbeit unter das Kapital als wesentliches, die Arbeiterklasse konstituierendes Merkmal ab.“
Die Grundklassen aus Kapital und Arbeiterklasse prägen also nach wie vor die Gesellschaft aber dennoch gibt es nichtproletarische „lohnabhängige Mittelschichten“. Das macht die Frage nach „Arbeit mit und in der Arbeiterklasse“, der sich die Partei der Arbeit Österreichs (PdA) im Juni widmet zu einer zentralen. Die Arbeiterklasse ist und bleibt das historische Subjekt, mit einem objektiven Interesse, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter.
„Während die Kapitalisten die reaktionäre Klasse bilden, ist die Arbeiterklasse die revolutionäre Klasse im Kapitalismus. Ihre eigenständige Organisierung ist Voraussetzung dafür, dass sie den Kampf um ihre eigene Befreiung sowie um jene der gesamten Menschheit erfolgreich führen kann.“
Weiter steht in Programmentwurf der Programmkommission der PdA: „Es wäre zu eng zu meinen, dass neben der Klassenanalyse kein anderer Ansatz irgendwelche brauchbaren Erkenntnisse liefern könnte, etwa hinsichtlich der Erkenntnis über die Selbsteinschätzung vieler Menschen, Einkommensverteilungsverhältnisse und ‑trends. Die eigentliche Frage ist jedoch: Mit welchem Ansatz lassen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse auf das hin begreifen, was sie begründen? Und welchen grundlegenden weltanschaulichen und politischen Charakter haben die unterschiedlichen Modelle?
Der Klassenbegriff ist ein theoretischer Begriff, der sich weder auf das Erscheinungsbild noch auf arbeitsrechtliche Grundlagen, sondern auf das Wesen der Sache bezieht.“
Hier setzt die 2. Parteikonferenz der Partei der Arbeit zum Thema „Arbeit mit und in der Arbeiterklasse“ an und wird sich unter anderem der Frage nach der Lage der arbeitenden Klasse in Österreich, deren Erscheinungsbild, Situation im Leben und der Arbeit, aber auch ihrer Einstellungen widmen.
Die Lage spitzt sich zu
Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann attestiert werden, dass sich die Lage der arbeitenden Klasse mit Beginn der Konterrevolution verschärft hat und mit den zunehmenden imperialistischen Krisen weiter zuspitzen wird, auch in Österreich. Österreich als vermeintliche Insel der Seeligen, wo die Arbeiterklasse im Vergleich zu anderen Ländern besser geht und Krisen die arbeitenden Menschen weniger hart treffen, hat nichts mit der Realität zu tun. Dies spiegelt sich in der Situation der Arbeiterklasse wider und kann exemplarisch und schlaglichtartig an zwei Bereichen illustriert werden, die als Grundbedürfnisse unumstritten sind: Wohnen und Gesundheit
Wohnen wird zu Luxus
Der Anteil der Mietwohnungen beträgt aktuell rund 46 Prozent, wobei insbesondere in den Ballungsräumen die Bedeutung des privaten Mietmarktes gewachsen ist. Der Anteil der Menschen die zur Miete wohnen ist in Österreich im internationalen Vergleich hoch. Die Wohnkosten stiegen deutlich stärker als die allgemeine Inflation und vielfach auch stärker als die Einkommen. So erhöhten sich die privaten Hauptmieten zwischen 2008 und 2017 um 36,4 Prozent, während die Verbraucherpreise im selben Zeitraum lediglich um 16,6 Prozent zunahmen. Seit 2006 haben sich die durchschnittlichen Quadratmetermieten mehr als verdoppelt. Nur etwa 20 Prozent der im Mikrozensus Befragten geben an, dass sie die Miete nicht belaste.
Auch die Immobilienpreise stiegen seit 2010 wesentlich schneller als die Einkommen, wodurch insbesondere für junge Haushalte der Zugang zu Wohneigentum erschwert wurde. Haushalte, die in Eigentum leben geben zu 23 Prozent an, nicht durch die Kosten belastet zu sein. Etwa 40 Prozent derer, die sich aktuell Wohneigentum anschaffen bekommen Geld von der Familie, ansonsten werden Immobilen vielfach geerbt. Nur basierend auf Einkommen und Bankkrediten wird Eigentum immer weniger leistbar, insbesondere im Westen Österreichs ist dies mit einen Durchschnitteinkommen unrealisierbar.
Insgesamt mussten im Jahr 2024 bereits 9 Prozent aller österreichischen Haushalte mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen aufwenden. So wird wohnen zum Luxusgut. Wie hoch Mietpreise sind variiert über das Land verteilt, insbesondere Tirol, Salzburg und Wien. Die Hälfte der privaten Hauptmieten ist befristet, was Unsicherheiten für die Mietenden schafft und willkürliche Mietsteigerungen ermöglicht.
Mieten sind 2024 auch weiterhin stärker als dir Gesamtinflation gestiegen. Es zeigt sich, dass Wohnen mit den zunehmenden Krisen und der Teuerung für immer größere Teile der Arbeiterklasse zu einem Luxus wird, und in anderen Bereichen vermehrt Abstriche gemacht werden müssen.
Gesundheit statt Profite
Neben wohnen wird aber auch die Gesundheit als Grundbedürfnis immer weiter den Profiten ausgeliefert. Das Gesundheitswesen in Österreich wird seit Jahren ausgehöhlt, jede Reform bringt Verschlechterungen für die Arbeiterklasse und ihre Rechte werden angegriffen.
