Für die Zeitung der Arbeit führte Otto Bruckner ein schriftliches Interview mit dem Journalisten und Publizisten Reinhard Lauterbach zum Thema Ukraine/Russland. Im ersten Teil des Interviews ging es vor allem und die Frage, ob der Krieg in der Ukraine verhindert beziehungsweise wann er gestoppt hätte werden können sowie um den aktuellen Stand der Dinge. Im zweiten Teil geht es um Nachkriegsperspektiven, um die innenpolitische Situation in der Ukraine und in Russland und um die widerstreitenden Interessen der imperialistischen Machtblöcke.
Kann die Ukraine nach dem Krieg wirtschaftlich überhaupt aus eigener Kraft lebensfähig sein?
Reinhard Lauterbach: Kurz- und mittelfristig sicherlich nicht. Langfristig müsste ein komplettes wirtschaftliches Reset passieren: das von der Schwerindustrie geprägte Wirtschaftsprofil der Sowjetukraine wird sich nicht wiederherstellen lassen. Die Ukraine hat einige Fähigkeiten im IT-Bereich und erhebliche noch nicht erschlossene Rohstoffvorräte. Aber auf die haben sich die USA bereits entscheidenden Einfluss gesichert, da wird also die Ukraine nicht viel davon haben. Im Zuge des Krieges sind erhebliche Kapazitäten im Rüstungsbereich entstanden, und die Ukraine wird sich von keinen moralischen Erwägungen davon abhalten lassen, Tötungsgerät an jeden zu verkaufen, der es bezahlt. Was sicherlich ausbaufähig wäre, wäre die Ukraine als Standort für Sonnen- und Windenergie. Aber es wäre ein im wesentlichen kolonialer Status, die Ukraine als Windfarm der EU. Ob sie in der Lage wäre, mit großen Mengen kostengünstig erzeugten Stroms etwa im KI-Bereich zu den größeren Playern zu werden, ist heute schwer zu beantworten. Das würden nicht zuletzt die USA wohl lieber verhindern, die wollen diesen Kuchen schließlich selbst haben.
Welche Kapitalgruppen werden in der Nachkriegsukraine den größten Einfluss haben, US-amerikanische oder europäische und welche Rolle werden die Oligarchen spielen?
Reinhard Lauterbach: Wahrscheinlich US-amerikanische. Den ukrainischen Oligarchen bleibt das, was sie seit 1991 auch gemacht haben: sich am laufenden Raubbau persönlich zu bereichern.
Sprechen wir über die politische Situation in der Ukraine. Die Korruptionsermittlungen haben mit der Inhaftierung von Andrej Jermak den innersten Kreis des Präsidenten erreicht. Ist das ein Warnschuss des Westens, dem wesentlicher Einfluss auf die Korruptionsermittler nachgesagt wird, an Selenskyj?
Reinhard Lauterbach: Es lässt sich zumindest zu einem solchen machen.Die Korruption erhöht ja für den Westen die sogenannten Transaktionskosten, d.h. sie macht die geleisteten Zahlungen weniger wirksam in dem Sinne, in dem der Westen sie leistet. Persönliche Bereicherung irgendwelcher Politiker gehört zu diesen Zwecken eher nicht, das wird in Kauf genommen, soll aber im Rahmen gehalten werden.
Im Moment ist aber niemand im Westen daran interessiert, Zelenskyj abzuservieren. Wenn das passieren würde, würde die innenpolitische Lage destabilisiert, das kann im Westen niemand wollen. Es gibt im übrigen auch keine wirkliche politische Alternative zu Zelenskyj und seinem Kriegskurs im politischen Feld der Ukraine. Wer sich für einen Ausgleich mit Russland oder der russischsprachigen Bevölkerung im eigenen Land eingesetzt hat, ist schon zu Beginn des Krieges politisch an den Rand gedrängt worden.
Hat die ukrainische Elite Angst vor der Heimkehr der Soldaten von der Front. Ist dann eine Abrechnung der faschistischen Bataillone mit der Militär- und Staatsführung zu erwarten, die teils widersinnige Befehle zum Halten von Städten gegeben hat, wo längst alles verloren war?
Reinhard Lauterbach: Das dürfte einer der Gründe dafür sein, dass Zelenskyj den Krieg verlängern will: solange er andauert, sind die Truppen an der Front gebunden. Auf der anderen Seite teilen die faschistischen Kräfte in der Armee ja mit Zelenskyj die antirussische Stoßrichtung; und dass Kriegertypen wie der Asow-Chef Bileckyj Probleme mit dem Töten im Krieg hätten, kann ich nicht sehen. Im übrigen tut Zelenskyj ja gerade mit seiner symbolischen Aufwertung der ukrainischen Nazikollaborateure gerade viel, um die Faschisten bei Laune zu halten. Selbst um den Preis, das ukrainische Verhältnis zu Polen gründlich zu verderben. Im übrigen: wenn Zelenskyj weg sein sollte, käme ein anderer an seine Stelle, der auch nicht besser wäre.
Schätzungen gehen davon aus, dass aktuell nicht mehr als 25–30 Millionen Menschen in der Ukraine leben. Es wird davon gesprochen, Arbeiter aus Afrika und Asien ins Land zu holen. Drohen da nicht rassistische Unruhen durch die weißen Suprematisten, die nach dem Vorbild der Nazis eine „reine ukrainische Rasse“ erhalten wollen?
