Die iranischstämmige Comiczeichnerin und Filmemacherin Marjane Satrapi ist im Alter von 56 Jahren gestorben. Weltbekannt wurde sie mit der Graphic Novel „Persepolis“, in der sie ihre Jugend im Iran und in Österreich verarbeitete.
Paris. Satrapi wurde 1969 in Rascht im Norden Irans geboren und wurde als Teenager nach Wien geschickt, um politischer Repression und dem Iran-Irak-Krieg zu entgehen. Später studierte sie in Teheran und zog schließlich nach Frankreich, wo sie zu einer international bekannten Comic-Künstlerin wurde.
Mit Persepolis gelang ihr der Durchbruch: Das Werk wurde vielfach ausgezeichnet, in 25 Sprachen übersetzt und 2007 erfolgreich verfilmt, und unter anderem mit einem Preis in Cannes und einer Oscar-Nominierung gewürdigt. Der Film ist größtenteils in schwarz-weißer 2D-Animation gehalten, angelehnt an den grafischen Stil der Comicvorlage. In klaren Bildern schildert Satrapi Erfahrungen von Unterdrückung, Exil und Migration. Die Co-Regie beim Film Persepolis führte – gemeinsam mit ihr – Vincent Paronnaud, ein französischer Comiczeichner und Filmemacher, der auch bekannt unter dem Künstlernamen Winshluss ist.
Der erste Comic-Band von Persepolis spiegelt Satrapis Kindheit während der Islamischen Revolution und des Iran-Irak-Kriegs wider – geprägt von Repression, aber auch von Neugier und Lebensfreude. Aus der Perspektive eines Mädchens beschreibt sie Gewalt, Ideologie und Krieg, aber auch kleine rebellische Akte im Alltag. Im zweiten Band erzählt sie von ihrer Jugend in Wien. Dort erlebt sie kulturelle Fremdheit, oberflächliche Beziehungen und Identitätskonflikte. Die Distanz zur Heimat, Drogenexzesse und Einsamkeit führen in eine tiefe Krise, die sich in einer Depression äußert. Zuletzt lebt sie in Wien auf der Straße.
Nach vier Jahren in Österreich kehrte Satrapi schließlich in ein vom Krieg gezeichnetes Iran zurück, fand nur langsam Halt und studierte Kunst. Mit 21 Jahren verließ sie ihr Land ein zweites Mal und ging nach Frankreich. Sie gab neben Persepolis“(Erstpublikation 2000) weitere Comics heraus, etwa Broderies – zu Deutsch „Sticheleien“ – und Poulet aux prunes – zu Deutsch „Huhn mit Pflaumen“, arbeitete darüber hinaus als Regisseurin und Drehbuchautorin.
Satrapi lebte zuletzt in Paris. Nach dem Tod ihres Ehemanns Mattias Ripa im Jahr zuvor starb Satrapi am 4. Juni 2026. Sie sei „an Trauer gestorben“, heißt es aus ihrem Umfeld.
Das künstlerische Werk von Marjane Satrapi spiegelt die Vielschichtigkeit und die Zerrissenheit ihres Lebens und gleichzeitig ihres Heimatlandes wider. In Persepolis erzählt Satrapi weit mehr als ihre persönliche Geschichte: Sie zeichnet das Bild einer politischen Entwicklung und einer komplexen Gesellschaft, die sich mit zentralen Themen wie Freiheit, Identität, Unterdrückung, Religion und kultureller Zugehörigkeit auseinandersetzt und auseinandersetzen muss. Immer wieder kommt die politische Repression zur Sprache, die sich auch gegen Kommunisten in ihrer Familie wendet, die das mit Gefängnisstrafen, Folter und letztlich ihrem Leben bezahlen müssen, vor und nach der Islamischen Revolution von 1979. Sie korrigiert auch das im Westen verbreitete Klischee einer passiven iranischen Bevölkerung und zeigt die innere Zerrissenheit zwischen Anpassung und Widerstand, Angst und Freiheitsdrang, aber auch zwischen Hoffnung auf Veränderung und nationalem Stolz auf.
Die Ignoranz und Unwissenheit weitester Teile der westlichen Welt gegenüber dem Iran ist freilich eine grenzenlose. Nicht zufällig referenziert Satrapi mit Persepolis auf eines der berühmtesten historischen Bauwerke des heutigen Iran. Das historische Persepolis wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. Gegründet, war die Hauptstadt des antiken Perserreichs und gehört zu den bedeutendsten Städten der alten Welt. Bis heute ist die antike Stadt starkes Symbol für Geschichte, kulturelles Erbe und nationale Identität des Iran. Sie ist für viele ein Referenzpunkt in einer Gesellschaft, die einer ungewissen Zukunft entgegensieht – zwischen Repression durch das Regime, existenzieller nationaler Bedrohung durch Interventionen von außen, und immer wieder der Gefahr eines möglichen Bürgerkriegs.
Nicht nur das reiche kulturelle Erbe des Iran ist in unserem durch kapitalistische Propaganda geprägten Denken kaum gegenwärtig, auch der Kenntnisstand über die iranische Gesellschaft ist ein bescheidener. Es mag überraschen, dass in der Graphic Novel und im Film immer wieder Begeisterung für westliche Pop‑ und Rockkultur anklingt, die sich auch in Marjanes jugendlicher Vorliebe für Iron Maiden und Punkmusik ausdrückt – beides im Iran nach der Islamischen Revolution verboten bzw. stark eingeschränkt. Geheime Discoabende in Privathaushalten und selbst produzierter Wein (die Trauben mit einem „Gott vergib mir“ in der Badewanne gekeltert) geben Einblick in eine Gesellschaft, die der strikten Auslegung des Islam größtenteils kritisch gegenübersteht und darunter leidet.
Feine Ironie und Bedrückung wechseln sich im Film ab. Es wird deutlich spürbar, worin das schwere Erbe der Marjane Satrapi besteht, die als Kind bereits mit Krieg, Folter und Hinrichtungen im nahen Umfeld konfrontiert wurde. Ein Erbe, das sie sicher lebenslang nicht abschütteln konnte. Es stimmt traurig, dass Marjane Satrapi nur 56 Jahre alt wurde, und ihr Leben zuletzt von großer Traurigkeit dominiert war. Es tröstet, dass sie mit Mattias Ripa nach eigenen Aussagen die Liebe ihres Lebens gefunden hatte. Sie hat uns ein großes künstlerisches Erbe hinterlassen, das bei Menschen aus aller Welt für ein tieferes Verständnis der iranischen Kultur, Gesellschaft und Politik gesorgt hat.
Quellen: ORF.at/Rezensionen.ch/Film Persepolis (2007)




















































