2025 hat die Inflation bei den Gesundheitskosten die allgemeine Durchschnittsteuerung überholt. Während die Kosten bei Allgemeinmedizinerinnen und ‑medizinern sowie von Medikamenten unterhalb der Inflationsentwicklung lag sind die Kosten, beispielsweise für Wahlfachärztinnen und ‑ärzte oder Zahnärztinnen und ‑ärzte oder auch Physiotherapie, stärker als der allgemeine Teuerung gestiegen. Wahlfachärztinnen – und Ärzte liegen mit einem Kostenanstieg von 6,0 Prozent im Oktober 2025 an der Spitze.
Die Entwicklung hin zu einer Zwei-Klassen-Medizin verschärft sich. Während die Zahl der Kassenärztinnen und ‑ärzte über Jahre hinweg weitgehend stagnierte, stieg die Anzahl der Wahlärztinnen und ‑ärzte deutlich an. In einzelnen Fachbereichen wie Dermatologie, Augenheilkunde, Gynäkologie und Orthopädie nahm die Zahl der Vertragsärztinnen und ‑ärzte wie der Austrian Health Report zeigt ab, während immer mehr Ärztinnen und Ärzte als Wahlärztinnen und ‑ärzte tätig sind. Dadurch tragen Wahlärztinnen und ‑ärzte zwar vermeintlich zur Schließung von Versorgungslücken bei, sie sind jedoch aufgrund finanzieller Hürden nicht für alle Patientinnen und Patienten gleichermaßen zugänglich, da die Krankenkassen nur einen Teil der Honorare rückerstatten.
Parallel dazu wächst die Zahl privater Kranken-Zusatzversicherungen stark an, wodurch sich der Zugang zu schnelleren oder leichter verfügbaren medizinischen Leistungen zunehmend nach den finanziellen Möglichkeiten der Patientinnen und Patienten richtet. Die größte Unzufriedenheit bei Patientinnen und Patienten herrscht in Österreich nämlich im Bezug auf Wartezeiten. Wer sich also eine Wahlarztversicherung leisten kann, profitiert von dem Angebot, während andere entweder längere Wartezeiten in Kauf nehmen oder einen Teil der Kosten selbst tragen müssen. So oder so die Kassen klingeln und die Arbeiterklasse zahlt die Rechnung, in Form von Geld, Gesundheit und bei ausbleibenden Behandlungen mitihrem Leben.
Ärmere Haushalte sind, ebenso wie bei den steigenden Mieten, am stärksten von diesen Preissteigerungen und der Zwei-Klassenmedizin mit ihren Hürden betroffen. Neben der Leistbarkeit kommt hinzu, dass in reicheren Gegenden deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte zur Verfügung stehen.
Analysen zu Wien zeigen, dass dies Konsequenzen für die Lebenserwartung hat und weitere Studien zeigen, dass Gesundheit und Krankheit entsprechend Eigentumsverhältnissen ungleich verteilt sind. Deutliche Unterschiede in der Lebenserwartung zeigen sich nach Bezirk, die längste Lebenserwartung haben Bewohnerinnen und Bewohner des 1. Bezirks (84,9 Jahre und 2.728 Euro netto Einkommen), in Rudolfsheim-Fünfhaus ist die Lebenserwartung entsprechend dem geringen Einkommen von 1567 Euro etwa um 5 Jahre geringer. Solche Zahlen werden vielfach mit ungesundem Lebensstil begründet, das greift aber zu kurz, Zugang zu Versorgung, verschiedene Arbeitsbelastungen ebenso wie Geld für gesunde Ernährung und Prävention sind zentrale Faktoren.
Auch Gesundheit wird vermehrt zum Luxusgut. Die geplante Gesundheitsreform wird die Versorgungslage nach Geldbörse ebenso verschärfen wie die allgemeine Teuerung die Ungleichheiten im Bereich Krankheit und Gesundheit insgesamt.
Mythos bröckelt spürbar
Diese zwei Schlaglichter haben verdeutlicht, dass sich die Lage der Arbeiterklasse in Österreich, der Insel der Seeligen, doch nicht so gut entwickelt wie vielfach behauptet. Angriffe auf die sozialen und politischen Rechte der Arbeiterklasse nehmen zu und werden ihre Situation, ebenso wie die zunehmenden innerimperialistischen Widersprüche weiter verschärfen. Ein Blick unter die Oberfläche intakter Institutionen zeigt, dass die Sozialpartnerschaft als Stütze des Kapitals agiert und Widersprüche immer schlechter verdeckt. Im Rahmen der Betriebskonferenz wird sich die Partei der Arbeit umfassender Fragen nach der Lage der Arbeiterklasse in Österreich widmen, sich mit den Institutionen der Sozialpartnerschaft und vielem mehr beschäftigen, um eine schlagkräftige Politik zu entwickeln
Quelle: Grundsatzerklärung – Partei der Arbeit/Einheit&Widerspruch/Momentum Institut/Momentum Institut/Statistik Austria/Statistik Austria/Statistik Austria/INFINA/Der Standard/A&W‑Blog/A&W‑Blog/Partei der Arbeit

















































