Reinhard Lauterbach: Das kann schon sein, aber da will ich nicht spekulieren. Noch sind die Migranten ja nicht da. Unter Bedingungen objektiven Arbeitskräftemangels wäre es ja auch denkbar, dass solche Arbeitsmigranten als gesellschaftlich nützlich wahrgenommen und damit so relativ in Ruhe gelassen werden, wie die Migranten in der Europäischen Union. Wenn man z.B. krank ist, kann und muss es einem egal sein, welche Hautfarbe die Krankenschwester hat. Weiße Suprematie hin oder her.
Schreibt der Westen die aktuelle politische Krise in Russland herbei, oder hat das einen realen Hintergrund?
Reinhard Lauterbach: Da dürfte auf westlicher Seite einiges an Wunschdenken dabei sein. Russland finanziert den Krieg nicht über die Notenpresse, sondern aus den Erträgen des Rohstoffverkaufs. Die innere Verschuldung des russischen Staates ist im Vergleich zu der der EU-Staaten gering. Und es gelingt der russischen Führung bisher, Einschränkungen des Lebensstandards mit der Kriegssituation zu legitimieren. Im übrigen ist es mit der Nachfolgefrage in Russland genau wie mit der in der Ukraine. Es ist eher wahrscheinlich, dass ein Nachfolger Wladimir Putins eher eine noch härtere Linie verfolgen wird.
Gibt es Versuche der Ukraine auch das Verhältnis zu Israel zu verbessern und Israel als Kriegsunterstützer zu gewinnen? Und wie geht die Netanjahu Regierung damit um?
Reinhard Lauterbach: Das Verhältnis zu Israel war ja nie schlecht. Viele der ukrainischen Oligarchen sind jüdischer Herkunft, und Israel hat sich immer wieder als Rückzugsort für solche Personen bewährt, weil es grundsätzlich keine Juden ausliefert. Davon hat früher z.B. Igor Kolomojskyj profitiert, der Zelenskyj aufgebaut hat, und zuletzt dieser Timur Minditsch, in dessen Wohnung die Zelenskyj und Jermak belastenden Gespräche aufgenommen worden sind, die jetzt von den ukrainischen Antikorruptionsaktivisten veröffentlicht wurden und werden. Israel versucht nach meinem Anschein, sich aus dem Krieg herauszuhalten – sicherlich auch wegen des starken Anteils russischer und russischsprachiger Einwanderer an der Bevölkerung. Vor allem aber wohl, um Russland nicht noch enger an die Seite des Iran zu treiben.
Wie würdest Du die Einschätzung beurteilen, dass der imperialistische Krieg in der Ukraine zunehmend zu einer von vielen Konfrontationen zwischen einem sich herausbildenden euro-atlantischen Block mit den USA, der EU und der NATO und einem euro-asiatischen Block mit China und Russland im Zentrum wird, und damit eine dauerhafte Friedenslösung eher unwahrscheinlich ist?
Reinhard Lauterbach: Diese Einschätzung teile ich. Der kollektive Westen (oder, wie Putin sagt, die „goldene Milliarde“) kämpft gegen seinen weltpolitischen Bedeutungsverlust an, verkörpert durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas. Da liegt es aus westlicher Sicht nahe, Konflikte am laufen zu halten, solange sie das noch können. Und wo sie es können, wie im Fall der Ukraine. Im Falle des Iran sieht es ja nach einer anderen Konstellation aus.
Welche widerstrebenden Interessen gibt es vor dem Hintergrund dieser Konfrontation im euro-atlantischen Block im Bezug auf den imperialistischen Krieg in der Ukraine?
Reinhard Lauterbach: Wie schon gesagt: die EU hat den Ukrainekrieg zu ihrer ureigensten Sache gemacht, ich halte sie heute für den wesentlichen Kriegstreiber. Für die USA ist es ein Konflikt unter vielen, und zumindest unter Trump scheinen sie das Interesse an ihm verloren zu haben. Das kann sich aber natürlich wieder ändern, wenn die Republikaner die nächsten Wahlen in den USA verlieren sollten. Vielleicht schon im November für den Kongress, vielleicht auch erst bei der nächsten Präsidentenwahl.
Reinhard Lauterbach ist ein deutscher Osteuropa‑Journalist (Jg. 1955), Historiker und Slawist, langjähriger Redakteur beim Hessischen Rundfunk und der ARD und ehemaliger Hörfunkkorrespondent für Ukraine und Belarus. Seit 2013 arbeitet er als freier Osteuropa‑Korrespondent. Er lebt in Polen und schreibt regelmäßig in der linken deutschen Tageszeitung Junge Welt. Von ihm sind auch einige Bücher erschienen, so die Titel Bürgerkrieg in der Ukraine (2014/2015) und Das lange Sterben der Sowjetunion (2016).
Der erste Teil des Interviews erschien am 3. Juni 2026: „Mama Ursula“ wird alles bezahlen – Zeitung der Arbeit




















































































